Stadtrat:Kindern Nachhaltigkeit näher bringen? Gern, aber kosten soll es nichts

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Stadtrat: Eine von rund 400 Ideen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung: ein "Wektacker", wie hier auf der Internationale Gartenausstellung in Berlin.

Eine von rund 400 Ideen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung: ein "Wektacker", wie hier auf der Internationale Gartenausstellung in Berlin.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

2,5 Millionen Euro wollte Stadtschulrat Florian Kraus dafür an Schulen und Kitas investieren - schließlich ist München Modellstadt. Doch der Stadtrat gibt das Geld nicht frei.

Von Kathrin Aldenhoff

Vor zehn Tagen erst hat Stadtschulrat Florian Kraus die Ideen Münchens zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) vorgestellt: Rund 400 Maßnahmen, die in mehreren Bereichen umgesetzt werden sollten, zum Beispiel in den Schulen, in der frühkindlichen Bildung, in Freizeitstätten und auch in der Erwachsenenbildung. So wird es nun aber wohl doch nicht kommen - der Stadtrat hat in seiner Vollversammlung beschlossen, beantragte Mittel in Höhe von 2,5 Millionen Euro nicht freizugeben. Und das, obwohl München eine der Modellkommunen des bundesweiten BNE-Kompetenzzentrums ist.

Mehr als 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus zwei Referaten und der Zivilgesellschaft haben zwei Jahre lang neben ihrer eigentlichen Arbeit an der Konzeption gearbeitet. Im November 2018 hatte der Stadtrat das Referat für Bildung und Sport und das Referat für Klima- und Umweltschutz beauftragt, eine BNE-Konzeption für München zu erstellen. Man bedauere es, dass die aktuelle Finanzlage der Stadt es nicht erlaube, den ersten Katalog von Maßnahmen in Gänze in die Haushaltsplanung aufzunehmen, sagte die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Mona Fuchs. "Wir sind aber fest entschlossen, im Zuge der weiteren Haushaltsberatungen bis zum Beschluss im Dezember Mittel dafür bereitzustellen, damit so viel wie möglich davon realisiert werden kann."

An der Konzeption haben auch Vertreter freier Träger und der Zivilgesellschaft mitgearbeitet, und sie sind nun enttäuscht: "Das kam für uns alle sehr überraschend", sagt Raphael Thalhammer vom Nord Süd Forum München. "Wenn man sieht, was da an Zeit, Arbeit und Expertise drinsteckt - das mit null zu bedenken, ist ein Schlag ins Gesicht." Die Transformation zur nachhaltigen Stadtentwicklung werde ohne BNE nicht stattfinden, sagt Stephanie Weigel von Greenpeace. "Mit der Weichenstellung für den Haushalt 2023 torpediert München seinen eigenen Anspruch, Vorreiter bei der Bildung für nachhaltige Entwicklung in und außerhalb der Schule zu sein."

Schon Kinder sollten mit BNE lernen, die Welt zu verändern und Kompetenzen erwerben, um mit Krisen gestaltend umgehen zu können, sagt Martin Göb-Fuchsberger vom Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverband, der ebenfalls an der Konzeption mitgearbeitet hat. In Krisenzeiten an der BNE zu kürzen, sei der falsche Weg.

Stefan Jagel von der Fraktion der Linken sieht den Beschluss des Stadtrates ebenfalls kritisch. "Man kann den Klimaschutz in der Stadt nicht voranbringen, wenn man nicht Stellen und Sachmittel genehmigt."

Um neue Maßnahmen umzusetzen, brauche er Geld, sagt Kraus

Nur weil gewisse Dinge im Eckdatenbeschluss vom Kämmerer nicht freigegeben wurden, hieße das nicht, dass sie nicht finanziert würden, sagt Julia Schmitt-Thiel, umweltpolitische Sprecherin der SPD/Volt-Fraktion. "BNE, Zero Waste und Maßnahmen zur Klimaanpassung der Stadt sind ganz oben auf unserer Prioritätenliste." Man werde sich mit dem Beschluss zur Bildung für nachhaltige Entwicklung im Oktober genau beschäftigen und über eine Finanzierung reden.

Im RBS hätten sie sich über eine andere Entscheidung schon zu diesem frühen Zeitpunkt gefreut, sagte Stadtschulrat Florian Kraus am Freitag. "Ich bin aber davon überzeugt, dass der Stadtrat die Weitsicht hat, gerade in der aktuellen Krisensituation in eine Bildung zu investieren, mit der wir uns als Stadtgesellschaft für künftige derartige Herausforderungen resilienter aufstellen." Die bereits laufenden Projekte würde man mit den verfügbaren Mitteln so gut wie möglich umsetzen. Um neue zentrale Maßnahmen umzusetzen, brauche es aber auf jeden Fall Mittel. Und auch für Projekte, die von Partnern aus der Zivilgesellschaft umgesetzt werden sollen.

Nicht alle Maßnahmen im Handlungsprogramm kosten Geld. Ein "fatales politisches Signal" nennt es Raphael Thalhammer aber, wenn nur umgesetzt wird, was nichts kostet. Und vieles hänge miteinander zusammen, sagt Steffi Kreuzinger, pädagogische Leiterin von Ökoprojekt Mobilspiel. Sie hat im Arbeitskreis Schule an der BNE-Vision 2030 mitgearbeitet, eine der ersten Maßnahmen wäre es nun, einen Leitfaden für Schulen zu erstellen. "Das ist nicht teuer, und es wäre gut, diesen Leitfaden zu haben. Aber zur Umsetzung braucht es Ressourcen." Die Akteure aus der Zivilgesellschaft wollen nun das Gespräch mit dem Stadtrat suchen.

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