Die Geschichte des Wirtshauses „Beim Sedlmayr“ in der Westenriederstraße ist vor allem geprägt durch den Namensgeber, obwohl dieser nur relativ kurz Freude an seiner Nebentätigkeit als Wirt haben durfte. 1989 übernahm der Schauspieler Walter Sedlmayr den früheren Fischerwirt, der vor allem als Anlaufstelle für gescheiterte Existenzen und Halbwelt-Publikum berüchtigt war.
Nur anderthalb Jahre später wurde der neue Pächter, der auch der Reklame-Biertrinker der Paulaner-Brauerei war, ermordet. Seinem Mörder soll Sedlmayr ausgerechnet betrügerische Machenschaften im Restaurant vorgeworfen haben. Den prominenten Namen behielt man allerdings bis heute bei, und noch immer ist Sedlmayr im Gastraum präsent, verschmitzt lächelnd auf Porträtfotos.
Die Betreiber wechselten allerdings mehrmals mit den Jahren, diverse Male kam das Lokal dann in der SZ-Kostprobe vor. Johanna N. Hummel adelte den Laden gar zum „Tempel der Münchner Küche“. Dazu hatte ihn Rudi Färber gemacht, der den Sedlmayr mehr als 20 Jahre führte, ehe ihn der auch als TV-Koch bekannte Hans Jörg Bachmeier beerbte. Letzterer allerdings gab nach nicht einmal zwei Jahren wieder auf, die Kuffler-Gruppe übernahm, renovierte und eröffnete „Beim Sedlmayr“ vergangenen Sommer nach einem Jahr Umbaupause wieder. Seither wirkt das Lokal aufgeräumter, heller, manchen vielleicht zu modern.
Doch die Patina wird schon noch kommen, wir fühlten uns durchaus wohl in den Räumlichkeiten, wenn auch einer unserer Begleiter moserte, früher sei es gemütlicher gewesen. Das ist eben Geschmackssache, ebenso wie die Innereien auf der Speisekarte, wofür die einen extra in die Westenriederstraße kommen, während die anderen beim Gedanken an Herz, Lüngerl oder Zunge Reißaus nehmen.

Wir freuten uns jedenfalls darauf, weshalb wir auch gleich beim ersten Besuch als kalte Vorspeise die gekochte Rinderzunge bestellten (22 Euro). Die war hauchdünn aufgeschnitten, sauer eingelegt und wurde ergänzt von einer schmackhaft-würzigen Zwiebelmarmelade – ein deftiges, Appetit anregendes Intro für die weiteren Gänge. Der Salat von Kürbis und Williams Birne (18,50) kam mit einem würzigen Pecorino-Schaum an den Tisch, mit dessen Dominanz wir nicht gerechnet hatten, ein Tipp: Unbedingt mit den anderen Zutaten verrühren, dann ergänzt sich alles gegenseitig zu einem runden Geschmackserlebnis. Für ein bisschen Knuspergefühl sorgten kleine, sehr sparsam dosierte Walnussbröckerl und, der Clou, ein frittiertes Eigelb.
Kräftig gewürzt war auch das Rindertatar, angemacht mit einer Creme aus fermentiertem Knoblauch (24 Euro die kleine, 31 Euro die große Portion). Das vegetarische Pendant dazu, das Tatar von der gerösteten Karotte mit Rosenkohl, Miso-Mayo und Haselnuss (18,50) war uns aber zu scharf. Eine geschmacklich harmonische Kombination war auch die marinierte Bete mit karamellisiertem Ziegenfrischkäse und geräucherter Entenbrust (20), bei der wir allerdings die versprochenen Haselnüsse vermissten.

Die Vorspeisen kamen frisch aus der Kühlung und waren für unseren Geschmack noch zu kalt zum direkten Verzehr, aber das ist halt offenbar der Hygiene geschuldet. Auch das rosa gebratene Kalbsroastbeef, das wir als Hauptspeise bestellten (29), war, sagen wir mal: erfrischend. Was wir oft kritisieren, mussten wir auch beim Sedlmayr feststellen: die Diskrepanz zwischen Speisekarten-Werbeprosa und Wirklichkeit auf dem Teller. Denn das Roastbeef war weit entfernt von einem „fulminanten Geschmackspotpourri“, die Kombination aus Linsenvinaigrette, Wildkräutern, Preiselbeeren und Schnittlauch-Öl liest sich vielleicht gut, schmeckte aber nach seltsam wenig.
Kam die grüne Farbe des Öls wirklich von Schnittlauch? Schwer zu sagen. Und: Wenn man gerade keine Wildkräuter da hat und stattdessen ein paar Frisée-Blätter drüberstreuen muss, kann man’s dem Gast auch vorher mitteilen. Oder war es Leichtsinn eines Beikochs? Gar Gleichgültigkeit?

Man muss leider sagen, dass bei fast jedem Gericht irgendwas nicht stimmte. Wie viel Herz oder Lunge sich im Kalbsrahmbeuschel (24) befand, war angesichts einer Übermacht von Grünzeug nicht exakt zu bemessen, viel war es nicht. Immerhin das fein-säuerliche Aroma mochten wir, im Gegensatz zu den trockenen und leider recht bissfesten Serviettenknödeln, die uns übrigens auch das ansonsten tadellos geschmorte Ochsenbackerl (29) verleideten.
Den „legendären Semmelkren“ zum Tafelspitz (27), der hätte zarter sein dürfen, hätte man ohne den Hinweis auf der Speisekarte nicht als solchen identifizieren können. Saftig war dagegen der confierte Saibling auf Speck-Rahmwirsing mit Kartoffeln und Beurre Blanc (29), wobei das Speck-Aroma so subtil war, dass keiner der Tester es erschmecken konnte.
Insgesamt fanden wir alles irgendwie okay, aber nicht mehr. Das kulinarische Erlebnis beim Sedlmayr konnte nicht mit den hohen Erwartungen und vor allem den hohen Preisen mithalten. Die Halbe Bier kostet stolze 5,70 Euro, das Glas Pinot Grigio von der Kellerei Bozen 11,20 Euro für 0,2 Liter, die Apfelschorle 0,33 gibt es für 4,90 Euro, den Espresso für 2,90. Da muss man sich schon genau überlegen, ob es das einem wert ist, wir waren uns da leider nicht so sicher.
Beim Sedlmayr, Westenriederstraße 14, 80331 München, Telefon: 089/70088551, sedlmayr@kuffler.de, www.kuffler.de/de/beim-sedlmayr/, Öffnungszeiten: Mo. bis Do. 10–23 Uhr (Küche bis 21.30 Uhr), Fr. und Sa. 10–23.30 Uhr, (Küche bis 22 Uhr), Sonntags geschlossen
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

