München-Bogenhausen Wo sich die CSU noch sicher fühlt

Wahlkämpfer im Stimmkreis Bogenhausen: Mike Malm von der SPD, Andreas Baier von den Grünen und CSU-Kandidat Robert Brannekämper.

(Foto: Robert Haas, Catherina Hess, Alessandra Schellnegger, Montage: SZ)
  • Der Stimmkreis 102, Bogenhausen, ist besonders spannend: Zusammengefasst sind dort so unterschiedliche Viertel wie Au-Haidhausen, Berg am Laim, Denning und Daglfing.
  • SPD-Kandidat Mike Malm und Grünen-Kandidat Andreas Baier setzen vor der Landtagswahl vor allem auf Mieterthemen.
  • CSU-Mann Robert Brannekämper kann gelassen auf die Prognosen schauen: Sie sagen ihm einen klaren Sieg voraus.
Von Anna Hoben

Diskussion um Chemnitz und Mieterschutz bei der SPD

Es ist kühl am Sonntag beim Isarinselfest, und auch Mike Malm bläst am Infostand ein heftiger Wind entgegen. Der Mann, der ihm am Stehtisch gegenübersteht, lässt nicht locker. "Die AfD wird 20 Prozent kriegen, die CSU wird abkacken, und ihr auch", so seine ganz persönliche Prognose. Vom Landtagskandidaten der SPD im Stimmkreis Bogenhausen will er nun wissen, warum die SPD so viele Wähler verliert. "Da hat sich einiges angesammelt", sagt Malm. Ein großer Fehler sei es gewesen, zu sagen, man gehe nicht in die große Koalition, und es dann doch zu tun - "nicht gut für die Glaubwürdigkeit." Er hat gegen die Groko gestimmt.

Die Antwort auf seine Frage gibt der Bürger am Infostand, geschätzt um die 50, dann allerdings selber. "Ich war lange SPD-Wähler", sagt er, über die Grünen sei er dann zur FDP gewechselt, "und jetzt weiß ich nicht, ob ich nicht irgendwann woanders hingehe, rein aus Protest". Mike Malm hört zu, mit den Fingern knibbelt er an einem Stück Nagelhaut - das einzige Zeichen, dass er nicht ganz so ruhig ist wie es scheint. Es geht um Chemnitz, er verstehe die Demonstranten, sagt der Mann, "da sind so viele normale Leute dabei".

Die Direktkandidaten im Stimmkreis

Robert Brannekämper (CSU)

Der 52-jährige Architekt war früher Stadtrat und sitzt seit 2013 im Landtag.

Mike Malm (SPD)

Der 43-Jährige ist Verlagsredakteur und Mitglied im Bezirkstag von Oberbayern.

Martin Blasi (Freie Wähler)

Der 50-jährige Mathematiker arbeitet bei der Bayerischen Landesbank.

Andreas Baier (Grüne)

Der 45-jährige Postbeamte arbeitet im Jobcenter. Er will mit den Themen Erziehermangel und Pflegenotstand punkten.

Gabriele Neff (FDP)

Die 60-jährige Verwaltungswirtin sitzt seit 2002 im Stadtrat.

Erol Dogan (Linke)

Der 53-Jährige fordert eine "echte Mietpreisbremse" ohne Ausnahmen.

Eva Caim (Bayernpartei)

Die 71-Jährige ist Krankenschwester im Ruhestand und seit 22 Jahren Mitglied des Münchner Stadtrats.

Klaus von Birgelen (ÖDP)

Der 51-jährige Energieberater ist für ein Radgesetz in Bayern.

Christopher Morgenstern (Piraten)

Der 35-Jährige ist IT-Projektmanager bei einem Versicherungskonzern.

Wilfried Biedermann (AfD)

Der Kandidat ist 1951 geboren und Kreisvorsitzender seiner Partei.

Peter Reich (Liberal-konservative Reformer)

Der Vermögensberater ist Vize-Bundesvorsitzender der Partei, die zuvor Alfa hieß.

Jens Erdmann ("mut")

Der 53-Jährige arbeitet als Gesundheits- und Krankenpfleger.

Henrietta Lorko (Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer)

Die Kandidatin leitet eine Agentur für umweltbewusstes Marketing.

Eine Frau schaltet sich ins Gespräch ein, pensionierte Lehrerin, auch sie wisse nicht mehr, was sie wählen soll, und so gehe es vielen ihrer Bekannten, die früher immer SPD gewählt hätten. "Diese Streitereien, die ihr untereinander habt, sind unerträglich". Nun repräsentiert Malm natürlich nicht die Bundespartei, aber warum sollten die potenziellen Wähler das trennen?

