Highlights der Spielzeit 2026/27 an der Bayerischen StaatsoperDie Jagd auf Karten für Wagners „Ring“ und „Tannhäuser“ mit Jonas Kaufmann hat begonnen

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Sein Rollendebüt als Tannhäuser gab Jonas Kaufmann 2023 bei den Salzburger Osterfestspielen. In Romeo Castelluccis Inszenierung wird er 2027 auch an der Bayerischen Staatsoper zu erleben sein.
Sein Rollendebüt als Tannhäuser gab Jonas Kaufmann 2023 bei den Salzburger Osterfestspielen. In Romeo Castelluccis Inszenierung wird er 2027 auch an der Bayerischen Staatsoper zu erleben sein. Imago/Ernst Wukits

16 Stunden Wagners „Ring“ in einer einzigen Woche,   Jonas Kaufmanns Hausdebüt als „Tannhäuser“ und  dann noch das München-Comeback von Anna Netrebko: Warum es sich lohnt, den Bestellzettel für die nächste Saison an der Bayerischen Staatsoper bald auszufüllen.

Von Jutta Czeguhn

Wir werden ja vorgewarnt. „Alles was ist, endet“, sagt Erda im „Rheingold“. Es gibt auch schon Datum und Uhrzeit für dieses rauschhafte Endspiel: Am 31. Juli 2027, 16 Uhr, wird Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski im Graben der Bayerischen Staatsoper den Stab heben für Richard Wagners „Götterdämmerung“ – und damit Stunden später die Spielzeit 2026/2027 und den „Ring“-Zyklus in der Regie von Tobias Kratzer vollenden.

Hochamt für Wagner: Der goldene gotische Altar ist zentrales Bühnenelement in Tobias Kratzers „Rheingold“-Inszenierung. Eine heilige Messe hat der Regisseur dem Komponisten dennoch nicht gelesen.
Hochamt für Wagner: Der goldene gotische Altar ist zentrales Bühnenelement in Tobias Kratzers „Rheingold“-Inszenierung. Eine heilige Messe hat der Regisseur dem Komponisten dennoch nicht gelesen. Wilfried Hösl/dpa

Noch aber liegt die Götterwelt nicht in Trümmern, noch schwelgen wir nicht im Erlösungspathos der letzten Klänge der Tetralogie. Aktuell kennt das Publikum erst Kratzers leuchtendes „Rheingold“, die Pralinenschachtel ist also noch zu Dreivierteln gefüllt. Für Wagnerianer ein Fest.

Wotan samt Töchtern in Andreas Kriegenburgs Münchner Inszenierung der „Walküre“ von 2012. Werden die göttlichen Kriegerinnen in Tobias Kratzers Version auch weißblonde Langhaarperücken tragen?
Wotan samt Töchtern in Andreas Kriegenburgs Münchner Inszenierung der „Walküre“ von 2012. Werden die göttlichen Kriegerinnen in Tobias Kratzers Version auch weißblonde Langhaarperücken tragen? Renate Neder/imago/Michel Neumeister

In diesem Juni, zu den Festspielen, kommt Kratzers „Walküre“, und in der Spielzeit 2026/2027 zeigt er dann „Siegfried“ und die „Götterdämmerung“. So viel Ring-Euphorie war lange nicht mehr in München. Und wer die monumentale Tetralogie im Paket und im Parkett des Nationaltheaters erleben will, der greife baldigst zum Bestellformular.

Den vollständigen Ring gibt’s nur im Paket

Was er da wohl gerade wieder komponiert, der Maestro? Richard Wagner im Mai 1843.
Was er da wohl gerade wieder komponiert, der Maestro? Richard Wagner im Mai 1843. Imago images/Mary Evans

An die 16 Stunden Wagner in einer Woche, im dunklen Nationaltheater ausharren und das mitten im Juli, zudem meist mit frühem Vorstellungsbeginn um 16 Uhr – da muss man sich zeitig aus der Arbeit davonschleichen.  Am besten, man nimmt gleich Urlaub.

