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Prozess:Betrügerin vermietet fremde Wohnungen

  • Eine 40-jährige Frau hat in mindestens 85 Fällen Wohnungssuchende um insgesamt mehr als 210 000 Euro geprellt.
  • Ein Gericht hat sie nun wegen Betrugs zu einer Freiheisstrafe von drei Jahren verurteilt.
  • Als 17-Jährige war sie zum ersten Mal zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden - wegen Drogenhandels.

Von Thomas Schmidt

Nicole H. muss sehr überzeugend gewesen sein, erfinderisch, geschickt - und äußerst dreist. Über etliche Monate hinweg betrog sie mit immer derselben Masche Dutzende Menschen, die in München nach einer neuen, bezahlbaren Bleibe suchten. Im Internet bot sie unterschiedliche Mietwohnungen an, die alle gemeinsam hatten, dass sie der Frau überhaupt nicht gehörten.

Sie unterschrieb - mit ihrem echten Namen - zahlreiche Mietverträge, kassierte Kautionen meist in vierstelliger Höhe und prellte so in mindestens 85 Fällen Wohnungssuchende um insgesamt 210 647 Euro und 50 Cent. Selbst als sie bereits ahnen musste, dass ihr die Polizei auf der Spur war, machte sie einfach weiter. Doch jetzt wurde Nicole H. verurteilt - wegen Betrugs zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren. Ob die zahlreichen Opfer ihr Geld jemals wiedersehen, wird aber erst die Zeit zeigen.

Die nun also rechtskräftig verurteilte 40 Jahre alte Frau hatte eigentlich einen guten Job, ist studierte Wirtschaftswissenschaftlerin und arbeitete zunächst bei einem namhaften Münchner Unternehmen, später machte sie sich selbständig. Doch ihre Prozessakte offenbart, dass Nicole H. schon früh in Konflikt mit der Polizei geriet: Als Jugendliche begann sie zu kiffen, bereits mit 15 Jahren wurde sie heroinabhängig.

Zwei Jahre später, mit 17, wurde sie dann das erste Mal zu einer Bewährungsstrafe wegen Drogenhandels verurteilt. Zahlreiche weitere Verurteilungen kamen in den folgenden Jahren hinzu. Später, als Angestellte, konsumierte Nicole H. auch während ihrer Arbeit Drogen, kaschierte ihre Sucht aber offenbar so geschickt, dass sie nicht weiter auffiel.

Das alles geht aus den Unterlagen zu ihrem jüngsten Prozess hervor. Ein psychiatrischer Sachverständiger attestierte ihr vor Gericht die Drogenabhängigkeit und folgerte zudem, dass ihre Betrügereien auf dem Mietmarkt damit zusammenhingen: Nicole H. habe ihre Opfer ausgenommen, um ihre Sucht zu finanzieren.

Soweit es das Gericht nun feststellen konnte, begann Nicole H. im Jahr 2017 damit, Mietwohnungen, die ihr nicht gehörten, auf einer bekannten deutschen Internetplattform anzubieten. In einem dieser Apartments wohnte ihr Lebensgefährte, in anderen offenbar Bekannte. Nicole H. verschaffte sich Zugang zu den Wohnungen, ließ sich beispielsweise den Schlüssel geben, um den Briefkasten zu leeren oder die Blumen zu gießen. Laut Klaus-Peter Jüngst, dem Sprecher des Münchner Amtsgerichts, gibt es "keinen belastbaren Hinweis" darauf, dass die echten Mieter in die Betrugsmasche eingeweiht waren.

Selbst für die Justiz war sie schwer zu finden

Nicole H. führte Interessenten durch insgesamt sieben unterschiedliche Wohnungen, wenn die echten Bewohner gerade nicht zu Hause waren. Sie gab sich dabei als Eigentümerin aus und erfand Lügengeschichten, warum das Apartment bald zur Verfügung stünde. Dann versprach sie den Interessenten die fremde Wohnung, schloss Mietverträge ab und verlangte eine Kaution oder eine Ablöse in bar. Meist forderte sie zwischen 2000 und 3000 Euro, manchmal aber auch deutlich höhere Beträge, einmal fast 9000 Euro. Den Empfang des Geldes quittierte sie - scheinbar seriös - schriftlich. Zu einem ihrer späteren Opfer sagte sie noch, dass vielleicht die Polizei klingeln könnte, weil ihr aktueller Mieter so oft schwarz gefahren sei - offenbar fürchtete sie bereits, aufgeflogen zu sein.

Wenn die hoffnungsvollen Neumieter dann einige Wochen später vor der Tür standen, blieb diese verschlossen - oder der echte Mieter öffnete kurz, um klarzustellen, dass er keinesfalls daran denke, auszuziehen. Eine Familie hatte sogar schon ihren Umzugswagen beladen und ihre alte Wohnung gekündigt, berichtete eine Kriminalbeamtin bei dem Prozess.

Natürlich versuchten die Opfer anschließend, sich bei Nicole H. zu beschweren - doch die tauchte immer wieder unter und war selbst für die Justiz schwer zu finden. Die Polizei nahm eine Anzeige nach der anderen auf, begann zu ermitteln, doch selbst als die Staatsanwaltschaft ihre Anklage fertig hatte, vergingen erneut Monate, bis die Dokumente der untergetauchten Beschuldigten endlich zugestellt werden konnten. In dieser Zeit machte Nicole H. ungerührt weiter.

Nach 85 Betrugsfällen ist nun Schluss. Die Polizei konnte Nicole H. schließlich doch in Untersuchungshaft stecken. Vor Gericht hat die 40-Jährige ihre Taten gestanden. Bevor sie ins Gefängnis muss, wird sie jedoch in einer Entziehungsanstalt untergebracht. Sie sei "therapiebereit", heißt es im Urteil. Zurückzahlen kann sie die mehr als 200 000 Euro, die sie ihren Opfern gestohlen hat, derzeit nicht. Von der Beute ist offenbar nichts übrig: Laut den Ermittlungen der Polizei ist Nicole H. "vermögenslos".

© SZ vom 08.08.2019/kaal

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