Fehlende Blutspenden:Lücke in der Versorgung

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Blutspende in Freiburg

"Es gibt noch Luft nach oben", heißt es beim Blutspendedienst des Roten Kreuzes. Bislang reichen die Konserven.

(Foto: Patrick Seeger/dpa)

Zuletzt haben weniger Menschen als sonst Blut gespendet. Noch ist die Versorgung gewährleistet - auch weil Kliniken die Behandlung umstellen und ihnen die coronabedingten OP-Verschiebungen helfen.

Von Nicole Graner

Endlich Sommer. Die Sehnsucht nach einem Aufbruch in die Ferne war groß. Die Menschen verreisten. Nach Italien oder sonst wohin. Corona ließ das endlich zu. Für den Blutspendedienst des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in München allerdings bedeutete das: Weniger Menschen als sonst haben im Sommer Blut gespendet. "Es waren viele unterwegs, das Freizeit-Aufkommen hoch und die Temperaturen auch", sagt BRK-Sprecher Patric Nohe. Auch seien die Klinik-Ampeln in dieser Zeit auf Grün gewesen. Viele Operationen, die in der zweiten oder dritten Corona-Welle verschoben worden seien, seien dann nachgeholt worden und es habe einen hohen Bedarf an Blutkonserven gegeben. Alles Gründe, warum nun, wie Nohe schildert, "eine Lücke" entstanden ist. Einen Vorrat für "schlechte Zeiten" anlegen, gehe nicht. "Blutkonserven kann man nicht einfach einfrieren", sagt Nohe. Außerdem sei ein Vollblutpräparat nur 42 Tage haltbar.

Bei einer Vollblutspende wird dem Spender ungefähr ein halber Liter Blut aus der Armvene entnommen. Durch Zentrifugation der Blutbeutel kann anschließend eine Trennung in die Blutbestandteile Erythrozyten, also die roten Blutzellen, und Blutplasma erfolgen. Das BRK deckt mit seinen 4400 mobilen Blutspendediensten und -stationen an die 75 Prozent der bayernweiten Versorgung ab.

Der Zustand normalisiert sich wieder

Nohe gibt trotzdem Entwarnung: "Die Grundversorgung ist derzeit gewährleistet." Der Zustand normalisiere sich wieder. Auch weil jetzt wieder planbare Operationen verschoben würden. "Aber", sagt er ehrlich, "es gibt auch noch Luft nach oben." Viel unternimmt das BRK, damit Spender kommen. Man hat zum Beispiel Räume wie Turnhallen gesucht, damit mit coronagerechtem Abstand der kostbare Saft abgegeben werden kann, man hat viel Werbung gemacht. Dabei sei es, so der Sprecher, wichtig keine "permanente Alarmstimmung" zu verbreiten, sondern eine Balance zu schaffen von Aufklärung, Ruhe und Notwendigkeit.

"Keinesfalls", so macht Nohe deutlich, "dürften sich die Menschen daran gewöhnen, dass es einfach wenig Blut gibt." Und dann spricht Nohe vom "fließenden Gewässer der Solidarität". An Solidarität hat es in den ersten beiden Wellen nicht gemangelt: Denn die Spendebereitschaft war enorm. Gerade junge Erstspenderinnen und -spender hätten in der Hochphase der Pandemie viel Blut abgegeben. Auch jetzt könne man aber spenden, sagt Sprecher Nohe. Auf der Webseite des BRK könne man nach Terminen und dem nächstgelegen mobilen Blutspendedienst suchen. Auch gibt es eine Hotline: 0800/1194911.

Blut wird aber auch in anderer Form gebraucht. Bei Menschen, die an Leukämie oder Krebs erkrankt sind, werden Thrombozyten im Knochenmark nicht mehr nachgebildet. Bei einer Thrombozytenspende werden die Blutplättchen selektiv beim Spendevorgang gewonnen. Wie wirkt sich der doch geringere Blutkonservenvorrat auf Therapien bei Krebspatienten aus?

Der Direktor der Medizinischen Klinik III - Onkologie und Hämatologie - am Klinikum der Universität München, Michael von Bergwelt, bringt es mit drei Worten auf den Punkt. "Noch reicht es", sagt er und erklärt, dass auch sie intensiv mit dem BRK zusammenarbeiteten. Auch er sehe, dass zum Beispiel durch die 3-G-Regeln die Niederschwelligkeit verloren gehe, die aber wichtig sei, damit Menschen zum Blutspenden gehen. Auch hätten vielleicht jetzt in der vierten Corona-Welle doch mehr Menschen Angst um die eigene Gesundheit. Und wie überall gebe es auch beim BRK Personalmangel.

"Die onkologische Versorgung ist absolut gewährleistet"

Aber er macht auch sehr deutlich, dass Thrombozytenkonzentrate einfach immer gebraucht würden. Sie seien nicht "halbierbar" und auch nur wenige Tage "haltbar". Aber man versuche, sich im LMU-Klinikum Großhadern der Situation "möglichst gut anzupassen". Was für ihn heißt, genau zu überlegen, welche Patientinnen und Patienten was und vor allem wie viel brauchen. Gestützt auf eine Studie, so von Bergwelt, probierten er und sein Team zum Beispiel aus, weniger Transfusionen zu geben. Das heißt, anstelle von sonst bisher zwei üblichen, nur eine Transfusion zu geben. "Das geht", sagt von Bergwelt, der auch Leiter der Covid-Klinik am Campus Großhadern ist. Wenn der Patient das allerdings nicht gut vertrage, werde dann natürlich wieder anders verfahren. Die onkologische Versorgung sei aber "absolut gewährleistet". Behandlungen bei Leukämie, Organtransplantationen und Knochenmarktransplantationen würden trotz Covid-Problematik natürlich "durchgeführt".

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