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München:Bei sich sein

Die Ausstellung "Was Frauen träumen" in der Nazarethkirche verbindet Künstlerinnen in ihren Ängsten, Hoffnungen und im Mut, sich Erwartungen zu entziehen

Von Nicole Graner

Die Novembersonne strahlt in den Kirchenraum der Nazarethkirche. Und direkt auf zwei gegenüber, senkrecht stehende Eichen-Stämme. Sie leuchten, die Faserungen werden fließende Muster. Es müssen große Stämme gewesen sein, die von der Künstlerin Johanna Ebbinghaus bearbeitet wurden. Alles Weiche im Inneren, Modriges und Zersetztes, hat sie herausgeholt. Das, was Bestand hat, was die Zeit überdauert, hat sie übrig gelassen und bearbeitet. Die äußere Holzschicht hat sie poliert und geölt. Manche Stellen hat sie kantig gelassen, wie auch raue oder brüchige Strukturen im Holz. "Ich und Du" heißt ihre Skulptur. Welche Stele das Ich oder das Du ist, hat sie nicht definiert. Es ist auch egal, denn jede Beziehung wandelt sich. Jeder wandelt sich. Johanna Ebbinghaus, so erzählt es die Initiatorin der Ausstellung "Was Frauen träumen", Claudia Seifert, ist ganz "bei sich", wenn sie arbeitet. "Ganz sie selbst".

Dieses Zurückgezogensein auf das Eigene, auf das, was gerade bewegt oder schmerzt, eint alle Werke der Ausstellung. "Wenn ich Gedichte schreibe. - vielleicht auch bei anderem, bin ich die Quelle, nichts weiter ..." Die Georg- Büchner-Preisträgerin und Lyrikerin Elke Erb nennt dieses Inwendig-Sein in ihrem Gedicht "Gedichtverdacht" schlicht Quelle. Und genau aus dieser schöpfen alle Künstlerinnen, die die Vorsitzende des Frauen-Therapie-Zentrums München für eine Werkschau zusammengebracht hat. Jede auf ihre Weise und jede mit einem anderen Schwerpunkt. So ist der große Himmel von Carolin Leyck, der an der Wand hinter dem Taufstein hängt, ein Stück des Lebens. Ihr Traum, ihre Vorstellung ist nicht langweilig. Bunt und leuchtend ist er, aber auch kein geschönter Platz. Er hat Täler, Berge, klar abgegrenzte Räume und sehr spitze Dreieckstelen - Kanten also, an denen sich gerieben werden muss, um den Himmel wahrzunehmen. Dazu passen auch die Träume von Hannah Bischof. Irgendwo in ihren Schlaf-Fantasien taucht ein großer Fisch auf. Was immer er sein mag, ob er schwebt oder fliegt, er nimmt ihr blaues Bild ein, mitsamt kleiner Boote im imaginären Meer. Schweben tun auch einige Arbeiten der Dachauer Initiative "arttextil". Textil -Collagen sind zu sehen von Frauen, die andere Frauen beeindruckten.

Vor einem Jahr hatte die Dokumentarfilmerin, Autorin und Künstlerin Claudia Seifert zusammen mit der Frauenbeauftragten des Dekanats München Ost, Karin Siebald, die Idee, eine Frauenveranstaltung in der Nazarethkirche zu initiieren - mit einer Ausstellung, mit vielen Gesprächen interessanter Frauen und Diskussionen. "Diese Idee starb im März", sagt Seifert. Mit Corona. Was aber blieb, war die Ausstellung und die Chance, noch mehr Frauen dafür zu gewinnen. Aus zwei wurden dann neun Künstlerinnen, die ihre Hoffnungen und Wünsche, wie das Frausein wirken kann, mit welchen Klischees Frauen heute noch immer verbunden werden, thematisch in ihren Arbeiten aufbereiten wollten.

Ausstellung in der Nazarethkirche München

Schriftstellerin Astrid Lindgren inspirierte die Künstlerin des Textil-Porträts.

