Randgruppenkrawall am Marienplatz„Wir wollen kein Mitleid – wir sind Rebellion“

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Patricia Koller (links) ist die Organisatorin der Veranstaltung auf dem Marienplatz.
Patricia Koller (links) ist die Organisatorin der Veranstaltung auf dem Marienplatz. Stephan Rumpf

In München versammeln sich Hunderte beim „Randgruppenkrawall“, um auf die Rechte von Menschen mit Behinderungen aufmerksam zu machen. Organisatorin Patricia Koller fordert selbstbestimmtes Leben und Barrierefreiheit.

Von Stephan Handel

Normalerweise versucht der gemeine Münchner ja, den Marienplatz möglichst zu umgehen, vor allem im Sommer und an Samstagen, vor allem aber an Samstagen im Sommer: zu heiß, zu schattenlos, zu viele Menschen. An diesem Samstagnachmittag aber ist das offensichtlich anders. Einige hundert Menschen haben sich schon gegen 14 Uhr eingefunden an einer kleinen Bühne vor dem Rathaus, umgeben von ein paar Informationsständen.

Die Veranstaltung beziehungsweise die dahinterstehende Organisation nennt sich „Randgruppenkrawall“. Das könnte auch eine Punkband aus den 1970ern sein, ist aber in diesem Fall eine Organisation, die auf die Rechte und die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung aufmerksam macht.

Dass das alles nicht so einfach ist, selbst bei bestem Willen, zeigt sich gleich zu Beginn: Selbstverständlich haben sie dran gedacht, eine Rampe an die Bühne anzubauen. Die will Patricia Koller, die Organisatorin, mit ihrem Elektrorollstuhl hinauffahren, doch sie muss ein paar Mal hin- und herrangieren, bis sie den richtigen Winkel gefunden hat.

Als Koller dann aber am Mikrofon angelangt ist, geht’s zur Sache:  „Wir wollen kein Mitleid, wir wollen nicht mehr bitten“, ruft sie aus: „Wir sind Rebellion!“ Es gehe um ein selbstbestimmtes Leben, um Teilhabe und um Barrierefreiheit – und damit sind nicht nur abgesenkte Bordsteinkanten gemeint. Viel zu oft stellten Gesellschaft und Politik behinderten Menschen Hindernisse in den Weg, aus Unwissenheit, aus Ignoranz, wegen Vorurteilen.

Dem Bundeskanzler attestiert Koller die „Ausstrahlung einer einsamen, verlorenen grauen Socke“ – wenn er und seine Regierung ankündigen, sie wollten Leistungen für Behinderte kürzen, „dann kürzt er Lebensmöglichkeiten“, sagt Koller und fordert wieder einmal die Umsetzung der UN-Konvention für Behindertenrechte: „Dass Deutschland da immer noch hinterherhinkt, ist eine Schande.“

Das Publikum nickt und klatscht einvernehmlich, die Touristen außenrum schauen großteils verständnislos – mehr noch, als Katrin Langensiepen die Bühne betritt, die für die Grünen im Europa-Parlament sitzt und mehrfach betont, dass sie Katrin Langensiepen heißt und für die Grünen im Parlament sitzt. Ihre Rede ist nicht anders als kämpferisch zu nennen, sie gipfelt in dem Satz, dass Behinderte nicht ein paar Krümel wollen, „wir wollen den ganzen Kuchen!“

Es geht weiter mit einer Trommelgruppe, mit weiteren Berichten von Betroffenen, schließlich mit der DJ GeorgiaG: Bis 22 Uhr wollte die krawallierende Randgruppe dafür Sorge tragen, dass sie wenigstens einmal im Jahr gehört wird.

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