Die Stühle auf der Bühne sind im Halbkreis angeordnet, offen zum Publikum hin. Es findet ein Experiment statt: reden und zuhören. Klingt banal, ist das Gegenteil. Neun Personen plus Moderator wollen über Israel und Palästina, den Konflikt in Nahost und seine Auswirkungen auf München sprechen. Das gelingt bisweilen sehr gut, doch am Ende, als alle ihr aktuelles Gefühl beschreiben sollen, ist es, als drücke die Last des Konflikts die Menschen auf der Bühne nach unten.
Organisiert hat die Versuchsanordnung das Kulturzentrum Bellevue di Monaco, das sich im Kontext Flucht und Migration Expertise zu sensiblen Themen erarbeitet hat. Als „interaktive Dialogsitzung mit Beteiligung des Publikums“ ist der Abend im Fat Cat, dem ehemaligen Gasteig, angekündigt. Der Kleine Konzertsaal ist mit mehr als 100 Besuchern gut gefüllt.
Auf der Bühne sind Israelis und Palästinenser, die meisten auch Deutsche. Das Reden und Zuhören, das sie demonstrieren wollen, üben sie seit einem Jahr. Im Bellevue hat sich eine Dialoggruppe gebildet, die sich regelmäßig trifft, um zu beweisen: Es geht doch! Es kann gelernt werden, Unangenehmes zu hören und auszuhalten, die Meinung eines anderen vielleicht nicht gutzuheißen, aber anzuerkennen. Diesen Rederaum darf man sich vorstellen wie eine winzige Insel in einem Meer aus Schweigen oder gar Hass, auch in München: hier das pro-palästinensische Lager, dort das pro-israelische, dazwischen sehr wenig.
Slieman Halabi, 36 – Palästinenser, Israeli, Deutscher, Münchner – leitet das Experiment. Der promovierte Sozialpsychologe ist ausgebildeter Moderator zum Nahost-Konflikt und lobt: Es sei „sehr mutig von der Gruppe“, auf eine Bühne zu gehen. Ans Publikum richtet er diesen Appell: „Ich bitte euch, sehr respektvoll zu sein.“ Den Menschen im Halbkreis zuliebe, sie hätten Familienangehörige in der Region, dort sei „die Situation sehr schrecklich“. Krieg in Gaza, Geiseln der Hamas. Gerade jetzt, da die Demokratie weltweit unter Druck stehe, sei es wichtig, miteinander zu reden.
Nur so sei Verstehen möglich. „Wir brauchen diese freie Rede.“ Halabi erinnert daran, dass das Dialogformat des Abends aus Israel komme, aus der „Friedensschule“ in einem Dorf zwischen Jerusalem und Tel Aviv, das Neve Shalom auf Hebräisch heißt und auf Arabisch Wahat al-Salam. Dort lebten Israelis und Palästinenser gleichberechtigt zusammen, jeweils 50 Familien.
Als sich die neun Personen im Halbkreis vorstellen, wird klar, dass die verbreitete Vorstellung von zwei hermetischen Lagern der Wirklichkeit nicht gerecht wird. Da werden verwobene Familiengeschichten angedeutet, zwischen Holocaust, Nakba, Flüchtlingscamp, Antisemitismus, Sowjetunion, Aktivismus, Demokratie.
Ein Pingpong aus Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen
Es entsteht keine stringente Diskussion, eher ein Pingpong aus Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen. Eine Palästinenserin sagt, dass sie erst nach und nach gelernt habe, welche Wirkung bestimmte Begriffe auf die beiden Konfliktgruppen hätten: „Zionismus“ – bedrohlich für Palästinenser. „Palästina“ – bedrohlich für Israelis. Eine Israelin erzählt von ihren Großeltern, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Israel gekommen seien, um den Traum vom Zionismus zu leben. In der Dialoggruppe heftige Kritik am Zionismus zu hören, sei für sie sehr schwierig gewesen. Zugleich sei sie froh, dort selbst Raum für ihre Meinung zu haben, dass nämlich Zionismus keine „satanische Idee“ sei. Ein Israeli sagt, er habe bis vor Kurzem nicht angezweifelt, dass das israelische Volk das Recht auf einen eigenen Staat habe, gemäß der Idee des Zionismus. Nun aber sehe er, dass maßgeblich sei, wie diese Idee umgesetzt werde. „Rassistisch“ nennt er die Umsetzung. „Es war mir neu. Das festzustellen war sehr hart.“
Man spürt, dass die Gruppe gelernt hat, respektvoll miteinander zu reden. Problematisch wird es bisweilen, wenn auf dem einen freien Stuhl auf der Bühne ein Gast aus dem Publikum Platz nimmt und spricht. Da wird aus einer Frage ein längliches Statement, da fehlt mitunter die Sensibilität, worauf die Menschen im Halbkreis wiederum empfindlich reagieren und mahnen, der Bühnengast mögen doch bitte „wohlwollend sein“.
Als letzter Gast, da will der Moderator die Runde schon beenden, kommt eine Studentin auf die Bühne, hörbar engagiert für Palästina. Sie vermisse in dem Gespräch den „Kolonialismusbegriff“, und als sie die Stichworte Genozid und Apartheid nennt, als Vorwurf gegen Israel, gibt es Jubel im Publikum. „Was tut ihr, damit Apartheid endet?“, fragt sie in den Halbkreis hinein. Es antwortet ein Palästinenser, besänftigend: Seit Jahrzehnten werde in Israel und Palästina nicht über die Gruppengrenzen hinweg gesprochen. Er selbst habe in Deutschland erstmals mit einem Israeli geredet und begonnen, die andere Seite zu verstehen. Man müsse die Wünsche der anderen ernst nehmen, „auch wenn sie weh tun“.
Das könnte ein verbindender Abschluss des Experiments sein. Der Abend aber endet anders, weil jeder auf der Bühne sein momentanes Gefühl mit einem Wort benennen soll: „Traurig“, „hoffnungsfroh“, „schwermütig“, „hungrig“, „ernüchtert“, „betroffen“, „bisschen verletzt, sehr optimistisch“, „Verzweiflung“, „angegriffen“.
Moderator Halabi reagiert erschrocken. „Oh Gott, wir haben so viel Arbeit nachher.“ Darüber reden, über diesen Abend. Es ist zu vermuten, dass die negativen Gefühle von Beiträgen der Publikumsgäste ausgelöst wurden. Zu erleben war im Fat Cat das Aufeinandertreffen zweier Diskursformen: Hier das achtsame Gespräch in der Dialoggruppe, dort Ansichten, die in Inhalt und Duktus eher an das erinnern, was auf Podien und Demonstrationen zu hören ist.
Tags darauf erzählt Slieman Halabi von seinem „Traum“: Die Gesprächsreihe fortzuführen, auch öffentlich, und sie bald zu erweitern, sodass zur israelischen und palästinensischen Perspektive eine dritte komme: die deutsche.

