Auf einer unserer zahllosen Autofahrten zu Auftritten hat mir der Gerhard Polt einmal vom Zusammenhang des Faschings und der Römischen Saturnalien erzählt: Der Knecht war Herr, die Dienerin eine Fürstin, ein Sklave konnte für einen Tag zum Kaiser ernannt werden, wobei die Aussicht auf die Hinrichtung am Tagesende die Bewerberzahl natürlicherweise reduzierte. Also ein chaotischer und anarchistischer Brauch, aber laut Herbert Achternbusch sind ja 70 Prozent der Bayern Anarchisten, die eine Partei wählen, und wenn so einer am Rosenmontag ein Würstl isst, hat er sich auch gleich als bayerischer Ministerpräsident maskiert.
Rosenmontag: Schlauer durch Lesch

Ich werd’ nicht zu früh aufstehen, nach dem Frühstück trainiere ich mein Hirnschmalz durch die Lösung diverser Sudokus und Morgenrätsel während der Vormittagslektüre einer Tageszeitung, deren Name ich zwengs Schleichwerbung hier nicht erwähne. Im Anschluss mache ich mich noch schlauer und lese einen Vortrag Harald Leschs, den er an der Uni Tübingen gehalten hat, mit dem Titel „Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde“. Im Anschluss daran telefoniere ich mit einem Teil meiner Geschwister und dem Gerhard Polt, wahrscheinlich mit Empfehlungen für den gerade gelesenen Lesch-Vortrag, sowie der Besprechung der allgemeinen Weltlage und überhaupts. Dann wird wie jeden Tag seit circa 60 Jahren geübt: zuerst eine Stunde Harfe, dann Trompete, Flöte …
Jedoch die Frage aller Fragen drängt sich spätestens beim hohen Fis auf: Was kochen wir, also meine Frau und ich, heute Abend? Oder begeben wir uns zwengs Verzehr eines Wiener Schnitzels in den wunderschönen Augustiner in der Fußgängerzone. Das hätte auch den Vorteil, dass man dann schon mal aus den eigenen vier Wänden heraus wäre, und ein Besuch der Münchner Kammerspiele den Tag beschließen könnte.
Faschingsdienstag: Bettelhochzeit auf Misthaufen

Heute findet in meinem Geburtsort Günzlhofen auf einem Misthaufen eines noch nicht industrialisierten Bauernhofes eine Bettelhochzeit statt. Dabei ist die Braut männlich und der Bräutigam eine Frau, divers oder sonst was. Ein von der Faschingsgesellschaft mit alkoholischen Getränken geweihter Pfarrer oder sogar Bischof aus Oberschweinbach schließt den Bund der Ehe für einen Tag, wobei er aus einer Kloschüssel mit einer Klobürste Segen spendet. Der Faschingszug im Anschluss entspricht dem Hochzeitszug, die Hochzeitsnacht entfällt auf den Aschermittwoch. Falls in einem der unzähligen und immer noch mehr miserabilisierenden TV-Sendern der Kehraus-Film vom Gerhard läuft, findet dieser Tag einen fidelen Ausklang.
Aschermittwoch: Verwurstelt

In Passau wird heute wieder das Hohe Lied auf die Wurst und das Bier gebrüllt, irgendwo in Niederbayern wird die 5. Kolonne Moskaus, sprich AfD, allen Wurstverweigerern mit Abschiebung drohen, die letzten bayerischen SPD-Mohikaner wursteln sich in Vilshofen an der Senf-Frage ab, die Grünen in Landshut zerbrechen sich den Kopf darüber, wieso die Wurst weiblich, das Würstl an der Regierung aber männlich ist. Der FDP muss das alles Wurst sein, die haben sich verwurstelt, und die Freien Wähler leiden in den Toiletten Deggendorfs unterm Würstl und Opfisoft.
Wir braten uns am Abend einen schönen Fisch, leider nicht vom Fischhäusl am Wiener Platz, da der ja unbedingt jetzt renoviert werden muss, als ob es nicht schon genug Baustellen in München gäbe. Hoffentlich gelingt das besser als am Elisabethplatz: renoviert und ruiniert! Mit dem Fisch im Bauch möchte ich dann endlich das Mozart-Konzert vom großartigen Kyohei Sorita mit dem Mozarteumorchester der Salzburger Festspiele in der Arte-Mediathek anhören. An so einem lauten und von marktschreierischen Möchtegernpopulisten verlärmten Tag tut es unglaublich wohl, der Musik meines lieben Gottes in der Person Mozarts zu lauschen.
Donnerstag: In Jugendstil baden

