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Berg am Laim:Meine kleine Ranch

Hasen auf einer Farm in Berg am Laim, 2020

Normalerweise helfen Peter Ruch Vorschüler mit ihren Betreuern bei der Pflege und Fütterung der Tiere.

(Foto: Stephan Rumpf)

Peter Ruch hat eine pädagogische Farm in Selbstverwaltung aufgebaut. Kinder und Jugendliche betreuen Schafe, Ponys und Kaninchen - von September an wohl wieder intensiver

Von Ilona Gerdom, Berg am Laim

Wenn Peter Ruch über die Weide seiner Farm stapft, sieht er aus wie ein Detektiv. Immer hat er den Boden mit im Blick - auf der Suche nach Spuren. Mal entdeckt er weiße Federn, mal braune. Dann sagt er Dinge wie: "Da hat sich was abgespielt." Oder: "Ich trau' mich wetten, da liegt jetzt irgendwo eine gemeuchelte Taube." Es fühlt sich an, als wäre man an einem Tatort gelandet. Vor Wochen wurde der Eindruck noch durch rot-weißes Absperrband verstärkt. Es sollte in Corona-Hochzeiten Menschen abhalten, auf dem Grundstück zwischen einer Kfz-Verwahrstelle und zwei S-Bahn-Trassen zu verweilen. Auch sonst ist der Hof in Berg am Laim nicht für Publikumsverkehr gedacht, sondern Reitbeteiligten vorbehalten. Daneben arbeitet Ruch mit Schulen und Kindergärten zusammen. Gemeinsam mit ihren Lehrern kümmern sich Kinder und Jugendliche um die Tiere oder bringen sich handwerklich ein. Immer wieder entstehen Kooperationen und Projekte. Das Neueste ist eine Schülerfirma deren Geschäftsmodell darauf basiert, Pferdeäpfel zu verkaufen.

Für den gelernten Bäcker und späteren Pädagogen Peter Ruch ist seine Farm in Berg am Laim eine ewige Baustelle.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mit den grauen Shorts, Hosenträgern und schulterlangen Haaren gibt Ruch den Landwirt schlechthin ab. Man könnte meinen, dass er sein Leben lang auf den zwei Grundstücken rechts und links der Thomas-Hauser-Straße gewerkelt hat. Aber der 62-Jährige ist gelernter Bäcker und studierter Pädagoge. In seiner Freizeit begann er die Farm aufzubauen. Heute gibt es sie seit gut 20 Jahren. Zehn davon in Trudering, dann ist sie nach Berg am Laim gezogen. Der Pensionär hat sich mit seinem Gut einen Lebenstraum erfüllt. Allerdings keinen günstigen. Sein Projekt wird nicht gefördert, finanziert hat er es aus seinem Erbe: 150 000 Euro habe ihn das erste Jahrzehnt gekostet.

Unter der Woche sind normalerweise Vorschüler aus verschiedenen Tagesstätten zusammen mit ihren Betreuern für die Pflege der Schafe, Kaninchen und der vier Islandponys zuständig. Regelmäßig kommen zum Beispiel die Schützlinge des Kindergartens an der Helsinkistraße in der Messestadt mit ihrer Erzieherin. Immer montags füttern sie die Tiere und machen die Gehege sauber. Egal, ob es regnet oder die Sonne scheint.

Pädagogische Farm in München, 2020

Mit seinem Gut hat sich Ruch einen Lebenstraum erfüllt, von dem auch Schüler und Kindergärten profitieren.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Kita-mäßig" sei derzeit eher "tote Hose". Das liegt daran, dass gerade Ferien sind. Im Moment verbringen nur etwa 25 Teilnehmer eines Freizeitprogramms der Arbeiterwohlfahrt Zeit auf der Farm. Aber auch vor der Urlaubszeit war wegen Corona mit den Besuchern aus nur drei Kindergärten wenig los. Ruch hofft, dass von September an wieder alle Helferlein kommen können. Dafür läuft laut dem pensionierten Pädagogen das Geschäft mit den Pferdeäpfeln gerade richtig an. Da stellt sich die Frage: Wie kommt man auf die Idee, Kot zu verkaufen? Schulkinder hätten sich an ihn gewandt, dass sie gerne in Zusammenarbeit mit Ruch eine Firma gründen wollten. Grundsätzlich ein guter Einfall, fand der 62-Jährige. Nur gebe es nicht viel, was man verkaufen könne, außer, na ja, Mist. Daraus entstand eine Win-win-Situation. Ruch muss nicht mehr für die Entsorgung der Fäkalien zahlen, die Jungunternehmer sammeln die Rossbollen auf und können mit dem Bio-Dünger verdienen. Gegen eine Spende kann man sich einen Eimer, der zehn bis 15 Liter fasst, nach telefonischer Vereinbarung abholen. Mittlerweile gebe es sogar Leute, die ganze Anhänger voll abnehmen.

Obwohl es bis auf Vogelgezwitscher ruhig ist, wird schnell klar, dass die Ranch kein Ort zum Ausspannen ist. Im Gegenteil. Es gibt viel zu tun, ständig wird Neues geschaffen. Der frühere Lehrer sagt: "Das ist das Wesen der Farm: Man baut nicht für die Ewigkeit." Deshalb nennt er sie liebevoll die ewige Baustelle. Eine etwas chaotische Baustelle vielleicht. Überall stapeln sich Holzlatten, Ziegelsteine, Schubkarren, sogar alte Tartanmatten. Alles wird früher oder später verarbeitet. Meistens von Schülern der städtischen Berufsschule oder des Förderzentrums am Innsbrucker Ring mit Unterstützung ihrer Lehrkräfte. Den Jugendlichen soll das als Vorbereitung auf die Lehre dienen. Von ihnen stammen zum Beispiel Zäune, Gehege für Kaninchen und ein Hühnerstall.

Hinter seiner Brille kneift Ruch die Augen zusammen. Angestrengt blickt er in den Himmel. Er hat einen Raubvogel entdeckt. Offenkundig hat Ruch ein Gefühl für Gefahr entwickelt. Sie scheint überall zu lauern. Im Moment treibt ein "ausgebuffter" Marder sein Unwesen. Ihm sind Meerschweinchen, Hühner und Enten zum Opfer gefallen. "Die schlimmen Killer aus der Natur haben wir alle hier", stellt Ruch trocken fest. Ein bisschen grantig sieht er schon aus, wenn er von einem Fuchs erzählt, der seine Scheu verloren und sogar tagsüber zugeschlagen hat. Dann kommt der Lehrer in ihm durch. Ob erste unternehmerische Erfahrungen mit Pferdeäpfeln, das Bauen von Zäunen oder Todesfälle - sein Fazit bleibt gleich: "Das ist wie ein pädagogischer Grundkurs - echtes Leben halt."

© SZ vom 24.08.2020

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