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Bildung:Sakko, Hemd und Selbstvertrauen

Noémi Hermeking und Martin Rastinger bereiten die Schüler auf Bewerbungsgespräche vor - und haben, falls nötig, auch passende Kleidung.

(Foto: Catherina Hess)

Die Berufswerkstatt an der Mittelschule an der Schleißheimer Straße versteht sich als Partner der Jugendlichen, die vor dem Abschluss stehen

Von Ramona Dinauer

Ein digitaler Einstellungstest - was für viele Berufsanfänger einen leichten Schritt im Bewerbungsprozess darstellt, ist für andere schon organisatorisch eine Herausforderung. Eine Neuntklässlerin aus Milbertshofen musste sich für einen solchen digitalen Test erst den Laptop ihrer Nachbarin ausleihen. Ein eigenes Gerät hat ihre Familie nicht. "Unsere Schüler müssen oft mehr Hürden meistern als andere, auch was die Medienkompetenz betrifft." Deshalb brauche es einen Perspektivenwechsel, sagt Noémie Hermeking. Sie leitet das Projekt Berufswerkstatt an der Mittelschule an der Schleißheimer Straße. Seit September 2018 unterstützt die Berufswerkstatt Jugendliche bei der Suche nach Praktika und Ausbildungsplätzen.

Verortet ist die Berufswerkstatt in dem roten Backsteingebäude der Mittelschule. Im Gang im Erdgeschoss bewirbt ein Plakat den Tag der offenen Tür an der LMU. Pflegekräfte werden dort gesucht. Daneben hängt eine bunte Grafik, die den Erfolg des Projekts zeigt. 2019 begannen demnach etwa zehn Prozent mehr Schüler eine Ausbildung als im Vorjahr. Auch an einem höheren Schulabschluss stieg das Interesse. Gegenüber von den Aushängen geht es in die Berufswerkstatt, die einzig der Berufsfindung vorbehalten ist.

In einer Ecke hängen glatt gebügelte Hemden und blaue Sakkos. Den Schülern solle es auch nicht an Kleidung für ein Bewerbungsgespräch fehlen, erklärt Hermeking. Neben den Leihhemden hat die Stiftung "Kick ins Leben" zusammen mit Förderern auch die Drucker und Laptops bezahlt, die in der Werkstatt stehen. "Hätten sie die Berufswerkstatt nicht finanziert, würde es das Projekt nicht geben", sagt Martin Rastinger, Lehrer an der Mittelschule. Doch gehe es um viel mehr als Hemden und Bewerbungsmappen. Die Jugendlichen müssen in ihrem Selbstvertrauen gestärkt und zu Eigeninitiative motiviert werden.

Noémie Hermeking begleitet Schüler unter normalen Umständen zu Karrieretagen und spielt Bewerbungsgespräche mit ihnen durch. Die Gänge der Mittelschule blieben jedoch viele Woche leer. Gerade dann sei es wichtig gewesen, die Jugendlichen nicht nur bei der Berufswahl, sondern auch emotional zu unterstützen. Abends und am Wochenende haben Hermeking die Fragen der Schüler über Whatsapp oder Videoanrufe erreicht. Zudem haben die sogenannten Berufsunterstützer die schulfreie Zeit genutzt, um die Berufsanfänger des vorigen Jahrgangs zu kontaktieren, so Hermeking.

Schüler, die in diesem Jahr beispielsweise einen Ausbildungsplatz suchen, bekommen noch vorhandene Plätze direkt von der Agentur für Arbeit zugeschickt. Die Berufswerkstatt steht in engen Kontakt mit dem Münchner Amt. Solche Angebote seien wichtig, da auch seit der Rückkehr der Abschlussklassen, weniger Schüler persönlich in die Berufswerkstatt kommen. Gestresst von den Abschlussprüfungen und gedrängt nach vier Stunden Präsenzunterricht das Gebäude wieder zu verlassen, greifen die Jugendlichen lieber auf ein Gespräch am Telefon zurück. "Sind erst einmal die Prüfungen vorbei, werden die Schüler ihre Bewerbungen wieder motivierter angehen. Unser Ziel ist es den Jugendlichen, wenn sie soweit sind, verschiedene Möglichkeiten aufzuzeigen, sei es eine Ausbildung, ein Praktikum oder auch ein weiterführender Schulabschluss", sagt Hermeking.

