bedeckt München 17°
vgwortpixel

SZenario:"Jahrmarkt der Eitelkeiten"

Jane Goodall bei der Verleihung der „Best Brand Awards“. Sie erinnert daran, dass jeder jeden Tag den Unterschied für eine bessere Welt machen.

(Foto: Robert Haas)

Kaum ist Mahnerin und Umweltschützerin Jane Goodall von der Bühne, flimmern die Gewinner-Spots der "Best Brand Awards" über die Leinwand

Der Ablaufplan meint es gut mit Schimpansenforscherin Jane Goodall. Gleich als Erste ist sie dran: Keynote-Speech halten, Blumenstrauß in Empfang nehmen, ins Publikum winken, raus mit Applaus - und Feierabend. Die Veranstalter der "Best Brand Awards" haben damit den Höhepunkt der Veranstaltung sehr früh gesetzt, aber wahrscheinlich wollte man der alten Dame nicht zu viel zumuten - schließlich wird sie bald 86. Womöglich hatte man aber auch das Gefühl, dass das, was sie in der Stunde nach ihrer Rede im Festsaal des Bayerischen Hofs gehört und gesehen hätte, ihr doch das ein oder andere Runzeln auf die Stirn getrieben hätte.

Zum 17. Mal werden vor 650 Gästen die Best Brands vergeben, zum ersten Mal unter einem Oberthema: Nachhaltigkeit. Da passt die Verhaltensforscherin, Anthropologin und UN-Friedensbotschafterin Goodall, die wohl bekannteste Umwelt- und Tierschützerin der Welt, natürlich perfekt. Die Biologin spricht in eindringlichen und auch berührenden Worten vom drohenden Kollaps des Planeten: "Ist es nicht bizarr, dass die klügsten Wesen die Entscheidung treffen, ihr einziges Zuhause zu zerstören?" Die Menschheit sei in der Lage, Raumschiffe ins Weltall zu schicken, habe das Internet erfunden, zerstöre aber gleichzeitig mit ihrem Verhalten die Erde. Ihre Kernbotschaft: Jeder kann jeden Tag den Unterschied für eine bessere Welt machen. "Haben Sie bei allem, was Sie tun, Ihre Kinder und Enkel im Kopf", sagt sie. "Was werden die sagen, wenn sie Elefanten nur noch aus dem Buch kennen?", fragt Goodall und legt den anwesenden Firmenchefs und allen anderen Zuhörern nachhaltigeres Handeln ans Herz.

Doch kaum ist die Mahnerin von der Bühne, flimmern die Gewinner-Spots über die Leinwand. Und darin geht es um Turnschuhe, beutellose Staubsauger, Kochmesser aus japanischem Spezialklingenstahl und Angebergrills samt Brataufsatz für Bierdosenhähnchen. Jane Goodall hätte - mit Ausnahme des als beste Nachhaltigkeitsorganisation ausgezeichneten World Wildlife Fund - wohl den Kopf geschüttelt. Einer, der sie gut kennt, muss sich nach dem finalen "Kräftig-was-auf-die-Ohren"-Set der schwedischen Indie-Rocker Mando Diao auf der Party den Ärger von der Seele reden: "Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten", schimpft Verleger und Umweltaktivist Fritz Lietsch, "hier könnten so viele Machtmenschen den Hebel umlegen, aber es fehlt der Mut. Wir investieren viel zu viel, um Dinge zu verkaufen, die kein Mensch wirklich braucht. Wir haben von allem mehr als genug. Sparen wir uns die Werbung und nehmen wir das, was Jane Goodall gesagt hat, verdammt noch mal ernst." Lietsch fällt auf im Einerlei der dunkelblauen Business-Anzüge. Er trägt ein knallbuntes T-Shirt mit dem Aufdruck "Love and respect for Mama Earth" unter dem grauen Sakko. Seit 25 Jahren beschäftigt sich der Mann vom "Forum Nachhaltig Wirtschaften" mit verantwortungs-, klima- und kostenbewusstem Konsum, ist Moderator beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis, den auch Goodall schon bekam, auf seine Initiative, wie er sagt. Seine Forderung: sinnvolle Produkte herstellen, neue Studiengänge schaffen.

Der Rest der Anwesenden hat bei Perlgraupensalat und im Heu gegarten Kalbsrücken andere Themen. Bei Alena Gerber und Christine Theiss geht es um den Wendler, bei den Meise-Twins und Prinz Frederic von Anhalt um die eigene Markenbildung. Dennoch gibt es Hoffnung. Wie sagte doch Serviceplan-Chef Florian Haller, der den Abend mitorganisiert hatte: "Nachhaltigkeit ist keine Verzichtsdisziplin, sondern vielmehr ein starker Faktor bei der Markenbildung." Das hätte Jane Goodall dann schon gefallen.

© SZ vom 21.02.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite