Es ging schon recht unorthodox los: Mit Cowboyhut und Cowboystiefeln, an seiner Seite Ehefrau Jill Ann mit umgehängter Gitarre, besuchte Rabbi Alan Podet die junge Münchner Gruppe. „Das sah weniger nach Rabbinerbesuch aus und mehr nach ‚Texas Folk Festival‘.“ Stacey van Hooven erzählt die Anekdote auf der Bühne im Alten Rathaus, Jauchzen und Gelächter im voll besetzten Saal. Die gebürtige Amerikanerin war selbst dabei, als wenig später 1995 die Liberale jüdische Gemeinde München Beth Shalom gegründet wurde - nachdem die US-Armee aus München abgezogen war und mit ihr die Armee-Rabbiner, die liberale Gottesdienste gefeiert hatten.
Am Donnerstagabend feiert die Gemeinde das 30-jährige Bestehen und mit ihr nicht nur Prominenz aus Kultur, Politik sowie Vertreter von Kirchen und Muslimen, sondern auch George Stein aus New York. Der Gast aus Übersee war es, der Anfang der 1990er-Jahre als Mitarbeiter von Radio Free Europe zusammen mit seiner Frau Susan nach München gezogen war und per Kleinanzeige nach anderen englischsprachigen jüdischen Eltern gesucht hatte. Um „einen warmen, fröhlichen Ort für unsere Kinder zu schaffen“, eine jüdische Sonntagsschule, erzählt van Hooven.

Die in New York aufgewachsene Münchner Juristin setzt in ihrer sehr persönlichen Chronik über das Werden der heute knapp 700 Mitglieder starken Gemeinde den heiteren und gleichzeitig nachdenklichen Ton des Abends und öffnet damit die Tür für Versöhnlichkeiten, die noch in etlichen Ansprachen und anschließenden Stehtischgesprächen bei veganen Kanapees und Lachspralinen eine Rolle spielen sollten.
Der Autor C. Bernd Sucher, seit dem späten Frühjahr als neuer Vorsitzender von Beth Shalom im Amt, hat bei seiner Begrüßung bereits für ein umfassendes Miteinander geworben: zuallererst um jenes zwischen den Liberalen von Beth Shalom und den Orthodoxen der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) mit ihrer Präsidentin Charlotte Knobloch. Damit „die Jüdinnen und Juden in dieser Stadt und in ganz Bayern trotz aller religiösen Unterschiede (...) sich als eine Einheit verstehen (...). Dass wir uns mit einer Stimme zu Wort melden, wenn wir uns angegriffen fühlen, wenn unser Stolz verletzt und unsere Beweglichkeit infrage gestellt ist“. Er wünsche sich zudem, dass Juden, Christen, Muslime und Mitglieder anderer „religiöser, friedfertiger“ Glaubensgruppen „friedvoll gemeinsam das Leben dieser Stadt prägen“.
„Unsere Beziehung zur IKG war nicht immer einfach“
Es war ein langer Weg für Beth Shalom, sich zu etablieren neben der großen orthodoxen Schwester IKG - sie zählt aktuell etwa 9500 Mitglieder. Diese ließ die junge Gruppe 1995 räumlich nicht bei sich unterschlupfen, und so trafen sich die Liberalen zunächst sonntags regelmäßig in einer Schulturnhalle. Heute, nach sechs Umzügen, haben sie eigene gemietete Räume samt Synagoge in Sendling, mit dem gebürtigen Tschechen Tom Kučera einen Vollzeit-Rabbiner, ein eigenes Gräberfeld auf dem Waldfriedhof und Großes vor: auf einem städtischen Grundstück im Lehel planen sie eine eigene Synagoge nach den Plänen des New Yorker Architekten Daniel Libeskind. Noch reicht das Geld dafür nicht.
„Unsere Beziehung zur IKG war nicht immer einfach“, konstatiert Stacey van Hooven. „Doch heute nähern wir uns einander an, mit wachsendem Verständnis dafür, dass unsere Ansätze zwar verschieden sind, unser Ziel aber dasselbe ist. Wir sind ein Volk.“ Beth Shalom sei in München kein Neuanfang gewesen, sondern ein Akt der Wiederherstellung. „Vor der Dunkelheit der Shoa war Deutschland Heimat lebendiger reformierter und konservativer jüdischer Gemeinden.“ Die Hauptsynagoge in München, die 1938 auf Befehl Adolf Hitlers zerstört wurde, war eine liberale Synagoge, „die von modernem und engagierten jüdischen Leben pulsierte“.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen progressivem und orthodoxem Judentum ist die Rolle der Frau. Im Gottesdienst der orthodoxen Gemeinden zum Beispiel sitzen die Geschlechter getrennt, bei Beth Shalom beten die Familien zusammen.
Beim Festakt im Saal des Alten Rathauses sagt IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch: „Ich freue mich sehr, dass es euch gibt. Wir brauchen einander.“ Innere Vielfalt sei das prägende Merkmal der jüdischen Gemeinschaft in München. „Was uns trennt, macht uns aus, und was uns verbindet, das verbindet uns tiefer als alles Trennende.“ Man stehe einander zur Seite, „wenn wir feiern und wenn wir trauern, wenn Ereignisse wie der 7. Oktober die ganze jüdische Gemeinschaft aus der Bahn werfen“.
Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), der via Leinwand seine Grußbotschaft in den Saal schickt, begrüßt die neu ausgerufene Kooperation, sie „freue“ ihn: Jüdisches Leben dürfe nicht im Verborgenen stattfinden, „es gehört mitten in unsere Stadt, sichtbar, lebendig, selbstverständlich.“ Beth Shalom und Suchers Verleger Christian Ruzicska spendeten zum Jubiläum an Schulen der Stadt und des Freistaats 3000 Exemplare von Anne Franks Romanentwurf „Liebe Kitty“. Begegnungskultur, hat der Beth-Shalom-Vorsitzende eingangs gesagt, müsse in den „Kinderjahren“ anfangen.

Und weil Sucher ein Kulturmensch ist und „ehrgeizige Pläne“ für die Präsenz und Wahrnehmung seiner Gemeinde in der Öffentlichkeit hat, setze er zukünftig auch auf ein selbstbewusstes Miteinander mit dem hiesigen Kulturbetrieb.

Sichtbar wird das bei der Geburtstagsfeier durch die Präsenz der Münchner Intendanten Andreas Beck (Residenztheater) und Christian Stückl (Volkstheater). Kollegin Barbara Mundel von den Kammerspielen lässt sich krankheitsbedingt entschuldigen. „Wir leben in sich verdunkelnden Zeiten“, richtet Beck von der Bühne aus das Wort an die Gäste. Es gelte Allianzen zu bilden, gemeinsame Werte zu erkennen und zu verteidigen, „was uns wichtig, was uns heilig ist“.
Beth Shalom heißt wörtlich übersetzt „Haus des Friedens“.

