Kunsthandwerk in München:Ein ganz besonderer Weihnachtsmarkt

Lesezeit: 4 min

Kunsthandwerk in München: Monika Fahn kann zu jedem Ausstellungsstück Auskunft geben. Manche, sagt sie, haben eine verborgene Seele, wie die skurrilen Papiercontainer von Irmengard Matschunas.

Monika Fahn kann zu jedem Ausstellungsstück Auskunft geben. Manche, sagt sie, haben eine verborgene Seele, wie die skurrilen Papiercontainer von Irmengard Matschunas.

(Foto: Robert Haas)

Monika Fahn leitet den Bayerischen Kunstgewerbeverein, seine Galerie samt Laden ist ein Schmuckstück in der Münchner Innenstadt. Im Advent leuchten die in Handarbeit erstellten Kostbarkeiten hinter den großen Schaufenstern besonders einladend.

Von Martina Scherf

Die Farben: knalliges Pink, leuchtendes Orange. Die Form: in Feinstarbeit ausgesägte Metallplättchen, zu einem Haufen arrangiert. Das Gebilde erinnert entfernt an Stahlträger eines Wolkenkratzers, vielleicht auch an Stabmuscheln? Aber es ist Schmuck. Solche Überraschungen gefallen Monika Fahn, die die Brosche jetzt vorsichtig in die Schachtel zurücklegt. "Ist es nicht wunderbar, dieses unendliche Spiel mit Farben, Formen und Material?", sagt sie. Tatsächlich erscheinen Laden und Galerie des Bayerischen Kunstgewerbevereins in der Pacellistraße wie eine große Spielwiese. Und Geschäftsführerin Monika Fahn darf, wenn sie mag, diese Wunderwelt jeden Tag neu arrangieren.

Kunsthandwerk in München: In Feinstarbeit hat Mirjam Hiller ausgesägte Metallplättchen zu einer Brosche arrangiert.

In Feinstarbeit hat Mirjam Hiller ausgesägte Metallplättchen zu einer Brosche arrangiert.

(Foto: Bayerischer Kunstgewerbeverein)

Jetzt im Advent leuchtet diese Welt hinter den großen Schaufenstern besonders einladend. Weihnachtsaccessoires, alles Handarbeit, dazu Mode, Schmuck, Porzellan, Silber, Keramik, Holzskulpturen, Glas- oder Papierarbeiten sind dort versammelt. Alle sind Unikate, alle tragen den individuellen Ausdruck ihres Schöpfers oder ihrer Schöpferin. Sie machen Freude, aber manche haben auch "eine verborgene Seele", sagt Monika Fahn. So wie die filigranen Broschen aus Stahl von Mirjam Hiller oder die Anhänger von Mari Ishikawa, die silberne Naturabgüsse mit Diamanten, Kohle oder Papier kombiniert. Oder die witzigen, hintersinnigen Papiercontainer mit einem unschuldigen Bambi drauf von Irmengard Matschunas.

Monika Fahn, 51, kann zu jedem Künstler, zu jeder Künstlerin Auskunft geben, dem Material, den Ideen, dem Entstehungsprozess. "Zur Zeit ist es ja sehr schwierig, irgendwo auszustellen und damit auch Werke zu verkaufen. Messen und Märkte sind abgesagt und die wenigsten haben einen eigenen Laden." Zugleich ist dieser ungewöhnliche Weihnachtsmarkt aber auch eine Leistungsschau der einzelnen Gewerke.

Kunsthandwerk in München: Einen Olivenhain mit Mandarine zeigt das Stück von Sonngard Marcks.

Einen Olivenhain mit Mandarine zeigt das Stück von Sonngard Marcks.

(Foto: Bayerischer Kunstgewerbeverein)

Das war schon so, als der Verein vor 170 Jahren gegründet wurde. "Zu dem Guten das Schöne", so lautete das Motto der Gründer 1851. Ziel war die Verbindung von Kunst und Handwerk und eine qualifizierte Ausbildung. Daran mangelte es damals in deutschen Landen, was nicht zuletzt auf der Weltausstellung in London 1851 augenfällig geworden war, erzählt Monika Fahn, die sich intensiv mit der Vereinsgeschichte befasst hat. Zudem sahen sich deutsche Handwerksbetriebe mit der industriellen Produktion von Alltagsgegenständen konfrontiert.

Es war die Zeit, als Ludwig Schwanthaler die Bavaria entwarf und August von Voit die Neue Pinakothek und den Münchner Glaspalast. Sie legten Wert darauf, dass es im Handwerk nicht nur um technisches Können gehe, sondern auch um "Geschmack" und ein Gefühl für Proportionen. Friedrich Bürklein, Max Ainmiller, Ferdinand von Miller und zahlreiche andere Münchner Persönlichkeiten gehörten zu den Vereinsgründern.

Kunsthandwerk in München: Merinowolle und Boucléwolle hat Dörte Behn für diesen Schal verarbeitet.

Merinowolle und Boucléwolle hat Dörte Behn für diesen Schal verarbeitet.

(Foto: Bayerischer Kunstgewerbeverein)

Damals hatte der Bayerische Kunstgewerbeverein mehr als 2000 Mitglieder, auch Architekten waren dabei und Mitglieder der großbürgerlichen Gesellschaft, die häufig als Mäzene auftraten. Und anders als in der Akademie der Bildenden Künste waren auch schon Frauen zugelassen.

