Schlechte Bezahlung:Helfer für Menschen mit Behinderung werden knapp

Lesezeit: 4 min

Schlechte Bezahlung: Beate Ottlik schlägt Alarm wegen ihres Assistenzmodells. Helfer seien immer schwieriger zu finden. Phillip Valentin hilft ihr beim Umsetzen vom Rollstuhl aufs Sofa.

Beate Ottlik schlägt Alarm wegen ihres Assistenzmodells. Helfer seien immer schwieriger zu finden. Phillip Valentin hilft ihr beim Umsetzen vom Rollstuhl aufs Sofa.

(Foto: Florian Peljak)

Beate Ottlik ist auf eine lückenlose Betreuung angewiesen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Doch ein folgenschwerer Personalmangel macht sich bemerkbar.

Von Ellen Draxel

Boni bellt, als es an der Tür klingelt. Phillip Valentin öffnet, tritt zur Seite und überlässt Beate Ottlik die Begrüßung. Die studierte Sozialpädagogin bewohnt im Erdgeschoss eines Mietshauses der städtischen Wohnbaugesellschaft Gewofag in Giesing drei Zimmer samt Gartenterrasse. Gemeinsam mit ihrer Mischlingshündin. Und mit stets einem ihrer Helfer aus einem siebenköpfigen Team von persönlichen Assistenten, an diesem Tag ist das Valentin. Denn Ottlik braucht rund um die Uhr Unterstützung.

Aufgrund einer Spastik und Athetose kann die 37-Jährige ihre Bewegungen nicht kontrollieren, ein Kind von Traurigkeit ist sie deshalb aber keineswegs. Im Gegenteil: Sie geht gern essen, trifft sich mit Freunden, wo und wann sie will, macht Urlaub, wie es ihr beliebt. Sie liebt ihre Freiheit, nutzt die Chance auf einen eigenen Lebensstil, seit sie zwanzig ist. "Das Assistenzmodell ermöglicht mir ein selbstbestimmtes Leben", sagt Ottlik.

Boni beispielsweise hätte sie nicht, würde sie in einer Behinderteneinrichtung wohnen. Und ihren heutigen Job als Hundeverhaltenstrainerin ebenfalls nicht. "Dabei wollte ich immer schon etwas mit Tieren machen." Derzeit lernt die junge Frau, wie man Hunde für Menschen mit Handicap ausbildet. Bei Menschen mit einem schweren körperlichen Handicap erfordert Selbstverwirklichung eine Eins-zu-Eins-Betreuung - die in Behinderteneinrichtungen personalbedingt meist nicht realisierbar ist. Beate Ottlik aber möchte so unabhängig wie möglich in ihrer eigenen Wohnung und nach ihrem persönlichen Tagesrhythmus leben. Deshalb nutzt sie eine Versorgungsalternative, das sogenannte "Arbeitgebermodell".

Sieben Beschäftigte

Sieben Helfer hat Ottlik eingestellt - Vollzeit-, Teilzeit- und 450-Euro-Kräfte -, die sich nach einem von ihr erarbeiteten Einsatzplan in 24-Stunden-Schichten um sie kümmern. Sie macht deren Lohnabrechnungen, sorgt für die steuer- und sozialversicherungsrechtliche An- und Abmeldung der Assistenten, zahlt Steuern und Sozialabgaben und rechnet den Lohn für ihre Beschäftigen mit dem Kostenträger, dem Bezirk Oberbayern, ab. "Sie ist gewissermaßen der General unseres Bataillons", scherzt Pillip Valentin. Die Chefin wisse genau, wie sie die Unterstützung organisieren müsse, damit es am Ende für alle passe. "Ich habe eine WhatsApp-Gruppe für die Assistenten eingerichtet, da werden dann auch Urlaube und Betreuungszeiten an Feiertagen wie Weihnachten abgesprochen", erklärt die Giesingerin.

Valentin selbst arbeitet schon seit sechseinhalb Jahren für Ottlik, fünf Tage pro Monat, 120 Stunden. Er hilft ihr beim Essen und Trinken, putzt ihr die Zähne, unterstützt beim An- und Ausziehen, Duschen, Toilettengang. Er greift ihr unter die Arme, wenn sie vom Rollstuhl aufstehen und zur Couch gehen möchte. Er kocht und reinigt die Wohnung.

Wie die meisten persönlichen Assistenten ist auch Phillip Valentin Laie in Sachen Pflege, er hat Illustration studiert, das Studium aber abgebrochen. "Das Positive an dem Arbeitgebermodell für uns Helfer ist, dass man dank der Rund-um-die-Uhr-Schichten bei Bedarf noch Zeit für andere Sachen hat", findet der Münchner. Er beispielsweise arbeitet zusätzlich in der Gastronomie.