Diesen Marathon zu den Opernfestspielen im Sommer 2027 gibt’s allerdings nur im Paket, im Ring-Zyklus A  (17., 18., 22. und 24. Juli 2027) oder im Ring-Zyklus B (26., 27., 29. und 31. Juli 2027). Die Kartenpreise sind auch nicht ohne, für vier Abende zahlt man von 80 (Hörer-/Stehplätze)  bis 1114 Euro in der teuersten Kategorie.

Die Bearbeitung der Bestellungen – für alle Vorstellungen der Opernfestspiele im nächsten Jahr – beginnt laut Staatsoper am Montag, 1. Februar 2027. Wie immer kann es zu Losentscheidungen kommen, was aber noch nicht den völligen Untergang bedeutet: Der Online-, Telefon- und Schalterverkauf aller verbleibenden, einzelnen Restkarten beginnt am 25. März 2027. Und wer sowieso keine Ring-Paketlösung anstrebt: „Siegfried“-Premiere ist am 29. Oktober 2026, dann folgen vier Vorstellungen im November. Auch die „Götterdämmerung“, Premiere 27. Juni 2027, wird es als Solo geben (1. und 4. Juli). Und bei Oper für alle am 17. Juli 2027 heißt es dann Wagner für alle und kostenlos: „Das Rheingold“.

Nur noch kurz, ehe wir den Wagner-Wahn an der Staatsoper hinter uns lassen: Weil zyklische Aufführungen des Rings nun mal eher selten sind, gibt es begleitend zu den Vorstellungen an drei Vormittagen (24., 25. und 26. Juni 2027) im Gartensaal des Prinzregententheaters Symposien, in denen Figuren aus der Tetralogie unter die Lupe genommen werden.

Und noch ein letztes wichtiges Wort zu Wagner 2027 an der Staatsoper: Nach Lohengrin, Parsifal, Tristan und Siegmund wird Jonas Kaufmann am Haus nun auch den „Tannhäuser“ singen (25. und 29. April, 2. und 9. Mai 2027). Sein Rollendebüt gab er 2023 bei den Osterfestspielen in Salzburg, in der Münchner Inszenierung von Romeo Castellucci, die sich die Salzburger ausgeliehen hatten.

Jonathan Tetelman als neuer Haustenor?

Hoch hinaus: Jonathan Tetelman, hier als Faust mit Olga Kulchynska, könnte der nächste Tenor-Liebling des Münchner Publikums werden.
Hoch hinaus: Jonathan Tetelman, hier als Faust mit Olga Kulchynska, könnte der nächste Tenor-Liebling des Münchner Publikums werden. Geoffroy Schied

Apropos Stars: Es gibt Operngeher, die durchforsten in einem neuen Saison-Programm zunächst die Besetzungslisten: nach großen Namen wie Jonathan Tetelman, der an der Staatsoper offenbar den Stab von Kaufmann als Haustenor übernehmen soll. Nach Rodolfo in „La Boheme“, Macduff in „Macbeth“, Turiddu in der „Cavalleria Rusticana“ und „Faust“ singt der Amerikaner nun also den „Werther“ (Premiere: 15. Mai 2027) sowie den Duca in „Rigoletto“ (im März 2027). Das Münchner Publikum ist sich allerdings noch nicht einig, ob Tetelman an Kaufmann heranreicht. Oder ob so ein Vergleich nicht sowieso ein rechter Blödsinn ist. Und dann gibt es da noch jene, die als Werther lieber Benjamin Bernheim hören würden. Und sich nun damit trösten, dass er am 16. September zusammen mit Diana Damrau die Spielzeit eröffnet bei „Oper für alle“ im BMW-Park und in der Uralt-„Carmen“ von Lina Wertmüller den Don José singen darf.

Wenn Tetelman der zweite Kaufmann sein soll, wer ist dann die nächste Anja Harteros, die mit dem Münchner Tenor in den Nuller- und Zehnerjahren das Opern-Traumpaar bildete? Noch scheint da niemand in Sicht. Oder doch?

