Als Jeanne-Claude Anfang der Neunzigerjahre darauf bestand, dass fortan ihr Name gleichberechtigt neben dem von Christo genannt wird, wurde ihr das öffentlich zunächst angekreidet. Böse Zungen behaupteten, sie wolle sich in den Vordergrund drängen und ein Stück von seinem Ruhm abhaben. Was die Kritiker, die ihren Namen anfangs mitunter falsch schrieben, jedoch nicht wussten – oder nicht wahrhaben wollten – war, dass hinter dem großen „Verpackungskünstler“ Christo schon seit Anbeginn ein Duo steckte. Denn seit den Sechzigerjahren hatten Christo und seine Frau Jeanne-Claude die Projekte gemeinsam geplant und realisiert.
Vielleicht ist es nicht unwesentlich zu erwähnen, dass es um die Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts geht. Denn die Kunstgeschichte – und nicht nur die – ist voll von Frauen, die lebenslang im Schatten ihres Partners oder Lehrers standen. Frauen, die nur als „Geliebte“ oder „Muse“ Erwähnung fanden – oder gleich ganz vergessen wurden.
Wer kennt beispielsweise die niederländische Porträtmalerin Judith Leyster? Erfolgreich im 17. Jahrhundert, dann lange weitgehend vergessen, weil ihre Werke ihrem Lehrer Frans Hals zugeschrieben wurden. Wie viel Camille Claudel steckt in den Skulpturen von Auguste Rodin? Wie wäre die Karriere von Marianne von Werefkin verlaufen, wenn sie diese nicht zugunsten der Karriere ihres Mannes Alexej von Jawlensky hintan gestellt hätte? Wie oft wurde die Künstlerin Sophie Taeuber-Arp nur als „Frau von Hans Arp“ bezeichnet? Wie lange brauchte es, bis Lee Krasner aus dem Schatten von Jackson Pollock treten konnte?
Dass aus dem Solo-Künstler Christo auch in der Öffentlichkeit endlich das Künstler-Paar Christo und Jeanne-Claude wurde, geschah im Zuge der Berliner Reichstagsverhüllung. Man erinnert sich: Die Aktion konnte nach mehr als 20 Jahren im Sommer 1995 endlich realisiert werden, verzückte um die fünf Millionen Besucherinnen und Besucher und machte die beiden als „Christo und Jeanne-Claude“ weit über die Kunst-Welt hinaus berühmt.
Und zwar mit dem ausgeschriebenen „und“ zwischen den Namensteilen. Das ist nicht immer so, wie das Ausstellungsprojekt „zusammen arbeiten“ des Künstlerverbunds im Haus der Kunst München zeigt. Ein Projekt, in dem es gemischte wie gleichgeschlechtliche Doppel gibt, manche Lebens- und Arbeitspartnerschaften sind, andere ausschließlich auf Arbeitsgemeinschaften beruhen.

Welche Bedeutung hat es, wie Künstler-Duos ihre Namen angeben? Macht es einen Unterschied, ob sie einen Schrägstrich oder einen Gedankenstrich, ein mathematisches Plus oder ein kaufmännisches Und verwenden? Oder ob sie sich auf einen Namen einigen, der nichts mit den Nachnamen zu tun hat? Zeigt es Nähe, Verbundenheit, gemeinsames Denken? Ist es nur eine Mode, auf das Gründungsjahr zurückgehend, eine Marotte gar? Oder hat es doch eine Auswirkung auf die Art, wie zwei Menschen künstlerisch zusammen arbeiten? Ganz abgesehen davon: Wer wird zuerst genannt, wer zuletzt?
18 Künstler-Duos hat der Künstlerverbund für seine diesjährige Biennale eingeladen. Es ist die siebte Biennale der Künstler, seit auf Drängen des damaligen Direktors im Haus der Kunst, Okwui Enwezor, aus der klassischen Mitgliederausstellung eine kuratierte Kunstschau mit eingeladenen Positionen wurde. 18 Duos mit vielen verschiedenen künstlerischen Ansätzen. Aber alle haben eines gemeinsam: Sie legen Wert auf die jeweilige Schreibweise – bis hin zu vorhandenen oder nicht vorhandenen Leerzeichen zwischen den einzelnen Namensteilen, wie der Kurator bemerkt.
Kuratiert hat die Schau ebenfalls ein Duo: Brunner/Ritz aus München (mit Schrägstrich). Raimund Ritz hat lange gebraucht, bis er Mitglied im Künstlerverbund im Haus der Kunst wurde. „Ich war sehr skeptisch“, sagt er, „einfach aus der Geschichte dieses Ausstellungsformats heraus“. Inzwischen ist er sogar im Vorstand. Er und Johannes Brunner hielten es für wichtig, dass neben nationalen auch internationale Künstler-Duos eingeladen werden und dass sie aus verschiedenen Bereichen der Bildenden Kunst, der Musik und Performance, des Films, der Video-Kunst und des Theaters kommen.