(Foto: Robert Haas)

"Es sollte bewusst eine Beschäftigung mit sich selbst als Frau werden", sagt Seifert. Eine Beschäftigung auch mit dem Begriff Veränderung. "Nur indem ich mich verändere, bewege ich auch was", sagt die 63-Jährige, die sich schon lange mit dem Thema Frau in der Gesellschaft beschäftigt. Angefangen, so erzählt sie, habe das mit ihrem Wunsch, ein Kind zu bekommen. Kann ich ihm gerecht werden? Welchen Rucksack gebe ich ihm von mir mit? Und schaffe ich das? Zwischen Pflicht und Kür, dem Funktionieren und dem Loslassen? Seifert hat ihr Kind bekommen. Mit 40. Heute ist ihr Sohn 24. Was folgt, ist die intensive Beschäftigung mit den Frauen der Fünfzigerjahre, sie schreibt ein Buch, aus dem am Ende eine Trilogie wird. Sie dreht Filme über Frauen und unterschiedliche Gesellschaften, in der Frauen leben.

Die Video-Installation von Birthe Blauth, die schon einmal in der Kirche St. Paul zu sehen war, lässt acht Frauen zu Wort kommen. Auf dem einen Monitor sieht man die Frauen reden, aber man hört sie nicht. Sie reden schweigend. Was heißt: Die Gemeinschaft muss etwas tun, damit sie sprechen. Der andere Monitor lässt dann jeweils eine Frau dieser acht reden. Und sie artikulieren sich deutlich. "Wir sollten nicht schweigen", sagt eine. Die andere manifestiert auf englische "To be me" sei ihr das Wichtigste.

Wieder taucht es auf, das "Bei sich sein". Ist es so schwierig, als Frau genau das tun zu können? Auf sich zu schauen? Ines Seidel glaubt, dass es mit passenden Nachrichten beginnt, also um die richtige Konnotation, wie Frauen überhaupt beschrieben werden. Im Sinne des Medientheoretikers Marshall McLuhan seien "Medien Erweiterungen des menschlichen Körpers", schreibt sie in ihrem Begleittext. Und sie holt aus Zeitungspapier geformte "Knollen" an den Körper, "näht" sie auf ein recht zerfranstes Kleid. Nicht aus Fäden, sondern aus Draht. Worte wie Terror, Joy, Jungs, Player sind zu entziffern. Männliche Worte also sind es also, die Nachrichten ausmachen.

Ausstellung in der Nazarethkirche München

Die Holz-Skulptur "Du und Ich" (Johanna Ebbinghaus) steht vor himmlischen Aussichten (Carolin Leyck).

(Foto: Robert Haas)

Mit Wolle von unterschiedlichen Schafen spielen auch Karin Siebald und Martina Dettweiler. Sie haben weibliche Torsi "gestrickt" - als Korsetts mit Spitze und fest zuschnürbar. Sie hängen, von innen beleuchtet, an Kleiderbügeln. Fast wie ein Mobile scheinen sie die Botschaft hinauszutragen: Der Wert ist nicht das Äußere, sondern die Innenschau auf das, was Frauen ausmacht. Also ihre Fähigkeit, den Anderen empathisch zu betrachten.

Und Claudia Seifert? Von ihr sind an der Kirchenwand Schwarz-Weiß-Fotografien zu sehen, die sie von Mitarbeiterinnen und Klientinnen des Frauen-Therapie-Zentrums aufgenommen und mit Zitaten aus Gesprächen mit den Frauen versehen hat. Sie haben sich ihrer psychischen Erkrankung gestellt. Sehr offen und sehr mutig. "Das einzige, was dich sonst trägt, ist die Hoffnung", sagt da Magdalena. Und macht klar, dass Veränderung nur passieren kann, wenn man an sich arbeitet. Losgelöst von Normen. Ein Wunsch, den auch Claudia Seifert hat: "Frauen müssen sich unabhängig von der Männerwelt betrachten, sich nicht ständig damit in Bezug setzen. Sondern nur sie selbst sein."

"Frauen leben ihre Träume": Ausstellung Nazarethkirche, Barbarossastraße 3, zu sehen bis 31. Januar 2021. Die Kirche ist geöffnet. Bitte Corona-Hinweise beachten.

© SZ vom 21.11.2020

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