Kehrt auf die Bühne des Nationaltheaters zurück: Anna Netrebko, hier auf dem roten Teppich mit dem ehemaligen Staatsopern-Intendant Nikolaus Bachler bei den Münchner Opernfestspielen 2014.
Kehrt auf die Bühne des Nationaltheaters zurück: Anna Netrebko, hier auf dem roten Teppich mit dem ehemaligen Staatsopern-Intendant Nikolaus Bachler bei den Münchner Opernfestspielen 2014. Stephan Rumpf

Das Angebot an großen weiblichen Opernstimmen, Sopran wie Mezzo, im Saison-Spielplan ist jedenfalls üppig: Die dem Namen nach Größte singt am 23. Juli 2027 einen Liederabend. Ja, Anna Netrebko kehrt an die Bayerische Staatsoper zurück, ein Haus, das allerdings nie wirklich das ihre war. Der Bannstrahl, der die Russin 2022 nach Beginn der russischen Invasion der Ukraine traf, ist also deaktiviert. Mit Protest wegen ihrer angeblichen Nähe zum Putin-Regime wird sie in München trotzdem rechnen müssen.

Andere Sängerinnen sind auf den Bühnen längst mehr präsent: In München wird man in der kommenden Spielzeit Asmik Grigorian hören, Aigul Akhmetshina, Lisette Oropesa, Sabine Devieilhe, Johanni van Oostrum, Vera-Lotte Boecker, Marlis Petersen, Ermonela Jaho, Sonya Yoncheva, Ekaterina Gubanova und natürlich Elīna Garanča.

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SZ PlusVon Jutta Czeguhn

Einer, der anders als Netrebko in den vergangenen Jahren in Russland auftrat, ist der italienische Tenor Vittorio Grigolo. 2027 singt er in München den Des Grieux in „Manon Lescaut“.  Auch bei diesem Namen sollte man sich nicht aufhalten, sondern sich über all die anderen Sängerstars freuen, die man in der neuen Saison erleben kann: Charles Castronovo, Michael Spyres, Pavol Breslik, Piotr Beczała, Jakub Józef Orliński, Bryn Terfel, Ludovic Tézier, Erwin Schrott, Georg Zeppenfeld oder Luca Salsi.

Längst auch ein internationaler Star ist eine Hauskraft aus dem eigenen Ensemble: Bariton Konstantin Krimmel. Und sie wird gewiss Karriere machen: die wunderbare Mezzosopranistin Natalie Lewis. Das ehemalige Mitglied des Opernstudios singt nicht nur in Neuproduktionen wie der „Walküre“ oder „Doctor Atomic“, auch ihr Festspielliederabend am 30. Juni 2027 im Cuvilliés-Theater ist eine ganz unbedingte Empfehlung.

Vielversprechende Premieren

Legendärer Film nach Thomas Manns Erzählung: Luchino Viscontis „Der Tod in Venedig“ (1971). An der Bayerischen Staatsoper hat kommende Saison die Oper „Death in Venice“ von Benjamin Britten Hauspremiere.
Legendärer Film nach Thomas Manns Erzählung: Luchino Viscontis „Der Tod in Venedig“ (1971). An der Bayerischen Staatsoper hat kommende Saison die Oper „Death in Venice“ von Benjamin Britten Hauspremiere. Ronald Grant Archive, imago images

„Doctor Atomic“, wer anders als der „Vater der Atombombe“, J. Robert Oppenheimer ist hier gemeint. Mit dieser Oper aus dem Jahr 2005, in der die Frage nach der moralischen Verantwortung gestellt wird, bringt die Bayerische Staatsoper erstmals ein Werk des amerikanischen Komponisten John Adams auf die Bühne. Premiere ist am 4. Februar 2027, in der Inszenierung von Claus Guth singen unter anderem Simon Keenlyside und Marlis Petersen.

Königliche Rivalinnen wird man bald in Brett Deans „Of one Blood“ erleben (Premiere: 10. Mai 2026). In der kommenden Saison werden Elizabeth I. und Mary Stuart zurückkehren, in Gaetano Donizettis „Maria Stuarda“ (Premiere 20. Dezember). Regie bei dem Königinnendrama führt Francesco Micheli. 

