Programm-PräsentationDie Bayerische Staatsoper vollendet den „Ring“ und holt Anna Netrebko

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Das Nationaltheater, Hort der Bayerischen Staatsoper, mit der neuen Rasenfläche im Vordergrund.
Das Nationaltheater, Hort der Bayerischen Staatsoper, mit der neuen Rasenfläche im Vordergrund. Geoffroy Schied

Intendant Serge Dorny stellt die Saison der Bayerischen Staatsoper 2026/27 vor, in der auch das „Ja, Mai“-Festival unter dem Motto „Widerstand“ Sensationen verheißt. Und was gibt es Neues von der großen Sanierung?

Von Egbert Tholl

Wladimir Putin wirkt unendlich einsam, wie ein verletztes Tier, also ungeheuer gefährlich. Er schaut nicht unbedingt aus wie Putin, was daran liegt, dass ihm der grandiose Sänger Georg Nigl Stimme und Körper leiht. Die Musik von Gordon Kampe tost und tobt, Nigl erkundet Putins Innenleben, dessen Vorstellungen, wie die Welt zu sein hat. Aber „Die Kreide im Mund des Wolfs“ geht weit darüber hinaus, wird zu einem allgemeingültigen Abend über Macht, deren Tücken, Ränke und darüber, wie Macht verführt und sich selbst genug ist. Dieter Sperl hat aus Reden Putins das Libretto erstellt, Kampe hat es vertont, Nigl sang, sprach, spielte es zum ersten Mal an der Hamburger Staatsoper Anfang 2025. Nun holt Serge Dorny die Inszenierung von Georges Delnon nach München, für das „Ja, Mai“-Festival der Bayerischen Staatsoper im Jahr 2027. Mit Nigl, anders geht es nicht. Das Motto des Festivals: „Widerstand“.

Serge Dorny, Intendant der Bayerischen Staatsoper, stellt das Programm der Saison 2026/27 vor, und diese ist eine Verheißung. Nicht nur wegen des „Ja, Mai“-Festivals, aber dieses wird spannend. Elsa-Sophie Jach, Hausregisseurin am Residenztheater, wird die Uraufführung des Auftragswerks „Liberty“ inszenieren: Diana Syrse vertont ein Libretto der finnischen Schriftstellerin Sofi Oksanen über häusliche Gewalt. Und dann wird bei dem Festival fürs Zeitgenössische der schon für 2022 geplante Doppelabend aus Monteverdis „Il combattimento di Tancredi e Clorinda“ und „Koma“ nachgeholt.

„Koma“ spielt dort, wo es der Titel verheißt, in einem Schattenreich, den Text schrieb Händl Klaus, die Musik Georg Friedrich Haas, die Oper ist eine der aufregendsten der vergangenen zehn Jahre. Nun kommt sie am Volkstheater heraus, wo sie auch 2022 geplant war. Aber damals waren hierfür Teodor Currentzis und sein Ensemble MusicAeterna vorgesehen gewesen, doch Putin überfiel die Ukraine, die russischen Musiker wollte niemand mehr haben, die Produktion fiel erst mal aus.

Hat sich nach Auffassung Serge Dornys inzwischen deutlich genug von Putin und dessen Krieg distanziert: Anna Netrebko, hier 2023 bei ihrer Rückkehr an die Staatsoper Unter den Linden in Berlin.
Hat sich nach Auffassung Serge Dornys inzwischen deutlich genug von Putin und dessen Krieg distanziert: Anna Netrebko, hier 2023 bei ihrer Rückkehr an die Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Annette Riedl

Eine Sängerin hat Putins Fluch inzwischen zumindest künstlerisch abgeschüttelt: Anna Netrebko kehrt an die Bayerische Staatsoper zurück. Erst einmal für einen Liederabend bei den Opernfestspielen 2027, aber für die darauffolgenden Saisons sind Repertoire-Vorstellungen mit ihr geplant. Dorny hatte nach Ausbruch von Putins verbrecherischem Krieg keinen Hehl daraus gemacht, dass er die Russin vorerst nicht mehr an seinem Haus haben wolle. Doch nun habe sie sich oft und deutlich genug von Putin und Putins Krieg distanziert, letztlich auch Russland den Rücken gekehrt, man fröre Positionen nicht ein. Spektakuläre Besetzungen neben Netrebko, kleine Auswahl: Elīna Garanča singt die Kundry, Asmik Grigorian die Lisa in „Pique Dame“, Jonas Kaufmann Tannhäuser und Jonathan Tetelmann Werther.

Willkommen in seinem Haus: Intendant Serge Dorny auf dem Roten Teppich  bei der Eröffnung der Opernfestspiele 2024.
Willkommen in seinem Haus: Intendant Serge Dorny auf dem Roten Teppich  bei der Eröffnung der Opernfestspiele 2024. Leonhard Simon

Die Staatsoper brummt, bei den Opern liege die Auslastung derzeit bei 99, im Ballett bei 100 Prozent, die Wartelisten für Abos seien wieder zurück. Da kann man auch mal wieder etwas wagen, zumindest mehr als zuletzt mit „Faust“ oder „Rigoletto“. Zwar steht die Vollendung von Wagners „Ring“ durch Regisseur Tobias Kratzer und Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski (Oktober 26 „Siegfried“, Juni 27 „Götterdämmerung“) im Vordergrund, aber dazwischen gibt es tolle Sachen zu erleben.

Zum ersten Mal am Haus eine Oper von John Adams („Doctor Atomic“), zum ersten Mal Tschaikowskis „Mazeppa“, zum ersten Mal szenisch Donizettis „Maria Stuarda“. Und, noch ein Debüt hier, das einer Kollaboration: Zur Ballettfestwoche im April 27 bringen Ballett und Oper gemeinsam Pina Bauschs legendäre Version von Glucks „Orpheus und Eurydike“ auf die Bühne.

Alles prima also? Nun, über der Oper schwebt eine dunkle Wolke, sie heißt Generalsanierung. Mittlerweile geht man davon aus, dass diese möglicherweise 2038 in Angriff genommen wird (wenn die Technik bis dahin durchhält), dann ist das Nationaltheater vermutlich sieben Jahre lang dicht. Eine sinnstiftende Antwort auf die Frage nach einem Ausweichquartier steht noch aus, seit Jahren schon. Der Vorschlag von Kunstminister Markus Blume, man baue bis dahin den Konzertsaal am Ostbahnhof (echt?) und in diesen einen Orchestergraben, ist Unsinn, weil ein Graben allein macht noch keine Oper. Da hilft kein Zaudern, da muss eine echte Lösung her. Wie ja auch die Idee, während der vorangehenden Sanierung des Residenztheaters solle dieses halt mehr im Cuvilliés spielen (200 nicht sichtbehinderte Plätze) oder im mit Konzerten derzeit vollausgelasteten Prinzregententheater, nur Flickschusterei ist.

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