Und um es vorwegzunehmen: Kaum etwas an dieser Auswahl ist stringent. Sie trägt die Handschrift der Künstlerkuratoren und ist wie sie selbst teils von performativem Sound geprägt wie das Werk von Pfeifer & Kreutzer, oder von multimedialen Performances wie Hennicker-Schmidt. Brunner/Ritz selbst stellen die Sound-Installation „Mercedes“ aus. Leider geht die Ausstellung auch nicht intensiv der Frage nach, wie die Künstler-Duos entstanden sind und welche Bedeutung das gemeinschaftliche Arbeiten für sie hat. Über die Arbeit selbst wird das am ehesten bei Pierre-Yves Delannoy & Mauricio Hölzemann deutlich, dem jüngsten der ausstellenden Duos. Das hat aber auch viel damit zu tun, dass es das Lebensthema des Liebespaars und Künstlerduos ist.
Dass mitunter ein Werk gezeigt wird, das nach dem Tod eines Teils des Duos entstanden ist, verweist auf die Weiterführung des gemeinsamen Werks „im Geiste“. Stefanie Zoche, die mit ihrer verstorbenen Partnerin Susanne Haubitz als Duo Haubitz+Zoche bekannt wurde, ist dafür ein Beispiel. Dennoch bleibt der Titel „zusammen arbeiten“ vorrangig eine formale Klammer.

Zu den international bekannten Duos zählen neben Christo und Jeanne-Claude, von denen unter anderem eine eingepackte Bild-Zeitung vom Tag des Mauerfalls (Leihgaben des Sammlerehepaars Ingrid und Thomas Jochheim, die mit dem Künstlerehepaar befreundet waren), auch das skandinavische, in Berlin lebende Duo Elmgreen & Dragset. In München wurden die beiden einer breiteren Öffentlichkeit mit ihren Arbeiten im öffentlichen Raum in der Reihe A Space called Public bekannt. Keine Unbekannten sind auch das kanadische Duo Janet Cardiff & George Bures Miller (Documenta 13, Biennale von Venedig), die vielfach schon von der Sammlung Goetz gezeigt wurden. Bei ihrer Installation „Conversations with my Mother“ im Haus der Kunst darf man die Telefonhörer in die Hand nehmen und den aufgezeichneten Gesprächen der Künstlerin mit ihrer inzwischen verstorbenen Mutter lauschen.
Nicht in die Hand nehmen, wegen der verwendeten chemischen Mittel nicht einmal berühren, sollte man die präparierte, ausgestopfte Katze, die Eva&Franco Mattes auf einem Kopierer platziert haben. Jeder kann aber die Kopiertaste bestätigen und erhält dann eine Kopie der Katze – inklusive Signatur! Denn dem in New York und Milano lebenden Künstlerduo geht es um Echtheit und Autorenschaft in Zeiten unendlicher Reproduzierbarkeit. Ihnen gegenüber in der großen Halle im Westflügel des Hauses der Kunst und szenisch korrespondierend wird die weithin bekannte Videoarbeit „Büsi“ von Fischli/Weiss an die Wand projiziert. Es gibt auch malerische Positionen in der Ausstellung, aber man muss sagen, so recht wollen die nicht zünden.

Ganz neu für diese Ausstellung entstanden ist die Videoarbeit „Cashfly Fly“ von M+M (Marc Weis und Martin De Mattia), die darüber hinaus erstmals mit einer KI als drittem „Partner“ neue Wege beschreiten. Der aus dem Residenztheater bekannte Schauspieler Max Mayer ist auf einem Splitt-Screen in einer Doppelrolle als Bankräuber und -angestellter zu sehen. Ergänzt wird das Ganze durch eine KI-generierte dritte Sicht der Dinge. Sehr ungewöhnlich ist auch das unkonventionelle tierische Projekt von Hörner/Antlfinger, die mit Papageien als künstlerischen Partnern arbeiten: „Und dann kam Karl“, kann man da nur sagen, und der Papagei krempelte erst die Wohnung und dann das Leben des Künstler-Paares um.
Die politischste Arbeit in der Ausstellung ist die animierte Videoinstallation „Naughty Boys and Girls“ von Hofmann&Lindholm. Die Reihe der Attentäter, Massenmörder, Serientäter, Militärchefs und Poliker ist eine einzige Anklage im Namen der Menschlichkeit. Hannah Hofmann und Sven Lindholm werfen hier Fragen nach den Grenzen von Öffentlichkeit auf, lassen diese Arbeit nie abbilden, bitten auch darum, dass keine Fotos gemacht oder gepostet werden. Aus Respekt vor den Opfern.
Bei anderen Duos geht es um ganz andere Dinge. So wird im Setting von „Beige“ – das sind Eva Löbau und Judith Huber, einst als „Die Bairishe Geisha“ bekannt – getalkt und performed (4. September). Und eine Kostprobe der experimentellen, elektroakustischen Musik des Duos „48Nord“ (einst Ullrich Müller und Siegfried Rössert, nach dem Tod von Rössert führt Müller das Projekt mit Patrick Schimanski fort) ist am 14. August zu hören. Um Partizipation und Kommunikation geht es Corbinian Böhm und Michael Gruber, die als Duo „Empfangshalle“ immer auch die Menschen in der Öffentlichkeit beobachten. Sie haben eine Arbeit in der Ausstellung im Westflügel im Haus der Kunst installiert, die sich allmählich selbst vernichtet. Denn darin ist der Mensch ja besonders gut – und braucht dafür nicht einmal unbedingt einen Partner.
7. Biennale des Künstlerverbunds im Haus der Kunst: „zusammen arbeiten“, Haus der Kunst, Westflügel, bis 7. September 2025

