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Filmdoku im Bayerischen Fernsehen:Münchens schönste Plätze sehen - ohne sich oder andere anzustecken

München: REPORTAGE 'München bei Nacht' - Nightlife

In der Nacht mit anderen Menschen den schönen Gärtnerplatz genießen, das ist vorerst nicht mehr möglich.

(Foto: Johannes Simon)

Eigentlich möchte man sofort raus: auf den Marienplatz, auf den Gärtnerplatz oder auf den Pfanzeltplatz in Perlach. Das ist der Nachteil an diesem Film: Er weckt Sehnsüchte, die derzeit unerfüllbar sind.

Von Wolfgang Görl

Für die Münchner ist die Corona-Krise ganz besonders tragisch. Da leben sie in einer verdammt schönen Stadt, und gerade jetzt, wo die Sonne strahlt, haben sie Hausarrest. Nun kommt sogar das Fernsehen wieder zu Ehren, die Glotze, die vor allem bei Jüngeren zuletzt als uncool galt. Sie eröffnet den Menschen die Möglichkeit, ihre Stadt zu erkunden, ohne Gefahr zu laufen, sich selbst oder andere anzustecken.

Eine besonders attraktive Gelegenheit zum Stadtbummel auf der Wohnzimmercouch bietet der Film "Münchens schönste Plätze", der an diesem Montag, 21 Uhr, im Bayerischen Fernsehen läuft. Dabei präsentieren Michael Zehetmair und Wolfgang Binder diejenigen der rund 350 Plätze der Landeshauptstadt, die ihnen am besten gefallen. Selbstverständlich hat jeder Münchner seine eigene Bestenliste, weshalb es müßig wäre, mit hochgezogener Augenbraue etwa zu fragen, ob der Harras, der in der BR-Doku vorkommt, tatsächlich schöner sei als etwa das charmante Ensemble Sebastiansplatz/Sankt-Jakobs-Platz, das es nicht in die Sendung geschafft hat.

Einer der Vorzüge dieser luftig-leichten Dokumentation ist, dass sich die beiden Autoren nicht als große Alleswisser in Szene setzen, sondern Menschen zu Wort kommen lassen, die mit den Plätzen zu tun haben. Einer von ihnen ist Rüdiger Lotter, Leiter der Münchner Hofkapelle, in deren musikalischer Ahnenreihe, wenn man es nicht allzu genau nimmt, der Hofkapellmeister Orlando di Lasso steht. Diesem hat man ein Denkmal am Promenadeplatz gesetzt, eine Statue, die Michael-Jackson-Fans inzwischen zu einem Denkmal für den "King of Pop" umgewidmet haben. Orlando-Experte Lotter hat überraschenderweise gar nichts dagegen. Für ihn ist Orlando di Lasso, der als Vermarkter seiner Werke fast ebenso genial war wie als Komponist, "der Michael Jackson des 16. Jahrhunderts".

Mit wenigen Ausnahmen sind es keine Geheimtipps, die die Filmemacher bieten. Stattdessen stöbern sie an prominenten Plätzen eher mal in verborgenen oder unzugänglichen Ecken und Winkeln. Klar, den Marienplatz kennt jeder und das Rathaus-Glockenspiel auch: Wie es aber hinter dem Figurentheater auf dem Turm aussieht und wie man es in Gang setzt - manuell nämlich -, das bekommen die Münchner und ihre Touristen in der Regel nicht zu Gesicht. Diesen Blick hinter die Kulissen liefert der Film ebenso wie das spektakuläre Szenario, das der neue Orchester-Proberaum auf dem Dach des Gärtnerplatz-Theaters bietet.

Überhaupt der Gärtnerplatz: Er ist ja wirklich ein Schmuckstück, das die Kamera mit schönen Bilder von der dortigen Blumenpracht auch einzufangen weiß. Deutsche-Eiche-Wirt Dietmar Holzapfel plaudert vom Dachgarten seines Hauses über die schwule Tradition des Viertels, und Orchestervorstand Albert Ginthör rühmt das Rondell als formidablen "Feierplatz" - auch wenn die Nachtschwärmer manchmal intensiver feiern, als es die Nachbarschaft verträgt. Nicht ganz so berühmt ist der St.-Anna-Platz im Lehel, der eine Welt für sich ist, so dass Anlieger ihn als "ein kleines Dorf in Italien" sehen. Was auch nicht jeder weiß: Der Schriftsteller Lion Feuchtwanger hat hier einige Jahre seiner Kindheit verbracht. Anheimelnd ist der Blick in den Klostergarten der Franziskaner, und wer es bislang versäumt hat, die prachtvolle Klosterkirche St. Anna, die erste Rokoko-Kirche Altbaierns, zu bewundern, der kann es jetzt im Fernsehsessel nachholen.

Am interessantesten aber ist der Film, wenn er die nicht ganz so berühmten Plätze porträtiert - etwa den Schyrenplatz. Er beherbergte nicht nur die erste Profi-Radrennbahn weltweit, sondern das Areal ist auch Standort des ältesten Kiosks Münchens, dessen Wurzeln bis ins Revolutionsjahr 1848 zurückreichen. Gegenüber duckt sich unter Bäumen der hochbeliebte Kiosk Isarwahn, dessen Betreiberin Cornelia Straub ausführlich zu Wort kommt. Überhaupt scheinen die beiden Filmautoren eine Schwäche für Kioske zu haben, denn als eine der größten Attraktionen der Münchner Freiheit präsentieren sie den dortigen 24-Stunden-Kiosk. Und es ist ja auch wahr: Dieser Kiosk bringt noch eine Prise mehr Leben auf den Schwabinger Knotenpunkt, der städtebaulich eher nicht zu den schönsten Plätzen Münchens gehört.

Als eine Art Insidertipp zeigt der Film den Manchesterplatz in Trudering, der an die Opfer der Flugzeugkatastrophe vom 6. Februar 1958 erinnert. 23 Menschen kamen damals ums Leben, darunter acht Spieler der Fußballmannschaft von Manchester United. Dort sei, heißt es im Film, "das neben dem Oktoberfest-Attentat bislang größte Unglück im Nachkriegs-München" passiert. Hier muss man, bei allem Respekt, doch mal Schweinchen Schlau rauslassen. Es gab ein noch größeres Unglück: 52 Menschen starben, als am 17. Dezember 1960 eine US-Maschine die Turmspitze der Paulskirche touchierte und auf eine Trambahn stürzte.

Doch dies nur am Rande. Es ist ein schöner Film, der Lust macht, auf all diesen wunderbaren Plätzen zu verweilen. Eigentlich möchte man sofort raus: auf den Marienplatz, auf den Gärtnerplatz oder auf den fast dörflichen Pfanzeltplatz in Perlach. Das ist der Nachteil an dieser Doku: Sie weckt Sehnsüchte, die derzeit unerfüllbar sind.

Münchens schönste Plätze. Filmdoku von Michael Zehetmair und Wolfgang Binder. BR Fernsehen, 23. März, 21 Uhr.

© SZ vom 23.03.2020
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