Süddeutsche Zeitung

München-Bogenhausen:Wo sich die CSU noch sicher fühlt

Lesezeit: 5 min

Von Anna Hoben

Diskussion um Chemnitz und Mieterschutz bei der SPD

Es ist kühl am Sonntag beim Isarinselfest, und auch Mike Malm bläst am Infostand ein heftiger Wind entgegen. Der Mann, der ihm am Stehtisch gegenübersteht, lässt nicht locker. "Die AfD wird 20 Prozent kriegen, die CSU wird abkacken, und ihr auch", so seine ganz persönliche Prognose. Vom Landtagskandidaten der SPD im Stimmkreis Bogenhausen will er nun wissen, warum die SPD so viele Wähler verliert. "Da hat sich einiges angesammelt", sagt Malm. Ein großer Fehler sei es gewesen, zu sagen, man gehe nicht in die große Koalition, und es dann doch zu tun - "nicht gut für die Glaubwürdigkeit." Er hat gegen die Groko gestimmt.

Die Antwort auf seine Frage gibt der Bürger am Infostand, geschätzt um die 50, dann allerdings selber. "Ich war lange SPD-Wähler", sagt er, über die Grünen sei er dann zur FDP gewechselt, "und jetzt weiß ich nicht, ob ich nicht irgendwann woanders hingehe, rein aus Protest". Mike Malm hört zu, mit den Fingern knibbelt er an einem Stück Nagelhaut - das einzige Zeichen, dass er nicht ganz so ruhig ist wie es scheint. Es geht um Chemnitz, er verstehe die Demonstranten, sagt der Mann, "da sind so viele normale Leute dabei".

Eine Frau schaltet sich ins Gespräch ein, pensionierte Lehrerin, auch sie wisse nicht mehr, was sie wählen soll, und so gehe es vielen ihrer Bekannten, die früher immer SPD gewählt hätten. "Diese Streitereien, die ihr untereinander habt, sind unerträglich". Nun repräsentiert Malm natürlich nicht die Bundespartei, aber warum sollten die potenziellen Wähler das trennen?

Bisher ist Malm, Jahrgang 1974, ehrenamtlich politisch tätig, etwa als stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Bezirkstag von Oberbayern. Das Amt als Landtagsabgeordneter wäre sein Einstieg in die Berufspolitik. In die SPD eingetreten ist er Ende der Neunzigerjahre, ausschlaggebend gewesen sei das Projekt Rot-Grün. Er hat über den amerikanischen Lyriker der Moderne Ezra Pound promoviert, der zeitlebens dem Faschismus zugeneigt war. Heute ist Malm als Redakteur im wissenschaftlichen Verlagswesen tätig, er hat an vielen Lexika mitgearbeitet. Beim Isarinselfest wird er vom Literatur- zum Mieterschutzexperten und erklärt die Ideen und Forderungen der SPD, während im Hintergrund am Infostand laut die Gasflasche zischt, an der ein Genosse einen Werbeballon nach dem anderen mit Helium befüllt.

Er sei selber Mieter, versichert Malm beim Mieterschutz-Talk, und wisse, "wie das ist, wenn die Mieterhöhung ins Haus geflattert kommt". Also, was muss sich ändern? Der Mietspiegel soll reformiert werden, nicht wie bisher nur Neuverträge umfassen, sondern bis zu zehn Jahre alte. Die Erhaltungssatzung, die der Gentrifizierung entgegenwirkt, soll auf das ganze Stadtgebiet ausgedehnt werden. Und Malm will den Kampf gegen die Zweckentfremdung von Wohnraum verschärfen - durch die sogenannten Medizintouristen in seinem Stimmkreis ein Dauerthema. Aber auch durch Plattformen wie Airbnb, deren "Lobbyist vom Dienst" ihm kürzlich eine freundliche E-Mail geschrieben habe ("hat mich aber kalt gelassen").

Was er tun würde, wenn die SPD am 14. Oktober einen "glorreichen Sieg" einfahren und er zum bayerischen Bauminister bestellt würde, fragt die Moderatorin; Malm lächelt leicht ungläubig, aber seine Positionen hat er parat: viel mehr staatliche Wohnungen bauen als die neu gegründete Bayernheim es vorhat, die Mittel für sozialen Wohnungsbau "massiv erhöhen" und Mieterhöhungen in allen staatlichen Wohnungen "massiv begrenzen".

Bezahlbarer Wohnraum und "Pflege mit Würde" bei den Grünen

Einmal über die Isar, nach Nordosten, Johanneskirchen. Was im Stimmkreis 102, Bogenhausen, so alles zusammengefasst ist, hat mit dem Klischee des namensgebenden Stadtteils nicht viel gemein: die Grünenhochburg Au-Haidhausen, Berg am Laim, Denning, Daglfing. Entsprechend unterschiedlich fallen die Ergebnisse aus, und der Durchschnitt macht aus dem Stimmkreis ein spannendes Pflaster. Die Wahlforscher der Plattform wahlkreisprognose.de sehen derzeit die CSU klar vorne, an zweiter Stelle die Grünen.