Bisher ist Malm, Jahrgang 1974, ehrenamtlich politisch tätig, etwa als stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Bezirkstag von Oberbayern. Das Amt als Landtagsabgeordneter wäre sein Einstieg in die Berufspolitik. In die SPD eingetreten ist er Ende der Neunzigerjahre, ausschlaggebend gewesen sei das Projekt Rot-Grün. Er hat über den amerikanischen Lyriker der Moderne Ezra Pound promoviert, der zeitlebens dem Faschismus zugeneigt war. Heute ist Malm als Redakteur im wissenschaftlichen Verlagswesen tätig, er hat an vielen Lexika mitgearbeitet. Beim Isarinselfest wird er vom Literatur- zum Mieterschutzexperten und erklärt die Ideen und Forderungen der SPD, während im Hintergrund am Infostand laut die Gasflasche zischt, an der ein Genosse einen Werbeballon nach dem anderen mit Helium befüllt.

Er sei selber Mieter, versichert Malm beim Mieterschutz-Talk, und wisse, "wie das ist, wenn die Mieterhöhung ins Haus geflattert kommt". Also, was muss sich ändern? Der Mietspiegel soll reformiert werden, nicht wie bisher nur Neuverträge umfassen, sondern bis zu zehn Jahre alte. Die Erhaltungssatzung, die der Gentrifizierung entgegenwirkt, soll auf das ganze Stadtgebiet ausgedehnt werden. Und Malm will den Kampf gegen die Zweckentfremdung von Wohnraum verschärfen - durch die sogenannten Medizintouristen in seinem Stimmkreis ein Dauerthema. Aber auch durch Plattformen wie Airbnb, deren "Lobbyist vom Dienst" ihm kürzlich eine freundliche E-Mail geschrieben habe ("hat mich aber kalt gelassen").

Was er tun würde, wenn die SPD am 14. Oktober einen "glorreichen Sieg" einfahren und er zum bayerischen Bauminister bestellt würde, fragt die Moderatorin; Malm lächelt leicht ungläubig, aber seine Positionen hat er parat: viel mehr staatliche Wohnungen bauen als die neu gegründete Bayernheim es vorhat, die Mittel für sozialen Wohnungsbau "massiv erhöhen" und Mieterhöhungen in allen staatlichen Wohnungen "massiv begrenzen".

Bezahlbarer Wohnraum und "Pflege mit Würde" bei den Grünen

Einmal über die Isar, nach Nordosten, Johanneskirchen. Was im Stimmkreis 102, Bogenhausen, so alles zusammengefasst ist, hat mit dem Klischee des namensgebenden Stadtteils nicht viel gemein: die Grünenhochburg Au-Haidhausen, Berg am Laim, Denning, Daglfing. Entsprechend unterschiedlich fallen die Ergebnisse aus, und der Durchschnitt macht aus dem Stimmkreis ein spannendes Pflaster. Die Wahlforscher der Plattform wahlkreisprognose.de sehen derzeit die CSU klar vorne, an zweiter Stelle die Grünen.

In Johanneskirchen also, neben dem Sport- und Bewegungszentrum, auf einer großen Freifläche, hat die Wagensiedlung Hin und Weg gerade eine neue Heimat auf Zeit gefunden. Die Bewohner sind noch mitten im Umzug, der Postkasten am Eingang mit der neuen Adresse aber steht schon. Hier wollte der Grünen-Kandidat Andreas Baier sich treffen, weil das Thema Wohnen für ihn ein zentrales ist, weil es ihn froh macht, dass es gelungen ist, diesen Ausweichort zu finden, was "ein ziemlich harter Kampf" gewesen sei, und weil er es wichtig findet, dass es in München solche Orte gibt. "Wie läuft's?", fragt Baier, in Lederhose, Turnschuhen und grünem T-Shirt mit Fahrrad drauf. "Wir liegen voll im Zeitplan", antwortet eine Bewohnerin, nur das Wohnzimmer müssten sie in den nächsten Tagen noch aufbauen.

Vielleicht wollte sich Baier sich auch deshalb an diesem Ort treffen, weil er vor einigen Jahren selbst einmal überlegt hat, so zu wohnen, alternativ. Das Freiheitsgefühl war es, das ihn reizte, nah an der Natur sein, flexibel und mobil. "Um Gottes willen", sagte allerdings seine Frau, und so war das Thema wieder erledigt. Heute lebt der Postbeamte, der seit sieben Jahren als Erstberater im Jobcenter arbeitet, mit seiner Familie in einer Eigentumswohnung in der Parkstadt Bogenhausen.