Sie boten Wetten auf Fußballspiele und andere Sportereignisse an – ohne Lizenz, ohne Limits, ohne Steuern. Am Mittwoch haben Münchner Ermittler das illegale Treiben einer wohl gut organisierten Bande im Internet beendet. In ganz Deutschland und darüber hinaus schwärmten Polizisten, Steuerfahnder und Staatsanwälte aus. Fast 1000 Beamtinnen und Beamte durchsuchten 162 Privatwohnungen und Wettbüros.
Der Vorwurf: Mehr als ein Dutzend Männer und Frauen sollen hierarchisch organisiert illegale Sportwetten auf sogenannten schwarzen Webseiten angeboten haben, die sie zuvor selbst eingerichtet hatten. Zugangsdaten erhielten Spieler über persönliche Kontakte. Die Tatverdächtigen zockten nach Erkenntnissen der Ermittler vom Münchner Kriminalkommissariat 33 auch selbst. Und kassierten kräftig ab.
Eine zweistellige Millionensumme soll bei der kriminellen Organisation so hängengeblieben sein, indem „die gesetzlich vorgeschriebene Wettsteuer in Höhe von 5,3 Prozent systematisch nicht abgeführt wurde“, wie Polizei und Staatsanwaltschaft am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in München erläuterten. Das heißt: Seit 2012 könnte die Tätergruppierung mehrere Hundert Millionen Euro Umsatz gemacht haben.
Da es im Gegensatz zu staatlich lizenzierten Wettanbietern bei derartigen illegalen Sportwetten keine Limits gibt, setzten manche Kunden mehrere Hunderttausend Euro auf Ergebnisse von Sportveranstaltungen. Zumindest sie müssen laut Ermittler Guido Rissmann gewusst haben, dass sie Verbotenes taten. Und so sind auch etwa 90 Internet-Zocker in den Fokus der Strafverfolger geraten.
Vor zwei Jahren hatten die Ermittlungen der Münchner Experten für die Verfolgung organisierter Kriminalität begonnen. Am frühen Mittwochmorgen schlugen sie zu. Allein in München wurden 51 Objekte durchsucht. Etwa 200 Sicherheitskräfte waren dabei im Einsatz. Außerhalb von Bayern fanden gleichzeitig auch Durchsuchungen in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hessen, dem Saarland, in Niedersachsen und Berlin statt, darüber hinaus in Österreich, Spanien und Malta.

Die Mittelmeerinsel ist Sitz zahlreicher Wettanbieter. In Deutschland war Online-Glücksspiel bis 2021 verboten. Seither veröffentlicht die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) auf ihrer „Whitelist“ diejenigen Unternehmen, die in Deutschland eine Erlaubnis oder Konzession besitzen. Darunter sind Anbieter wie der Sparkassenverband Bayern oder die Staatliche Lotterie- und Spielbankverwaltung.
Mitarbeiter des Online-Sportwetten-Angebots „Bet3000“ von Razzia betroffen
Aber auch Unternehmen wie die auf Malta ansässige Firma IBA Entertainment Ltd. Mit seinem Online-Sportwetten-Angebot „Bet3000“ sah sich das Unternehmen von der Razzia am Mittwoch betroffen. Polizei und Staatsanwaltschaft ließen nämlich durchblicken, dass auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines legalen Wettanbieters in das jetzt zerschlagene illegale Glücksspiel-Netzwerk verstrickt sein könnten.
Der Anbieter IBA meldete sich deshalb am Donnerstag mit einer Presseerklärung zu Wort. Demnach richteten sich die Vorwürfe „gegen einzelne Personen, auch aus dem Umfeld der Gesellschaft“ – aber nicht gegen den Wettveranstalter selbst. Das hatten auf der Pressekonferenz auch die Ermittler betont. „Wir nehmen diese Vorwürfe sehr ernst und werden vollumfänglich mit den Behörden kooperieren“, hieß es in der Erklärung.
Die Lizenz für Online-Sportwetten von Bet3000 war vor einem Jahr von der GGL „unter Verweis auf vermeintliche technische Mängel und eine damit verbundene, angebliche Unzuverlässigkeit des Unternehmens“, wie es der Anbieter selbst formuliert, widerrufen worden. Ende Juni kippte das Verwaltungsgericht Halle dieses Verbot vorerst. Bet3000 ist seither wieder auf der Whitelist aufgeführt.
Allein in und um Waldkraiburg im oberbayerischen Landkreis Mühldorf am Inn wurde am Mittwoch „eine niedrige zweistellige Zahl“ von Objekten durchsucht, bestätigten die Ermittler. Darunter war ein Wettbüro von Bet3000. In einem offenen Brief an die GGL hatte die Bet3000-Geschäftsführerin Ende Mai betont: Man habe „keine zweite Kasse. Keine Schattenstruktur. Kein Steuertrick-Modell“. Jeder Mitarbeiter sei geschult, jeder Fehler werde „umgehend gemeldet“, jeder Vorfall „transparent dokumentiert“.
Möglicherweise haben Tatverdächtige einerseits legal für den Wettanbieter gearbeitet, zugleich aber mit verbotenen Angeboten Kasse gemacht. Und sich damit einen luxuriösen Lebensstil ermöglicht, mit teuren Autos, hochwertigen Immobilien und exklusiven Reisen. Haftbefehle gab es jedoch nicht. Dafür hätten keine Gründe vorgelegen, so Staatsanwältin Anja Biel. Fluchtgefahr wäre ein solcher Haftgrund gewesen. Die Tatverdächtigen, über die sich die Ermittler unter Berufung auf das Steuergeheimnis in Schweigen hüllen, sind also deutsche Staatsbürger.