Der Job sei aber auch ideal für Studenten oder Leute, die sich gerade selbständig machten. "Denn mit dem Assistentenlohn kann man seine Basiskosten abdecken und sich trotzdem noch anderweitig engagieren." Jeder, der "einigermaßen körperlich fit" sei, ergänzt Ottlik, könne Laienhelfer werden, es brauche keine spezielle Ausbildung. "Nur die Chemie zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer muss stimmen." Und Empathie zu haben sei auch nicht verkehrt.

Dass Ottlik so für den Job wirbt, hat einen Grund: Das Assistenz-Personal wird immer weniger. Zwar gibt es auf der Onlineplattform www.vba-muenchen.de des Vereins "Selbstbestimmt leben" eine Assistenzbörse. "Aber wenn ich da jetzt jemanden suche, meldet sich niemand", weiß die Rollstuhlfahrerin. "Weil kaum einer dieses Arbeitsfeld kennt." Sie selbst brauchte erst vor kurzem einen neuen Helfer oder eine neue Helferin. Wochenlang suchte sie, ohne Erfolg. "Daraufhin habe ich ganz Giesing mit Anzeigen zuplakatiert." Das Engagement hat sich gelohnt, die Resonanz war enorm. Ottliks Betreuungsteam ist inzwischen wieder komplett.

Zu wenig Geld zum Leben

Die Personalnot hat aber noch eine zweite Ursache: das niedrige Lohn-Niveau. Johannes Messerschmidt, selbst einer der 280 behinderten Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber in München und Umgebung und im Vorstand des Behindertenbeirats der Landeshauptstadt aktiv, schätzt, dass 20 bis 30 Prozent der Menschen, die einer persönlichen Assistenz bedürfen, Helfer suchen.

"Wir kriegen deshalb immer wieder Hilferufe", sagt er. "Denn für das Geld, das dieser Job abwirft, kann in dieser Stadt keiner mehr die Miete bezahlen." 13,41 Euro verdienen persönliche Assistenten brutto in der Stunde, wenn sie zwei Jahre in einem Haushalt gearbeitet haben, sind es dreißig Cent mehr. Macht bei einer Vollzeitbeschäftigung 2250 Euro brutto oder 1651 Euro netto monatlich. "Damit kriegt man bei den heutigen Lebenshaltungskosten kaum mehr jemanden auf dem Markt."

Der Verbund behinderter Arbeitgeber (VbA) und die Vereinigung Integrationsförderung (VIF) verhandeln deshalb schon seit zwei Jahren mit dem Bezirk Oberbayern, um Verbesserungen für diesen Sektor zu erreichen. Ihre Forderung: eine Bezahlung, angelehnt an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes. "Wir hätten gerne 2700 Euro brutto für eine Vollzeittätigkeit, außerdem Zulagen für Sonntags- und Feiertagsarbeit sowie eine Einmalzahlung jährlich in Form von Urlaubs- oder Weihnachtsgeld", sagt Verhandlungsführer Messerschmidt. Inzwischen, betont der 69-Jährige, lasse sich zwar eine "Bereitwilligkeit" auf Verwaltungsseite für einen höheren Lohn erkennen. "Aber es geht langsam."

Im November soll nun der Sozial- und Gesundheitsausschuss des Bezirkstages erste Vorschläge vorgelegt bekommen. Für Menschen wie Johannes Messerschmidt ist das Funktionieren des Arbeitgebermodells nicht nur wichtig für ein selbstbestimmtes Leben, die Rund-um-die-Uhr-Helfer-Lösung ist im wahrsten Sinne des Wortes lebensnotwendig. Denn als Polio-Erkrankter wird er permanent beatmet, und "in Behinderteneinrichtungen gibt es, auch wenn man davon nichts hört, Personalmangel". Auf zehn zu Versorgende, sagt der Sozialpädagoge in Rente, kämen manchmal nur zwei Fachleute.

Persönliche Assistenten dagegen können sich auf eine Person konzentrieren - einer der Vorteile dieses Modells, ergänzen Beate Ottlik und Philipp Valentin. Zudem entspricht diese Art der Versorgung den Zielen der Pflegeversicherung, die den Selbstbestimmungsgedanken und die ganzheitliche Pflege für Menschen mit Behinderungen in den Vordergrund stellt.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusAktivist im "Moloch München"
:"Mich hat's so genervt, was mit dieser Stadt passiert"

Wolfgang Zängl hätte den Beruf des Erben wählen können oder die Fabrik seiner Eltern für viel Geld verkaufen. Stattdessen schuf er den "Kulturpark", wo Mieten moderat sind und die Mischung bunt ist. Zu Besuch an einem Ort, der sich gegen die Entwicklung Münchens stemmt.

Lesen Sie mehr zum Thema