Brasserie Thi:Völlerei an der Grenze zur Todsünde

Lesezeit: 3 min

Brasserie Thi: Feine Fusion-Küche in schönem Ambiente: Die neue Brasserie wirkt edel, aber nicht protzig.

Feine Fusion-Küche in schönem Ambiente: Die neue Brasserie wirkt edel, aber nicht protzig.

(Foto: Robert Haas)

Die Brasserie Thi veredelt französische Küche mit exotischen Aromen. Das könnte in einem Tuttifrutti-Fusion-Desaster enden. Tut es aber nicht. Eine intensive Reise mit verblüffenden Kombinationen.

Von Kurt Kuma

Wenn zwei der weltweit beliebtesten und vielseitigsten Küchen ihr Bestes zusammentun, dürfte es nicht mehr weit sein zum Gipfel des kulinarischen Olymps. Solche Gedanken schießen durch den Kopf, wenn die in diesem Jahr eröffnete Brasserie Thi ihr Konzept darstellt: "Raffinierte französische Küche trifft auf feine Asia-Aromen", sagt die Website.

Das kann bekanntlich auch in einem Tuttifrutti-Fusion-Desaster enden. Aber was die Geschäftsführer und Brüder Thi und Vu Nguyen versprechen, klingt so ansprechend wie glaubwürdig.

Also nichts wie hin, in die Bräuhausstraße 8, ran an die schönen Holztische, auf die gepolsterten Bänke, die grün bespannten Sesselstühle (natürlich nach vorheriger Prüfung der 2-G-Formalia). Der Gastraum wirkt behaglich und edel, aber nicht protzig. Eher wie ein klassischer Salon. Viel Holz, viel dunkelgrün mit modernen Elementen.

Das Speisenangebot ist gegliedert in Wochen- und Bistrokarte. Es gibt Menüs (ab 55 Euro) aber keinen Menüzwang, im Gegenteil, wildes Kombinieren ist willkommen, sogar zwischen den beiden Karten. Wer will, kann hin- und her springen, eine Suppe aus dem Menü, einen Tartar von der Bistrokarte, Hauptgang oder eine Nachspeise von der Wochenkarte, oder doch eine Käsevariation aus der Bistro-Rubrik?

Brasserie Thi: Die Brasserie Thi hat im Sommer 2021 in der Bräuhausstraße 8 eröffnet.

Die Brasserie Thi hat im Sommer 2021 in der Bräuhausstraße 8 eröffnet.

(Foto: Robert Haas)

Mit etwas Entdeckerlust kann man so launige Elemente einbauen wie das Zehn-Gramm-Döschen Alpenkaviar aus einer Störzucht in Österreich, bei der, wie wir erfuhren, die Fische nicht getötet werden, um an den begehrten Rogen zu gelangen.

Doch zunächst blieben wir auf vertraut klingendem Terrain und bestellten zum Beispiel ein Hauptgericht mit Reh. Zarte Fleischstücke kamen mit einer winterlich wärmenden Sauce aus Pflaumennoten und mildem schwarzem Knoblauch auf den Tisch. Dazu gab es knackige Schwarzwurzelstücke auf wunderbar sämigem Püree.

Anderntags gefiel uns eine perfekt rosa gegarte Entenbrust, deren dunkle Saucenbegleitung ihren Zauber den Ingredienzen des Five-spice-powder verdankte, ohne dabei komplett ins Chinesische abzudriften (32 Euro). Dazu, jetzt wieder westlich: knollige Kapuzinerkresse. Immer wieder fühlt man sich in der Brasserie Thi an das Konzept erinnert, das der Modedesigner Paul Smith in der Couture etablierte: Klassisches mit einem Twist.

Brasserie Thi: Die Entenbrust war perfekt rosa gegart, die dunkle Sauce zauberhaft gewürzt.

Die Entenbrust war perfekt rosa gegart, die dunkle Sauce zauberhaft gewürzt.

