Der Lärm der Arnulfstraße dringt kaum bis in den Innenhof. Stattdessen ist ein Akkordeon zu hören, das aus einem der Wohnblöcke erklingt, die hier in Neuhausen Ende der Zwanzigerjahre von der damals neu gegründeten Wohnungsbaugesellschaft Gewofag gebaut wurden. Am 1. Januar 2024 fusionierten die beiden städtischen Gesellschaften Gewofag und GWG zur „Münchner Wohnen“, und so musste auch das Gewofag-Verwaltungshäuschen weichen, das in besagtem Innenhof an der Stupfstraße stand.
Auf der Fläche des Häuschens steht jetzt ein neues Wohngebäude der Nachfolgeorganisation: Drei Stockwerke hoch, die Fassade mit schwarzem Holz verkleidet, 890 Quadratmeter Wohnfläche verteilt auf 14 Wohnungen. Das Projekt soll zeigen, wie man „vergleichsweise schnell günstigen Wohnraum schaffen kann, der qualitativ und architektonisch hochwertig ist“, sagt Natascha Krnic, Projektleiterin des Baus. Das Mittel der Wahl, um dieses Vorhaben umzusetzen, heißt Nachverdichtung – für das Gebäude wurde keine Baufläche neu versiegelt. Dafür haben die Anwohner jetzt ein großes schwarzes Haus im Hof, wobei das Gebäude für die Münchner Wohnen ein eher kleines ist: Ein anderes vornehmlich durch Nachverdichtung entstehendes Münchner-Wohnen-Projekt in Ramersdorf umfasst beispielsweise 157 Wohneinheiten. Was macht den Bau in der Stupfstraße also so besonders?

Zunächst ist es der hohe Nachhaltigkeitsstandard, der durch eine Wärmepumpe auf der Ostseite sowie durch eine Photovoltaikanlage erreicht wird, die auf den umliegenden Häusern installiert ist und die das Gebäude mitnutzen kann. Viel wichtiger ist aber das Wohnkonzept: Während die oberen Stockwerke von acht frei finanzierten Maisonettewohnungen belegt werden, findet im Erdgeschoss eine auf sechs Ein-Zimmer-Appartements verteilte sorgende Hausgemeinschaft Platz. Am 1. Mai sind hier sechs Seniorinnen eingezogen – sie kennen sich untereinander bereits, helfen einander im Alltag und nutzen einen Gemeinschaftsraum, der neben den Wohnungen liegt. Die sechs Wohnungen sind im Modell der einkommensorientierten Förderung EOF entstanden, mit der die Stadt München und der Freistaat Bayern die Schaffung günstigen Wohnraums unterstützen.
Obwohl sich das Gebäude farblich stark von seinen Nachbarn abgrenzt, soll insbesondere über das Konzept der sorgenden Hausgemeinschaft eine schnelle Integration ins Viertel gelingen. Die muss jedoch auch von den Bewohnern selbst ausgehen. Die Hausgemeinschaft soll „Möglichkeiten schaffen, dass Menschen miteinander in Kontakt kommen“, sagt Christian Kiefer, Leiter der Abteilung Wohnen bei der Münchner Wohnen.
Wie genau der Kontakt zum Rest des Innenhofs aussehen soll, ist in der Stupfstraße noch unklar. Über die Einrichtung des bis dato leeren Gemeinschaftsraumes entscheidet die sorgende Hausgemeinschaft selbst. Kiefer sagt, diese Form des sozialen Wohnens könne „auch einen Beitrag für das Miteinander im Quartier“ leisten. „Erfahrungen aus anderen sorgenden Hausgemeinschaften in München zeigen, dass Gemeinschaftsräume beispielsweise für Sprachkurse oder Hausaufgabenbetreuung der Kinder aus den umliegenden Häusern genutzt werden“, sagt Kiefer.
Die Münchner Wohnen beweist mit dem Nachverdichtungsprojekt Mut zur Baulücke, zieht damit aber zwangsläufig den Unmut einiger Anwohner auf sich: Manche Menschen, die man vor dem Haus trifft, bemängeln die geringere Lebensqualität während der Bauphase, andere ärgern sich über den krassen Kontrast, den das Haus mit der pechschwarzen Fassade gegenüber den umliegenden Wohnblöcken bietet. „Ich glaube, es war für manche Anwohner erst einmal schwierig zu sehen, dass da jetzt wirklich was gebaut wird“, sagt Projektleiterin Natascha Krnic.
Daher habe man sowohl vor als auch während der Bauphase versucht, die Wünsche der Nachbarschaft bestmöglich zu respektieren: Der Baumbestand des Innenhofs blieb erhalten, zwei neue Bäume spenden Schatten auf dem Vorplatz. Auch die als Bauzufahrt genutzte Straße wurde nach der Fertigstellung neu asphaltiert. Die Münchner Wohnen teilt auf Anfrage mit, es seien keine über das „übliche Maß hinausgehenden Beschwerden“ bekannt.
Von den 1250 Wohnungen, die die Wohnungsbaugesellschaft jährlich bauen will, sind somit weitere 14 geschaffen. Die hohe Qualität der Wohnungen sei „auch für den sozialen Wohnungsbau bemerkenswert“, sagt Krnic. Allerdings ist das Wohnkonzept nicht nur für die Anwohner, sondern auch für die sechs Seniorinnen neu. Ob das von Christian Kiefer gewünschte Miteinander im Quartier also Erfolg haben wird, bleibt abzuwarten.

