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"FIZ Future":BMWs milliardenteure Denkfabrik

Neue BMW-Denkfabrik in München

Ein Glasdach bedeckt das Atrium des neuen FIZ-Gebäudes. So entsteht eine offene und helle Atmosphäre, in der sich die Mitarbeiter wohlfühlen sollen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Konzern will in seinem Forschungs- und Innovationszentrum die Zukunft des Autos erfinden. Nun hat er das neue Gebäude präsentiert - es soll digital sein, effizient, und mitdenken soll es auch.

Von Andreas Schubert

Im Untergeschoss herrscht Fotografierverbot - zumindest wenn es um die Autos geht. Hier, im neuen Projekthaus Nord des Forschungs- und Innovationszentrums (FIZ) von BMW geht es nämlich um die Zukunft des Autos. Zwei Männer sitzen mit Laptops auf dem Schoß vor einem bulligen Wagen, der im typischen Tarnmuster eines Erlkönigs lackiert ist, und checken Daten. Vom kahlen Flur aus kann man die konzentrierte Atmosphäre hinter der Glastür förmlich spüren. Die Werkstatt aber, in der die Prototypen montiert werden, bleibt hinter einem schwarzen Tor verborgen. Man will ja nicht zu viele Geheimnisse preisgeben.

Rund eine Milliarde Euro hat BMW bisher in das Projekt "FIZ Future" investiert. Stolz sind sie in der Münchner Zentrale des Autobauers auf das neue Gebäude, das am Freitag mit einem Festakt eröffnet und in dem ein komplett neues Konzept verwirklicht wurde. Während in den oberen Etagen die Entwickler ihre Arbeit machen, geht es in den unteren Ebenen an die Realisierung. Antriebssysteme werden überprüft, in einem speziellen Raum, der wie das Innere eines Raumschiffs aussieht, testen die Mitarbeiter die Störanfälligkeit von Steuergeräten auf elektromagnetische Strahlung von außen. Eine solche wäre etwa bei einem autonom fahrenden Auto fatal, also gilt es sie auszuschließen.

Eine Milliarde Euro hat BMW bereits in den Ausbau des FIZ investiert. Vorstandschef Oliver Zipse sieht darin ein "ganz klares Zeichen" für den Aufbruch in die Zukunft des Unternehmens.

(Foto: Stephan Rumpf)

Autonomes Fahren, E-Antriebe, effiziente Benzinmotoren sowie andere Innovationen sind bedeutende Themen im FIZ, in dem schon in den Neunzigerjahren die Digitalisierung von Autos angegangen wurde. Jetzt ist nach drei Jahren Bauzeit der erste Abschnitt des "FIZ Future" offiziell eröffnet. Auf einer Bruttogeschossfläche von rund 150 000 Quadratmetern entwickeln nun Spezialisten die Hard- und Software der künftigen Fahrzeuggenerationen von BMW. Im Werkstattgebäude stehen 100 Prüfstände und 200 Labore bereit, Test- und Absicherungseinrichtungen sowie der Prototypenbau bilden das Herzstück des Konzepts, das alle wesentlichen Funktionen integriert und Prozesse deutlich verbessern soll.

Das Gebäude folgt dem Prinzip der "Smart Building Technologie" und der digitalen Nutzersteuerung - damit lasse sich die Energieeffizienz steigern, heißt es, und alle Prozesse ließen sich konsequent digitalisieren. Das Gebäude denkt quasi mit, steuert zum Beispiel die Beleuchtung automatisch. Wenn ein Mitarbeiter diese an seinem Arbeitsplatz ändern möchte, ist das per Smartphone möglich. Das soll 37 Prozent Energie sparen.

4800 Mitarbeiter finden in dem neuen FIZ Nord Platz. Sie alle sollen von kurzen Wegen und offenen Strukturen im Gebäude profitieren, indem der Austausch untereinander beschleunigt und vereinfacht wird. So sieht es denn auch aus unter dem großen Glasdach. Die Einrichtung ist funktionell, zwischen den fünf Ebenen des Gebäudes können sich die Mitarbeiter auf großen Stufen oder in "Besprechungs-Kuben" - kleine, in den Raum gesetzte, abgetrennte Bereiche - zusammensetzen. Auf den "kreativen Austausch", das wird an diesem Freitag mehrmals betont, lege man Wert bei BMW. Aktuell geschieht dies freilich auf Abstand. Auf den Stufen sind eigens Markierungen angebracht, auf jedem Schreibtisch steht eine Flasche mit Desinfektionsmittel. Auf den Fluren herrscht Maskenpflicht, im Werk patrouillieren sogar Mitarbeiter in gelben Warnwesten, um ihre Kollegen zu ermahnen, sollten diese sich zu nahe kommen.

Am Freitag der Eröffnung ist nicht viel los im Gebäude, aber es soll sich bald mit Leben füllen. Das Gebäude sei perfekt zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter, erklärte BMW-Personalvorständin Ilka Horstmeier: "Brainware und Hardware kommt hier zusammen", sagte sie. Entwicklungsvorstand Frank Weber sagte, das ganze Gebäude sei auf Teamarbeit ausgerichtet. Betriebsratschef Manfred Schoch sieht in der Investition auch eine Sicherung von Arbeitsplätzen für die Zukunft. "Das Wissen und die Kreativität der Mitarbeiter sind unser Rohstoff", sagte Schoch.

Ein bisschen Show muss sein: Die BMW-Mitarbeiter Elisa Pechböck und Jeremy Dillmann bei der Inbetriebnahme des neuen FIZ.

(Foto: Stephan Rumpf)

Und Zukunft soll das Automobil durch die Entwicklung und den Einsatz neuer Technologien auf jeden Fall haben, davon ist man bei BMW, wie sollte es anders sein, überzeugt. Vorstandschef Oliver Zipse sagte, man setze ein "ganz klares Aufbruchsignal".

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) erklärte, die Investition sei das richtige Zeichen in einer Krise. Es sei bemerkenswert, dass in diesen Zeiten Tausende neue Arbeitsplätze geschaffen würden. "München braucht BMW, und BMW gehört zu München." In München gebe es niemanden, der ernsthaft kritisiere, dass in der Stadt Industrieproduktion stattfinde. Reiter sprach auch das Wohnungsproblem an, das sich durch neue Arbeitsplätze noch verschärft. Von der Industrie, nicht nur von BMW, wünsche er sich Ideen dafür, wo denn 15 000, 20 000 neue Mitarbeiter in dieser Stadt wohnen sollen. Beim Thema Mobilität meinte Reiter, das Automobil habe weiterhin eine Zukunft, auch wenn er sich eine Innenstadt durchaus ohne Autos vorstellen könne. Aber es gebe ja nicht nur das Stadtzentrum, sondern auch eine Peripherie, sagte Reiter.

Doch auch dort staut es sich regelmäßig. Gerade der Norden Münchens leidet unter dem Verkehr. Ein Verkehrskonzept steht immer noch aus, laut Reiter soll das Planungsreferat aber spätestens im ersten Quartal nächsten Jahres eines vorlegen. Was darin nicht enthalten sein wird, ist ein Tunnel, der die Schleißheimer Straße an die Autobahn anschließt. Diese Planungen hat die grün-rote Rathauskoalition gestoppt.

© SZ vom 26.09.2020/syn
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