Heute sind es noch gut 400 Mitglieder, für die Aufnahme muss man sich bewerben und Objekte einreichen. "Es wird heute oft unterschätzt, was Kunsthandwerk bedeutet", sagt Gisela Geiger, die vor Kurzem den Vereinsvorsitz von Thomas Raff übernommen hat. Die ehemalige Leiterin des Campendonk-Museums in Penzberg sagt, die Menschen müssten wieder mehr "sehen lernen", damit sie erkennen, was Qualität bedeutet, wie ein Künstler oder Kunsthandwerker - "die Grenzen sind ja fließende" - Farbe setzt oder einem Material eine Form entlockt. In ihren Workshops am Museum hat sie das oft beobachtet, wie Kinder und Erwachsene durch das Selbermachen ein Gespür für künstlerischen Ausdruck bekommen. "Und unsere Vereinsmitglieder sind ja alles professionelle Spieler", sagt sie anerkennend. Sie freut sich darauf, jetzt viele dieser Spieler kennenzulernen.

Kunsthandwerk in München: Mari Ishikawa kombiniert für ihre Anhänger silberne Naturabgüsse mit Diamanten, Kohle oder Papier.

Mari Ishikawa kombiniert für ihre Anhänger silberne Naturabgüsse mit Diamanten, Kohle oder Papier.

(Foto: Bayerischer Kunstgewerbeverein)

Monika Fahn kennt sie alle. Seit zwölf Jahren ist sie Geschäftsführerin des Vereins. Sie hat in München Kunstgeschichte studiert und über eine Augsburger Goldschmiedefamilie zur Zeit des Manierismus promoviert. Danach war sie Kunstreferentin beim Wittelsbacher Ausgleichsfonds und an der Planung des 2010 eröffneten Textilmuseums in Augsburg beteiligt. Die Auseinandersetzung mit dem Material fehlte ihr im Studium, "dabei ist es doch die Basis jeder Kunst. Hier habe ich es, jeden Tag", sagt sie. Zu beobachten, wie aus Silber, Holz, Ton, Glas oder Wolle immer wieder neue Formen entstehen, sei faszinierend.

Der Verein bietet eine Plattform für Austausch, Werkstattführungen und Netzwerke auch mit Kollegen in andern Ländern. Seit 2006 vergibt er jährlich den BKV-Preis. Er wird international ausgeschrieben und ist für viele junge Kunsthandwerker die Gelegenheit, sich einem breiteren Publikum zu präsentieren, bei der Internationalen Handwerksausstellung und in der BKV-Galerie in der Pacellistraße. "Manche stellen sich dabei zum ersten Mal eine Wettbewerbssituation", sagt Monika Fahn. Da muss sie schon mal gut zureden, Ideen präzisieren helfen.

Man merkt ihr an, dass sie dann mitfiebert. "Es ist schön, die jungen Leute auf ihrem Weg zu begleiten, sie zu ermutigen dranzubleiben, auch wenn es mal schwierig ist." Sie führt dann oft lange Gespräche, versucht auch in Schaffenskrisen zu helfen. Acht Ausstellungen pro Jahr gibt es in der BKV-Galerie. Manche Teilnehmer kommen und planen alles minutiös durch, andere sagen: "Frau Fahn, machen Sie das."

Kunsthandwerk in München: Drei Schalen, angefertigt von Ulla und Martin Hoffmann.

Drei Schalen, angefertigt von Ulla und Martin Hoffmann.

(Foto: Martin Hoffmann/Bayerischer Kunstgewerbeverein)

Den Besuchern im Laden und in der Galerie erzählt die Kunsthistorikerin gerne von den Besonderheiten des Objekts und seines Schöpfers. Zum Beispiel, wie die Goldschmiedin Susanne Elstner zur Köhlerin wurde, als sie eines Tages beschloss, aus Kohle Schmuck zu machen. Anfangs besorgte sie sich bei einer Köhlerei im bayerischen Oberland die tiefschwarzen Stücke unterschiedlich strukturierten Holzes, inzwischen hat sie selbst einen Kohlemeiler im Garten. "Das ist ein komplizierter Prozess, es gibt viel Ausschuss und am Ende werden die Stückchen auch noch mit einer speziellen Lösung haltbar gemacht", erzählt Monika Fahn. Eine faszinierende Verwandlung von einem Zustand in den anderen. Mit Gold kombiniert, entstehen so edle Ketten und Broschen. Sie sehen schwer aus und sind doch federleicht.

Kunsthandwerk in München: Susanne Elstner hat diese Brosche gefertigt.

Susanne Elstner hat diese Brosche gefertigt.

(Foto: Bayerischer Kunstgewerbeverein)

Anfassen ist dabei ausdrücklich erlaubt. "Denn Begreifen ist ja die Voraussetzung fürs Verstehen", sagt Monika Fahn. "Es wäre schön, wenn das endlich auch wieder in unseren Schulen vermittelt würde."

Vor ein paar Jahren hat der BKV zusammen mit dem Stadtmuseum ein Symposium veranstaltet "Kunsthandwerk im digitalen Zeitalter". Sie holten einen Neuro-Wissenschaftler dazu, der den Zusammenhang zwischen Hand und Hirn genau erklärt hat. 70 Prozent des Hirnvolumens sind für die Motorik zuständig, erklärte er, und dabei hat die Hand den größten Anteil. "Das spielt für die geistige Entwicklung eine enorme Rolle. Aber in den Schulen wird fast ausschließlich Theorie gepaukt." Monika Fahn kann wenigstens mit den schönen Dingen, die sie umgeben und die sie zum Glänzen bringt, ein wenig gegensteuern.

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