Direkt nach der Pause gibt es diesen Moment, der einen mit Trauer erfüllt. Stephanie Krug singt „Wiegala“, ein betörend schönes, ganz einfaches Lied von Ilse Weber, das Anne Sofie von Otter mal aufgenommen hat, Andreas Wittmann begleitet nun Krug an der Gitarre. „Wiegala, wiegala, wille, wie ist die Welt so stille! Es stört kein Laut die süße Ruh, schlaf, mein Kindchen, schlaf auch du.“ Ilse Weber komponierte es in Theresienstadt.
In das Lied hinein schiebt sich Stefan Wilkening und liest einen Brief vor, den ein Freund der Eltern an Hanuš Weber schrieb, Ilses Sohn, der als Pflegekind bei Freunden in Schweden den Holocaust überlebte. Ilse überlebte nicht. Von Theresienstadt kam sie nach Auschwitz, wo sie 1944 ermordet wurde. Der namenlose Freund berichtet von seinem Gefühl, auf Kosten der Toten überlebt zu haben. Und er erzählt, wie er Ilse Weber den Rat gab, mit den Kindern, um die sie sich kümmerte, als Erste in die Gaskammer zu gehen und dort ein Lied zu singen. Dann würden sie das Gift schneller einatmen, schneller sterben, weniger leiden.
Die Konzert-Performance „Das Lied von der Erde“ gedenkt im Bergson Ilse Weber und vieler anderer Künstler, Schriftsteller, Musiker, die von den Nazis vertrieben oder umgebracht wurden, weil sie Juden waren, Linke, Demokraten. Oder weil sie einfach Kunst machten, die den Nazis nicht passte. Die „Glücklicheren“ schafften es ins Exil, vielen anderen erging es wie Ilse Weber, die selbst in Theresienstadt nicht aufhörte zu schreiben. Von ihr stammt auch das „Theresienstadtlied“, „... wann wohl das Leid ein Ende hat“.
Nach dem todtraurigen Wiegenlied liest Wilkening Briefe von Lion Feuchtwanger. Einer ging an eine Zeitung, in ihm richtet sich Feuchtwanger an denjenigen, der nun in seinem Haus wohnt, das die Nazis beschlagnahmten, für das er aber Steuern zahlen soll. Feuchtwanger gibt dem neuen „Mieter“ Tipps, an welche Handwerker er sich im Bedarfsfall wenden und dass er auf den empfindlichen Teppich achtgeben solle.
Den Abend erfunden und inszeniert hat Martina Veh. Sie wählte die Texte aus, auch die Musik, die Hans Huyssen für das Instrumentalensemble von Così facciamo arrangiert, Musik von Anton Webern und Hanns Eisler, Kurt Weill, Max Bruch, Gustav Mahler und anderen, auch von Georg Kreisler. Dessen „Weg zur Arbeit“ schildert eine Zeit lange nach dem Krieg, in der viele alte Nazis in die Gesellschaft integriert sind, als wäre nie etwas gewesen.
Man kann hoffen, muss aber bangen
Veh arrangiert Wilkening, Krug und den Tänzer Alberto Pagani zu belebten Bildern, Pagani macht auch ein bisschen emotionalen Ausdruckstanz, aber die Texte und die Musik reichten allein; er schüttet aber auch eine Schubkarre mit verbotenen Büchern aus, baut aus ihnen eine Bibliothek der Verfemten. Thomas Mann hofft auf ein Erwachen der Menschlichkeit, auf eine Weltmenschlichkeit, sein Sohn Klaus beschreibt im Roman „Der Vulkan“, dass die Leute ins Kino gehen, Ablenkung, ins Theater kriegt man sie nicht, und eine Vortragskünstlerin muss Deutschland verlassen.
Eine Big Band tritt auch auf, swingt Weills „Haifisch“ aus der „Dreigroschenoper“, zugespielt wird ein Psalm von Heinrich Kaminski, Veh entwirft ein riesiges Tableau, Christoph Reiserer fügt Soundscapes hinzu: Wilkening dreht an einem zu imaginierenden Radio, kurz hört man Nazimärsche, aber auch Korngolds Arie „Glück, das mit verblieb“.
Es ist viel, notwendig viel. Danach gibt es eine Gesprächsrunde mit Frido Mann, Thomas Manns Enkel, im Mittelpunkt. Deren Ergebnis: Nur ein Miteinander kann erneute Menschheitskatastrophen verhindern. Man kann hoffen, muss aber bangen.

