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Oktoberfest-Alternativen:Ein bisschen Wiesn, ein bisschen Freude

Kreisen über dem Königsplatz: Der "Sommer in der Stadt" war aus Sicht der Schausteller ein schöner Erfolg, "aufs Ganze gesehen".

(Foto: Robert Haas)

150 000 Maß Bier und neun vertilgte Ochsen: Mit der oktoberfestlosen Oktoberfestzeit sind Wirte und auch Schausteller zufrieden.

Von Franz Kotteder

Nein, diesmal geht es nicht um 6,3 Millionen Besucher und gut sieben Millionen getrunkene Mass Bier, um Zigtausende vertilgte Brathendl und um soundso viele Hundert Polizeieinsätze gegen Masskrugschläger oder Taschendiebe. Sind die Wiesnwirte wieder zufrieden? Nein, kann man so nicht sagen. Und auch der städtische Wiesnchef, Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU), kann nicht wie 2019 schwärmen über das größtenteils wundervolle Wetter und das friedliche Fest, das wieder einmal ein Ereignis für die ganze Familie gewesen sei, auch jenseits der vollen Bierzelte, mit all den Karussells und Achterbahnen und Fahrgeschäften.

Obwohl - natürlich tut er das auch diesmal. Wenn auch zwangsläufig wesentlich zurückhaltender als im vergangenen Jahr. Gerade die Schausteller und Betreiber von Fahrgeschäften sind ja die großen Verlierer des abgesagten Oktoberfests. Ja, es gab natürlich den "Sommer in der Stadt". Die Veranstaltungsabteilung des städtischen Referats für Arbeit und Wirtschaft stampfte ihn sozusagen aus dem öden, verlassenen Boden der Theresienwiese, pflanzte Fahrgeschäfte wie Freefall-Towers und Wildwasserbahnen aufs Tollwood-Gelände und Auer-Dultstände auf öffentliche Plätze quer durch München. Das Programm sollte sich über die gesamten Sommerferien erstrecken. Dort, wo es gut lief, wurde verlängert bis zum 4. Oktober, an dem auch das wirkliche Oktoberfest geendet hätte.

"Die Münchnerinnen und Münchner sowie die Gäste der Stadt haben die Angebote gut angenommen", zog Baumgärtner Bilanz über das Experiment, "manche Angebote sogar sehr gut." Was im Umkehrschluss freilich auch heißt: manche überhaupt nicht gut. Der Wittelsbacherplatz zum Beispiel bot oft ein eher trostloses Bild; aber wer ist vor der Siemenszentrale schon scharf auf günstige Küchenutensilien von der Auer Dult? Dafür lief es an anderen Orten prächtig, beispielsweise beim Riesenrad auf dem Königsplatz, und deshalb spricht auch der Vorsitzende der Münchner Schausteller, Peter Bausch, "aufs Ganze gesehen" von einem "schönen Erfolg, das hat uns Schaustellern in dieser schweren Zeit sehr geholfen".

Auch die Wirte und die Brauereien reden diesmal nicht über Hektoliterzahlen in der Schlussbilanz, wenn es um die sogenannte "Wirtshaus-Wiesn" geht. Eine genaue Zahl lässt sich auch schlecht nennen, bei 55 teilnehmenden Gaststätten. Gregor Lemke, Sprecher der Innenstadtwirte, die die Aktion zusammen mit den Wirten der großen Wiesnzelte ins Leben riefen, muss erst einmal nachrechnen, wenn man ihn nach Zahlen fragt, und kommt dann zu dem Schluss: "So um die 150 000 Mass werden es wohl schon gewesen sein." Gut angekommen sind die Wiesnspezialitäten. Lemke spricht von "acht oder neun Ochsen", die an verschiedenen Verkaufsstellen der Ochsenbraterei auf die Teller kamen. Bei einer richtigen Wiesn sind es um die 120.

Auffallend sei gewesen, wie viele Menschen während der vergangenen zwei Wochen in Tracht in der Stadt zu sehen waren, sagt Christian Schottenhamel, Wirt vom Nockherberg und stellvertretender Sprecher der Wiesnwirte: "Das zeigte die Wiesn-Sehnsucht", meint er. Auch Gregor Lemke ist das aufgefallen, und auch deshalb spricht er von einem "vollen Erfolg, wenn man die Umstände berücksichtigt, unter denen das alles stattfand".

Manche Wirte sind sich inzwischen aber wegen dieser Umstände gar nicht mehr sicher, ob es wirklich so eine gute Idee war, die "Wirtshaus-Wiesn" auszurufen. Es ging ja eigentlich darum, das spezielle Oktoberfestgefühl in der Stadt wach zu halten, selbst in Corona-Zeiten etwas sanfte Volksfeststimmung zu ermöglichen - und nicht zuletzt auch Gäste in die Gaststätten zu locken. Unglücklicherweise aber stieg die Sieben-Tages-Inzidenz genau einen Tag vor Beginn der Aktion über den Schwellenwert 50. Das lag zwar an einem Infektionsgeschehen, das wohl zwei Wochen vorher stattgefunden haben musste. Aber dennoch waren viele Münchner entsetzt, wie man ausgerechnet dann Oktoberfest feiern konnte.

Jenes Wiesnklischee, das australische und neuseeländische Kampftrinker seit jeher im Kopf haben, ist aber auch einigen Münchner Kommunalpolitikern nicht fremd. So wurde aus der Wirtshaus-Wiesn "eine schlechte Idee", so die SPD-Fraktionsvorsitzende im Rathaus, Anne Hübner. Dabei hatte die Gemeinschaftsaktion der Gastronomen mit dem richtigen Oktoberfest etwa so viel zu tun wie einst die Aktion "Los Wochos" eines großen internationalen Fast-food-Konzerns mit einer richtigen mexikanischen Fiesta.

Trotzdem wurde nun überall, wo zu viel gesoffen und zu wenig Abstand eingehalten wurde, erst einmal die Wirtshaus-Wiesn dafür verantwortlich gemacht, auch wenn die beteiligten Gaststätten davon gar nicht betroffen waren. Und das Überschreiten des Schwellenwerts 50 hatte zur Folge, dass in den Lokalen vorübergehend wieder nur kleinere Gruppen bis zu fünf Personen zulässig waren (inzwischen sind wieder Zehnergrüppchen erlaubt). Ironischerweise waren die Beschränkungen obendrein erst dann so richtig in Kraft getreten, nachdem die Inzidenzzahl bereits wieder unter den kritischen Schwellenwert gefallen war. Auswirkungen hatte das natürlich trotzdem, vor allem psychologische: Mehrere Wirte berichten, dass wegen des Inzidenzwerts bis zu 70 Prozent der Reservierungen storniert wurden.

Ob es 2021 wieder ein richtiges Oktoberfest geben kann? Da wagt derzeit niemand eine Prognose. Gregor Lemke ist sich immerhin sicher, dass es "in der einen oder anderen Form wieder eine Wirtshaus-Wiesn geben soll. Viele Trachtler in der Innenstadt - das hätten wir gerne wieder."

© SZ vom 05.10.2020/baso

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