(Foto: Robert Haas)

Besonders intensiv erlebten wir die gelungene euro-asiatische Interferenz mit kleineren Vor- und Zwischengängen, deren Ankündigung fast schon verwegen klang: "Fermentierte Pilze, Speckdashi, Popcorn" zum Beispiel (18,50). Serviert wurde ein winterlich-tiefgründiger gebräunter Dashi-Sud (der aus Fisch und Seetang gewonnen wird und in diesem Fall mit Speckaroma aufgepeppt wurde), mit einer Variation bissfester Pilze darin, wir entdeckten sogar Morcheln. Ach ja, ein paar Flocken Popcorn schwammen mit im Dashi. Ein Gag. Aber gelungen.

Erfrischende Sommernoten in den Winterabend brachte eine Schale mit drei Sorten Bete in Merlotessig (14,50). Und unser Favorit: Nach Kimchi-Art fermentierter Rotkohl, dessen zartbittere Säure wunderbar zu Wildschweinschinken passte, während eine zarte Schärfe auf der Zungenspitze bitzelte (14,50).

Die SZ-Kostprobe

Die Restaurant-Kritik "Kostprobe" der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch Online und mit einer Bewertungsskala. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts - von München, Wissen bis zur Politik - schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fastfood-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: Nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen - um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können. SZ

Nur einmal fanden wir einen Kniff misslungen, wohlgemerkt: nicht das Gericht an sich. Ein wunderbar gabelfestes Wallerfilet, ebenfalls in Dashi, diesmal mit Zitronennoten und Gemüsestreifen, wurde von Bun-Stücken begleitet, einer fluffigen vietnamesischen Teigware (28,50). Leider lagen die Buns zum Teil im Dashi, was den fluffigen Teig in Schleim verwandelte. Wir würden es jederzeit wieder bestellen, nur mit den Buns auf einem Extrateller.

Auch Veganer kommen hier voll auf ihre Kosten

Die Konsistenz der Speisen ist ansonsten makellos in der Brasserie. Die Arme eines Oktopus (Teil des Menüs) waren innen butterzart, die Saugnäpfe hingegen knusprig, das muss man erstmal hinbekommen. Dazu gab es Edamame und japanische Algen. Veganer kommen übrigens voll auf ihre Kosten, das gilt für alle Phasen des Abends.

Wir mochten ein Pilzragout mit tiefgründigen, fast rauchigen Noten, die mehr Umami verströmten als manches Gulasch. Apropos: Auch handfeste Carnivoren kann die Brasserie versorgen: Ein "Cut of the day" auf der Bistrokarte verspricht ebenso wie ein "Spicy Tartar" jede Menge Fleischeslust. Wir jedoch konzentrierten uns auf die Erkundung der franko-asiatischen Kombinationen.

Die Weine betreffend darf man sich getrost den offenen, glasweise ausgeschenkten Tropfen sowie der rundweg freundlichen Beratung des Personals anvertrauen. Wir mochten den Grauburgunder sehr und unter den Roten den Côtes du Rhône (je 7,50).

Das interkontinentale Kombinieren hört bei den Nachspeisen übrigens nicht auf: Eine Kürbiskern-Tartelette, begleitet von Vogelbeereis (nein, Vogelbeeren sind nicht giftig), sah eher aus wie ein Gemüsekuchen, dank vieler Kürbiskerne und einiger Kräuter oben drauf (Twist!). Innen jedoch wartete eine deftige dunkle Mousse. Das Ding war erstens ein Erlebnis, zweitens eine Bombe.

Wer gedenkt, einen Abend in der Brasserie Thi mit einer Nachspeise abzurunden, sollte bei der Planung der vorausgehenden Gänge den nötigen Platz im Magen vorsehen. Es handelt sich um veritable kleine Gerichte, wie uns der Preis (je 13 Euro) vielleicht schon hätte sagen können. Beim zweiten Besuch teilten wir ein Tiramisu zu zweit. Wieder Bombe. Das verlockte uns zu einem Gläschen kubanischem Rum.

Zugegeben, die Völlerei näherte sich an diesem Punkt einem todsündenverdächtigen Niveau.

Brasserie Thi, Bräuhausstraße 8, 80331 München, Telefon: 089/59998867, info@brasserie-thi.de, Öffnungszeiten Montag bis Freitag 12 bis 22 Uhr, Samstag 14 bis 22 Uhr.

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