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München:Warum wir mehr Unkraut brauchen

Bild in neuer Seite öffnenWildblumen am Münchner Lenbachplatz

Eine grüne Oase mitten in der Betonwüste: Pro Quadratmeter entdeckt Andreas Fleischmann bis zu zehn Pflanzenarten.

(Foto: Catherina Hess)

An diesem Sonntag ist der Ehrentag der Verachteten unter den Pflanzen. Ihnen gilt das Interesse von Botaniker Andreas Fleischmann, der selbst auf einem kleinen Grünflecken mitten in der Stadt große Artenvielfalt entdeckt.

Von Simon Garschhammer

Eine unscheinbare Grünfläche am Lenbachplatz. Ein grünes Dreieck, umgeben von grauen Gehwegen und noch graueren Straßen. Ein paar karge Bäume, ansonsten: Wiese und Unkraut. Keines Blickes würdig, so scheint es. Doch einer schaut genau hin. Er sitzt kniend im Gras, zeigt auf Blumen und Insekten. Passanten beobachten ihn verwundert. Der lebhafte Mann ist Andreas Fleischmann, Mitarbeiter der Botanischen Staatssammlung. Der Botaniker gilt als Koryphäe auf seinem Gebiet, unternahm botanische Expeditionen auf fast allen Kontinenten. Was interessiert ihn so an diesem Stück Grün inmitten der Betonwüste?

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Für Fleischmann ist die Fläche nicht nur ein grünes Dreieck, sondern eine blühende Oase. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, sie ist gar nicht grün, sondern bunt. Was man abfällig als Unkraut abtut, sind farbenfrohe Blumen: Gänseblümchen, Löwenzahn, Gelbstern und Schöllkraut sind nur einige von ihnen. "Auf einem Quadratmeter hier hat man sieben bis zehn Pflanzenarten", sagt Fleischmann. Das meiste davon sei "Unkraut". Ihn stört das Wort, er sagt lieber Beikraut oder Wildkraut. "Der Begriff kommt aus dem Gartenbau und der Landwirtschaft, da war Unkraut alles, was unerwünscht ist. Aber das ist eine menschengemachte Definition, denn für die heimische Pflanzen- und Tierwelt ist das extrem wertvoll."

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In der Stadt ist Artenvielfalt durchaus vorhanden, man muss nur hinschauen.

(Foto: Catherina Hess)

Doch welche Tiere leben dort umgeben von Autolärm und Abgasen? "Viele!", ruft Fleischmann. Tatsächlich, kniet man sich wie er auf die Wiese, tut sich eine eigene Welt auf. Marienkäfer krabbeln über Blätter, eine Raupe kriecht durch das Gras, Bienen schwirren von Blume zu Blume. Eine Makro-Welt, die beim Vorbeigehen verborgen bleibt. "Das da drüben ist ein Tagpfauenauge, der überwintert als ausgewachsener Falter. Sobald es warm wird, ist er unterwegs und braucht die ersten Blüten. Und das sind die, die wir generell als Unkraut bezeichnen."

"Unkraut" wird systematisch vernichtet. Es stört die Hobby-Gärtner in ihren Beeten und Landwirte auf ihren Feldern. Gegen Pestizide hat das Wildkraut keine Chance. Dabei wird auch der Lebenslauf von heimischen Tierarten zerstört. Wohin das führt, zeigt eine Studie des Entomologischen Vereins Krefeld aus dem Jahr 2017, das Ergebnis: Ein Rückgang von 76 Prozent der Fluginsekten-Biomasse allein in den vergangenen 27 Jahren. Viele Tiere kommen in die Städte, weil sie draußen in der Landschaft nichts mehr finden. "Bei einigen Pflanzen- und Tiergruppen haben wir in den Städten mittlerweile eine größere Artenvielfalt als in der freien Natur", sagt Fleischmann. Die Großstadt also als letztes Refugium für viele Arten? Was auf den ersten Blick absurd erscheint, ist Realität.

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Eine Sternhyazinthe bekommt Besuch.

(Foto: Catherina Hess)
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Fleischmann fängt vorsichtig ein Insekt. "Das ist eine Mauerbiene, die gibt es in München sehr häufig. In Deutschland findet man sie fast nur in Städten, sie profitiert vom Stadtklima. Allein auf dieser kleinen Fläche habe ich fünf verschiedene Wildbienenarten entdeckt, das ist schon faszinierend." Grundsätzlich sei München sehr grün und artenreich, das liege nicht nur an der Isar und dem Englischen Garten, sondern vor allem auch an den vielen kleinen Grünflächen wie dieser. "München hat 2500 Pflanzenarten, das ist enorm für eine Großstadt." Zum Vergleich: In ganz Bayern gibt es circa 4500 Arten. Mehr als die Hälfte davon gibt es also in München.

Doch was kümmert es den Menschen überhaupt, wenn Pflanzen- und Tierarten aussterben? Fleischmann hält mit einem Beispiel dagegen: "In den USA hat man sich gefragt, wofür man Moskitos braucht. Die übertragen Krankheiten und sind lästig. Also hat man in den Everglades, in Florida, flächendeckend Insektizide gespritzt. Schnell hat man gemerkt: Wenn die Moskitos ausgerottet sind, bricht das ganze Ökosystem zusammen. Denn Moskitos legen ihre Eier im Wasser ab, davon ernähren sich kleinere Fische, von denen wiederum große Fische und von denen die Alligatoren. Also, ohne Moskitos keine Alligatoren. Man erkennt die Zusammenhänge leider erst, wenn was fehlt."

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Fleischmann setzt sich für mehr solcher Grünflächen in München ein, mit Nachdruck sagt er: "Wir müssen der Natur etwas Platz lassen, wir müssen Flächen schaffen wie diese hier, wo die Natur, Natur sein kann und sich heimische Arten wiederfinden." Dafür ist "Unkraut" unerlässlich. Pflanzen wie Rosen oder Dahlien seien zwar hübsch anzuschauen, jedoch uninteressant für Insekten, da sie keine Pollen und Nektar produzieren, sie seien sterile, "kastrierte Pflanzen".

Am Sonntag ist Tag des Unkrauts. Andreas Fleischmann wünscht sich, dass der schlechte Ruf von Wildkräutern überdacht wird, denn sie tragen entscheidend zur Artenvielfalt von Flora und Fauna bei. Am Ende zeigt Andreas Fleischmann auf die Grünfläche gegenüber, auf ein weiteres "Unkraut": Bärlauch. "Der dient vielen heimischen Arten als Nahrungsquelle", sagt der Botaniker. Nicht nur für Tiere, sondern auch für uns Menschen. "Unkraut" ist also nicht nur wichtig für unser Ökosystem, es kann auch schmecken.

© SZ vom 27.03.2021/infu