In Johanneskirchen also, neben dem Sport- und Bewegungszentrum, auf einer großen Freifläche, hat die Wagensiedlung Hin und Weg gerade eine neue Heimat auf Zeit gefunden. Die Bewohner sind noch mitten im Umzug, der Postkasten am Eingang mit der neuen Adresse aber steht schon. Hier wollte der Grünen-Kandidat Andreas Baier sich treffen, weil das Thema Wohnen für ihn ein zentrales ist, weil es ihn froh macht, dass es gelungen ist, diesen Ausweichort zu finden, was "ein ziemlich harter Kampf" gewesen sei, und weil er es wichtig findet, dass es in München solche Orte gibt. "Wie läuft's?", fragt Baier, in Lederhose, Turnschuhen und grünem T-Shirt mit Fahrrad drauf. "Wir liegen voll im Zeitplan", antwortet eine Bewohnerin, nur das Wohnzimmer müssten sie in den nächsten Tagen noch aufbauen.

Vielleicht wollte sich Baier sich auch deshalb an diesem Ort treffen, weil er vor einigen Jahren selbst einmal überlegt hat, so zu wohnen, alternativ. Das Freiheitsgefühl war es, das ihn reizte, nah an der Natur sein, flexibel und mobil. "Um Gottes willen", sagte allerdings seine Frau, und so war das Thema wieder erledigt. Heute lebt der Postbeamte, der seit sieben Jahren als Erstberater im Jobcenter arbeitet, mit seiner Familie in einer Eigentumswohnung in der Parkstadt Bogenhausen.

Der Staat müsse viel mehr in bezahlbaren Wohnraum investieren, fordert er und schlägt auch neue gemeinschaftliche Modelle vor wie Wohnheime für Senioren und Studenten. Zur Politik brachte ihn der Ausstieg aus dem Atomausstieg vor acht Jahren, im Bezirksausschuss Bogenhausen ist er Fraktionssprecher der Grünen und Sprecher des Stadtgestaltungsausschusses. Im Mittelpunkt seines Wahlkampfs steht der Pflegenotstand, "Pflege mit Würde", heißt es auf seinen Plakaten. Verwandte von ihm arbeiten in dem Beruf, die Missstände bekommt er also direkt erzählt. Mehr Personal und eine bessere Bezahlung fordert er, "wichtig wäre auch die Einführung einer Pflegekammer in Bayern".

In die Landespolitik zieht es ihn, weil man dort "mehr in Richtung Gesellschaft gestalten kann als im Lokalen". Wenn die Grünen die aktuellen Umfragewerte halten, ist er glücklich, sein "Traumziel" wären 20 Prozent. Dafür wird er weiter wahlkämpfen, beispielsweise an diesem Mittwoch auf einer Isarradtour mit einer Biologin zum Thema Naturschutz.

"Eigentlich nix Großes" und Unzufriedenheit mit dem Wohnungsbau bei der CSU

Unweit der Isar, im sommerlich verwaisten Maximilianeum, sitzt der CSU-Kandidat und Titelverteidiger Robert Brannekämper an seinem Abgeordnetenschreibtisch, neben dem Regal mit den vielen Geschenken aus einem Politikerleben. Bildbände, Feuerwehrautos, Bierkrüge. Er faltet die Hände, sodass die beiden Manschettenknöpfe mit seinen Initialen nebeneinander liegen. Was er im weiteren Wahlkampf noch geplant habe? Brannekämper überlegt, dann sagt er: "Eigentlich nix Großes." Was er vor Oktober allerdings unbedingt noch machen will: sich in Florenz die Retrospektive des Landshuter Bildhauers Fritz Koenig anschauen. Die Prognosen sehen gut aus für den früheren Stadtrat, der 2013 zum ersten Mal in den Landtag einzog - er gehe entspannt in die Wahl. Gut möglich, dass er sein 14 Quadratmeter großes Büro mit Blick in Baumwipfel dennoch räumen muss, vermutlich werde die AfD hier im fünften Stock einziehen, sagt er.

Auch Brannekämper, im Landtag vor allem zuständig für die Themen Wissenschaft und Denkmalschutz, kommt schnell auf "das Grundrecht Wohnen", wie er sagt, zu sprechen. Unzufrieden ist er mit dem heutigen Wohnungsbau, "eine Qualität wie früher" habe man "nie mehr hingekriegt". Als Vorbilder nennt der studierte Architekt, der 1994 ins Bauunternehmen seiner Familie einstieg, die Borstei in Moosach, aber auch die Schwanthalerhöhe, Viertel mit einer "gelungenen Mischung aus Wohnen, Arbeiten und Gewerbe, lebendig, mit kurzen Wegen und genug Grün".

Das Mantra "Bauen, bauen, bauen" hält er für falsch, man müsse den Spagat zwischen Dichte und Qualität besser ausbalancieren - und den Zuzug steuern, indem man die Ansiedlung von Firmen in andere Regionen Bayerns fördert. War es aber nicht ein bisschen arg populistisch, mit dem Schreckgespenst vermeintlicher Plattenbauten gegen das geplante Wohngebiet im Nordosten, die städtebauliche Entwicklungsmaßnahme, Stimmung zu machen? Als Politiker sei er zur Überspitzung gezwungen, sagt er, "ich muss auf zwei Worte verkürzen, wie die Bildzeitung".

Am SPD-Stand beim Isarinselfest gesteht der Mann, der nicht mehr SPD wählen will, dem Kandidaten am Ende noch, dass er ihn schon sympathisch finde. Er könne ja auch splitten, empfiehlt Mike Malm. "Ich freue mich über jede Stimme." Nebenan zerplatzt ein Luftballon.

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Quelle:
SZ vom 05.09.2018
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