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Benefizkonzert für den Adventskalender der SZ:Die Herrlichkeit des Musizierens

Pianist Igor Levit, Dirigent Iván Fischer und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks erinnern an die guten Taten des SZ-Hilfswerks.

Schon in der Pause, aber auch noch nach dem Konzert beschäftigt eine Frage die meisten seiner Besucher: Was war das denn für ein Stück, das der Pianist Igor Levit als Zugabe spielte? Sehr seltsam, sehr romantisch,eigenartig simpel, aber auch merkwürdig modern, kaum einzuordnen hinsichtlich seiner Entstehungszeit. Levit sagt das Stück zwar an, aber was man nicht weiß, versteht man oft nicht, deshalb nun also die Erklärung: Das Stück heißt "Gesang der Verrückten am Meeresgestade", stammt von Charles Valentin Alkan und gehört zu den 25 Préludes op. 31, die der komponierende französische Klaviervirtuose 1847 veröffentlichte.

Es ist wundervoll von Levit, dass er dem Publikum dieses Rätsel mitgibt. Denn die Empfindungen bei diesem Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal schwanken zwischen Freude und Trauer. Freude, weil die Musiker für den Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung spielen, Levit, der Dirigent Iván Fischer und überhaupt alle Beteiligten auf Gage verzichten und der Erlös eben dem Hilfswerk der SZ zugute kommt. Trauer, weil dieses Konzert das erste Aufeinandertreffen von Levit und Mariss Jansons hätte werden sollen. Doch Jansons, dem der Adventskalender sehr am Herzen lag, starb am 1. Dezember vergangenen Jahres. So ist dieses Konzert auch eines des Gedenkens an diesen großartigen Menschen und Musiker.

Beim kleinen Empfang nach dem Konzert betont Nikolaus Pont, Manager des BRSO, wie wichtig dem Orchester die Zusammenarbeit mit dem Adventskalender sei, dass dieses jährlich stattfindende Benefizkonzert eine besondere Bedeutung für Jansons gehabt habe. Nun bedankt er sich bei Fischer und Levit, dass sie in diese Woche der emotionalen Dichte - am Mittwoch dirigierte Zubin Mehta bereits das Gedenkkonzert für Jansons - "Freude, Spielfreude in die Trauer gebracht haben".

Tatsächlich hat das Konzert mit Tschaikowskys vierter Symphonie und Mozarts Es-Dur-Klavierkonzert KV 482 den strahlenden Glanz grandiosen Musizierens. Levit und Fischer harmonieren wundervoll, der Pianist hört dem Orchester aufmerksam zu und spielt im besten Sinne des Wortes, spielt mit großer Freiheit auf einem festen Fundament, das aus einem umfassenden, technischen Vermögen besteht. Die Überwölbung von Trauer durch die Freude an der Musik wäre im Sinne Jansons' gewesen. Dass Levit den Zuhörern auch noch das Rätsel seiner bezaubernden Zugabe aufgibt, sie damit zur weiterführenden Beschäftigung mit Musik zwingt, vollendet die Bedeutung der Herrlichkeit des Musizierens.

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Pont sagte hinterher: "Diese Abende sorgen dafür, dass Mariss Jansons und Christian Krügel in dieser Stadt weiterwirken." Krügel war der Lokalchef der Süddeutschen Zeitung, am 20. April 2018 verstarb er völlig überraschend und hinterließ eine Lücke, die sich nie ganz schließen lassen wird. Mit Jansons zusammen verfolgte er die Idee, Kindern aus bedürftigen Familien in München den Weg zum Musizieren zu ebnen. Krügel und Jansons einte ein großes Herz und die Liebe zur Musik; ihre Idee setzen der Adventskalender und das BRSO fort.

Hendrik Munsberg, SZ-Redakteur und Nachfolger Krügels in den Belangen des Hilfswerks, erzählt vor dem Konzert ein wenig über den SZ-Adventskalender. Dieser wurde vor mehr als 70 Jahren gegründet, damals aus der Idee heraus, Not und Elend im München der Nachkriegszeit zu mildern. "Seither haben SZ-Leserinnen und Leser rund 160 Millionen Euro gespendet, um Bedürftige zu unterstützen." Seit 2009 ermöglicht das Projekt "Musik für alle Kinder", Musikunterricht oder hilft beim Kauf eines Instruments. Dem verstorbenen Chefdirigenten des BRSO war musikalische Erziehung enorm wichtig, für ihn war sie ein Garant gesellschaftlicher Zukunft. Diesen Gedanken verfolgen Igor Levit und Iván Fischer auch seit langem. Beide setzen sich für Flüchtlinge, gegen Antisemitismus, Rassismus, Totalitarismus ein. Fischer: "Alle Musiker sind wahre Europäer - das ist die Zukunft."

© SZ vom 20.01.2020/mmo
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