Der Donnerstag beginnt wie jeder Tag: Frühstück, Lesen, Telefon und Üben. Am Nachmittag begeben meine Frau und ich uns zum Müller’schen Volksbad. Endlich mal wieder im Jugendstil schwimmen und sich dabei freuen, dass sich die Stadt München das Bad noch leistet und nicht an der Stelle auch noch Wohnungen bauen will. Man braucht ja nur noch „Wohnungsnot“ zu sagen, und schon hat man die Baugenehmigung für ein Hochhaus. Dabei hab ich das Gefühl, die Wohnungen werden immer weniger, je mehr man baut. Mit Entsetzen realisierte ich bei den Büschl-Hochhäusern, dass ich für die Grünen- und SPD-Stadträte zu blöd bin für ein Bürgerbegehren. Ich erinnere mich noch an den Auftritt mit meinen Brüdern bei einer Benefizveranstaltung in der Muffathalle, bei der beide Parteien für diese Art der Bürgerbeteiligung plädierten, und ich Depp auch noch umsonst spielte.
Am späten Nachmittag kommt meine Enkelin mit ihren zwei Erstklässlerkollegen zur Blockflötenstunde, und zum frühen Abendessen gehen wir in eine meiner Haidhauser Lieblingsgaststätten, dem „Rue des Halles“. Beim ältesten „Franzosen“ Münchens gibt’s feinste verarbeitete Nahrungs- und Genussmittel, das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt absolut, und ich fühle mich als Esser und Bürger ernst genommen.
Freitag: Mutter der Volksmusik

Heute freu’ ich mich aufs Prinzregententheater. Der Abend heißt „All Well“ und wird vom Großteil der größten Kleinkunstfamilie Bayerns gestaltet. Das sind die Wellküren, meine Schwestern Bärbi und Moni, die NouWell Cuosines, Maria und Matthias, die Kinder vom Micherl, meine Tochter Maresa und ihr Studienkollege Alex Vicar. Das Trio Well-Caru besteht aus Maria und Matthias Well, sowie Vlad Cojocaru aus Moldawien. Das Duo Deen & Blumenstein setzt sich aus Monis Sohn Benne und dessen Spezi Jörg Blumenstein, auch Flowerstone genannt, zusammen und spielt Glamfolk aus Leipzig, jedoch nicht auf Sächsisch, was ja keiner verstehen würde, sondern auf Englisch. Franziska und Paula, die Töchter von Bärbi und Karli, komplettieren mit den Wellbrüdern aus’m Biermoos die Familienaufstellung. Ein bunter Abend, mit Volksmusik, Kabarett, Klassik … halt alles, was uns zusammen Spaß macht. Unsere Mutti freut sich bestimmt, wo immer sie auch ist, und wo wir ja fast so viele wie früher mit ihr auf der Bühne sind.
Samstag: Besuch bei alten Kollegen

Das wäre heute die Gelegenheit, mal wieder bei meinen Ex-Kollegen, den Münchner Philharmonikern, vorbeizuhören. Da findet in der Roten Sonne das BMW-Clubkonzert mit Mitgliedern der Münchner Philharmoniker und des Münchener Kammerorchesters statt. Alternativ kommt auch ein Kinobesuch infrage. Mein Bruder Micherl ist ja Cineast und empfiehlt mir seit Weihnachten den iranischen Film „Ein einfacher Unfall“.
Sonntag: Großes Familienvergnügen

Den Sonntag hab’ ich schon als Kind nicht recht gemocht, da am Montag die Schule wieder lauerte, und ich meistens die Hausaufgaben noch nicht erledigt hatte. Aber am letzten Tag dieser Woche spielen wir in Gersthofen bei Augsburg noch mal unser „All Well“- Programm, siehe Freitag. Das wird mir wieder ein großes Familienvergnügen. Die Anfahrt ist nicht weit, und das Publikum um Augsburg rum ist immer pfiffig und gut aufgelegt. Vielleicht können wir bei unserer „Lesung aus dem Buche Bayern“ auch was über die Wurstsituation nach dem Aschermittwoch der Würstl verwerten. Überhaupts ist es eine große Gnade für mich, auf diesem Weg meinen Lebensunterhalt seit ich denken kann, zu bestreiten: Ich gehe nicht zur Arbeit, sondern ich fahre zum Spielen, und morgen hab’ ich einen Termin für meinen Rentenantrag.
Christoph (Stofferl) Well wurde als 14. von 15 Kindern der Lehrerfamilie Well 1959 in Günzlhofen geboren. Schon mit drei Jahren trat er mit seinen Eltern und Geschwistern bei Vereinsabenden, Volkstänzen und Weihnachtsfeiern auf. Mit 17 Jahren wurde er Solotrompeter bei den Münchner Philharmonikern und studierte mit einem Stipendium von Sergiu Celibidache an der Hochschule für Musik München Harfe. Als Mitglied der Wellbrüder (vor 2012 Biermösl Blosn) bespielt er Wirtshäuser, Theater, Bierzelte und Bühnen von Kapstadt bis Tuntenhausen. Häufig mit Gerhard Polt, dem Bruder im Geiste. Zu seinen musikalischen Wegbegleitern gehören neben seiner Familie die „Toten Hosen“ und Kammermusikbesetzungen der Münchner Philharmoniker und der Bayerischen Staatsoper. Er moderiert eine Radiosendung auf BR Heimat („Stofferls Wellmusik“) und in der BR-Serie „Strawanzn“ war er mit seinem BMW-Gespann in ganz Bayern unterwegs.