Lehrer Martin Rastinger hat die Schulschließung genutzt, um sich intensiver mit digitalen Lernmethoden auseinanderzusetzen. Geometrie, Dreisatz, Quali-Training - Dutzende Videos hat Rastinger bereits bei sich zu Hause für seine siebte Klasse aufgenommen und auf Youtube hochgeladen. "Wenige Tutorials auf Youtube haben Mittelschüler als Zielgruppe. Deshalb wollte ich meinen Schülern den Stoff auf einer Plattform anbieten, die sie anspricht", sagt Rastinger. Haben die Schüler noch Fragen, können sie den Lehrer anrufen oder ihm auf Whatsapp schreiben.

Neben Hermeking übernehmen die Berufsunterstützer die Aufgaben, die sich mit der Krise verändert haben. Vier Stunden in der Woche widmen sich die Ansprechpartner jeweils einer Klasse der siebten, achten, neunten und zehnten Jahrgangsstufe der Mittelschule. Darüber hinaus arbeitet die Berufswerkstatt mit Projekten der Stadt München, der Bundesagentur für Arbeit, des Vereins Stadtteilarbeit, der Bürgerstiftung München, des Vereins Euro-Trainings-Centre sowie Ehrenamtlichen zusammen. Durch die Vielzahl an externen Unterstützern sei früher eine gewisse Beliebigkeit entstanden. Martin Rastinger beobachtete, wie so schwer zu vermittelnde Schüler bei der Berufsunterstützung durchrutschten. Seit es die Berufswerkstatt gibt, weiß jede Klasse, an wen sie sich wenden kann, wer sich für sie Zeit nimmt.

Mehr als 80 Prozent der Schüler an der Mittelschule an der Schleißheimer Straße hätten einen Migrationshintergrund, schätzt Rastinger. Dadurch ergäben sich besondere Herausforderungen. Während Schüler aus sozial starken Familien zu Hause auf Hilfe bei den Hausaufgaben bauen, übersetzten einige Schüler von Rastinger Gespräche am Elternabend. Die zugewanderten Eltern möchten, dass ihre Kinder die besten Möglichkeiten bei der Berufswahl haben. Martin Rastinger versucht dann, den Eltern zu verdeutlichen, dass in Deutschland auch eine Ausbildung ein Start in ein aussichtsreiches Berufsleben sein kann. Den Jugendlichen möchte der Lehrer hingegen vermitteln, dass ihre zweite Fremdsprache oder die Betreuung der kleinen Geschwister besondere Qualifikationen sind.

In der Berufswerkstatt hilft Noémie Hermeking, unerkannte Stärken aufzuzeigen. Gleichzeitig möchte die Ethnologin die Jugendlichen auf die Realität im Berufsalltag vorbereiten. Jedoch sollen Karriereträume nicht zerstört werden. "Natürlich bin ich für Chancengerechtigkeit beim Berufseinstieg, doch die Welt sieht leider anders aus. Mit einem Migrationshintergrund wirst du es fast immer schwerer haben." Zum Teil äußere sich das an den Karrieretagen einzelner Firmen, erzählt Martin Rastinger. Solche Firmen hätten angeblich viele freie Ausbildungsplätze. Letztendlich stellen die Unternehmen aber keine Jugendlichen mit Mittelschulabschluss ein, kritisiert Rastinger. Dadurch wirke ein Karrieretag, der sich an benachteiligte Schüler richte, wie eine reine PR-Aktion. Die Berufswerkstatt will solchem Frust vorbeugen und ein verlässlicher Partner für die Jugendlichen sein.

© SZ vom 09.06.2020
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