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Überraschende Personalie:Florian Kraus wird neuer Stadtschulrat

Florian Kraus arbeitet als Anwalt in der auf Wirtschafts- und Steuerrecht spezialisierten Kanzlei Stetter. Nun soll sich der 44-Jährige um die Münchner Schulen kümmern.

(Foto: Die Grünen)

Der Jurist, der für die Grünen im Bezirksausschuss sitzt, soll mitten in der Corona-Krise das Bildungsreferat übernehmen. Dort wird der 44-Jährige für 15 000 Mitarbeiter und mehr als 300 Schulen zuständig sein.

Von Heiner Effern und Andrea Schlaier

Der 44 Jahre alte Florian Kraus soll völlig überraschend neuer Stadtschulrat werden. Die Fraktion der Grünen einigte sich am Montag endgültig darauf, den Juristen zur Wahl im Stadtrat vorzuschlagen. Nachdem die Grünen ihre ersten beiden Referentenposten in dieser Amtsperiode an parteifreie Kandidaten vergeben haben, kommt nun ein aktives Parteimitglied zum Zug. Kraus sitzt seit 2014 im Bezirksausschuss Schwanthalerhöhe. So schnell wie möglich soll er nun das Referat für Bildung und Sport übernehmen, mit etwa 15 000 Mitarbeitern und einem Jahresbudget von zuletzt 1,6 Milliarden Euro das größte Haus in der Stadtverwaltung.

"Ich freue mich über die Nominierung und habe große Achtung vor dieser Stelle", sagte Kraus. In der Bildungspolitik sei er bisher "nicht schwerpunktmäßig" tätig gewesen. Er sei aber überzeugt, dass man ein solches Referat auch "ohne unmittelbare Erfahrung" leiten könne. Wobei, von der anderen Seite hat er doch zumindest Vorkenntnisse. "Ich habe mit der Elterninitiative einen Hort gegründet." Eine gute Sozial- und Bildungspolitik halte er für die beste Präventionspolitik, fügte er an.

Derzeit arbeitet Kraus als Anwalt in einer Münchner Kanzlei. Die Grünen haben aber noch weitere Berufserfahrungen entdeckt, die ihn ihrer Meinung nach für das Amt qualifizieren. Ihr Kandidat habe "Erfahrungen als Universitätsdozent, als Lehrer an der staatlichen Berufsfachschule für Hebammen und als Dozent an der Rechtsanwaltskammer gesammelt", heißt es in einer Mitteilung der Fraktion. "Mit seinen vielfältigen Erfahrungen, seinen Lehrtätigkeiten, seinem juristischen Sachverstand und seiner klaren Haltung für eine demokratische Bildung und Erziehung ist Florian Kraus ein ausgezeichneter Kandidat", sagte die Grünen-Fraktionsvorsitzende Anna Hanusch.

Der in der Stadtpolitik weitgehend unbekannte Kraus ist damit künftig für 124 städtische Schulen mit eigenen Lehrern und als Schulaufwandsträger für Bau, Unterhalt und Ausstattung von 227 staatlichen Schulen verantwortlich. Diese besuchen etwa 162 000 Schülerinnen und Schüler. Derzeit läuft in München das größte kommunale Schulbauprogramm Deutschlands mit einem Budget von mehreren Milliarden Euro. Dazu wird Kraus die Verantwortung für 440 städtische Kitas und die Aufsicht über weitere 960 in privater Hand übernehmen.

Grünen-Fraktionschefin Hanusch macht keinen Hehl daraus, dass der Job als Stadtschulrat mitten in der zweiten Welle der Corona-Krise von der ersten Minute an extrem herausfordernd sein wird. Schulen und Kitas arbeiten seit Monaten im Ausnahmezustand, ständig ändern sich die Vorgaben. "Wir danken ihm, dass er sich dieser großen Herausforderung stellt, und sind überzeugt, dass er das nötige Rüstzeug besitzt, um nötigenfalls schnell und entschlossen zu handeln, und dabei immer den Überblick zu behalten", sagte Hanusch. Dass dies nicht einfach wird, weiß auch der neue Referent. Man könne "sich ja nicht aussuchen, wann man eine neue Stelle antritt", sagte Kraus. Ihm sei es nun wichtig, Orientierung und Stabilität zu bieten, "gerade jetzt". Dass es so schnell ging, war den politischen Umständen geschuldet. Die bisherige Stadtschulrätin Beatrix Zurek (SPD) war gut eineinhalb Jahre vor Ende ihrer Amtszeit überraschend ins Gesundheitsreferat gewechselt. Deshalb mussten die Grünen schnell einen Nachfolger für den Posten suchen. Derzeit führt Stadtdirektor Peter Scheifele das Referat.

Ein Vorteil für Kraus ist in den Augen der Grünen, dass er sich in München nicht erst kundig machen und einfinden muss. Er sei in der "Stadtpolitik zuhause, er bringt die bei diesem Referat mit seinen vielen Einrichtungen nötigen Kenntnisse der Stadt mit ihren vielen Strukturen und Akteuren mit", sagte Fraktionschefin Hanusch. Der Familienvater aus dem Westend kandidierte im März vergeblich für den Stadtrat, zog aber zum zweiten Mal in den Bezirksausschuss Schwanthalerhöhe ein. Mit Akzenten bei Schul- und Bildungsthemen ist er dort bisher nicht aufgefallen. Er gilt als nüchterner, faktenkundiger Streiter, streng in der Sache und wehrfähig bei Attacken aus dem gegnerischen politischen Lager. Von 2014 an fungierte er sechs Jahre lang als zweiter Vorsitzender.

Geboren wurde Kraus in Deggendorf, dort legte er 1995 am Comenius-Gymnasium das Abitur ab. Nach dem Zivildienst studierte er in Regensburg Jura, bis 2005 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Strafrecht und Kriminologie. Zum Referendariat zog es ihn nach Berlin, wo er unter anderem für die innen- und rechtspolitische Referentin der Bundestagsfraktion der Grünen tätig war. Dieses Fachgebiet beschäftigte ihn weiterhin, etwa als Leiter des Arbeitskreises Demokratie und Recht bei den Grünen. Deren Landtagsfraktion beriet er später als Strafrechtler unter anderem auch im NSU-Untersuchungsausschuss.

2007 begann er in München als Anwalt zu arbeiten, seit 2010 für die auf Wirtschafts- und Steuerstrafrecht spezialisierte Kanzlei Stetter. Im Jahr 2010 trat er auch den Grünen bei. Noch weit vor seiner Münchner Zeit war Kraus in der katholischen Jugendarbeit tätig und auch zwei Jahre Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

© SZ vom 08.12.2020/infu
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