Um brutale Macht und familiäre Fehden geht es auch in Tschaikowskis Oper über den ukrainischen Helden „Mazeppa“ (Premiere 15. März 2027). Hier inszeniert der gebürtige Moskauer Dmitri Tcherniakov. Die letzte Premiere der Spielzeit 2026/2027 am 16. Juli ist Benjamin Brittens Oper „Death in Venice“ von 1973, nach Thomas Manns berühmter Erzählung. Vasily Barkhatov bringt sie auf die Bühne des Prinzregententheaters.

Widerständiges „Ja Mai“-Festival

Finnlands bekannteste Schriftstellerin Sofi Oksanen schreibt über systematische Gewalt gegen Frauen. Für die Oper „‚Liberty“ der jungen mexikanischen Komponistin Diana Syrse  verfasste sie das Libretto.
Finnlands bekannteste Schriftstellerin Sofi Oksanen schreibt über systematische Gewalt gegen Frauen. Für die Oper „‚Liberty“ der jungen mexikanischen Komponistin Diana Syrse  verfasste sie das Libretto. Sven Simon

Ihr Buch „Putins Krieg gegen die Frauen“ kam 2024 heraus und skizziert einen direkten Zusammenhang zwischen Russlands staatlich propagiertem Antifeminismus und dem Angriffskrieg auf die Ukraine: Die Finnin Sofi Oksanen ist eine der bedeutendsten und dezidiert politischen literarischen Stimmen Skandinaviens. Für das „Ja, Mai“-Festival der Staatsoper (24. April bis 13. Mai 2027) hat sie das Libretto zur Oper „Liberty“ der jungen mexikanischen Komponistin Diana Syrse verfasst, ein Auftragswerk, das am 30. April im Cuvilliés-Theater seine Uraufführung hat. Die beiden Künstlerinnen beleuchten darin patriarchale Strukturen im Familienkontext und Mechanismen des Widerstands gegen häusliche Gewalt.

Das Festival-Motto „Widerstand“ greift auch Gordon Kampes „Die Kreide im Mund des Wolfs“ (2. Mai, Brainlab) auf, eine szenische Mono-Oper, die auf Propaganda-Reden Vladimir Putins basiert. An einem Nachbau seines berüchtigten, sechs Meter langen, weißen Konferenztisch wird als Despot der großartige österreichische Bariton Georg Nigl sitzen, der auch den Alberich im „Siegfried“ singt.

Und schließlich bei diesem Festival, das Raum öffnen will für Experimente und Diskurse: Georg Friedrich Haas’ Oper „Koma“ nach einem Libretto von Händl Klaus (5. Mai, Volkstheater). Sie erzählt vom Widerstand des komatösen Körpers gegen den Verlust der Erinnerung. Und wie immer bei „Ja, Mai“ gibt es Verschränkungen zu den Ursprüngen der Oper, hier mit Claudio Monteverdis „Il combattimento di Tancredi e Clorinda“. Die Produktion, inszeniert von Romeo Castellucci, ist sozusagen eine wertvolle Altlast: 2022 wurde die Premiere am Haus abgesagt, weil ursprünglich der wegen möglicher Verbindungen zum Putin-Regime umstrittene Teodor Currentzis am Pult stehen sollte. Jetzt ist Bas Wiegers vorgesehen, der schon die konzertante Premiere 2024 bei den Salzburger Festspielen dirigierte.

Endlich: „Semele“ kehrt zurück

Ohne ihn kaum vorstellbar: Countertenor Jakub Józef Orliński zeigt in der Händel-Oper „Semele" Break-Dance-Akrobatik, hier bei der Premiere im Juli 2023 im Prinzregententheater.
Ohne ihn kaum vorstellbar: Countertenor Jakub Józef Orliński zeigt in der Händel-Oper „Semele" Break-Dance-Akrobatik, hier bei der Premiere im Juli 2023 im Prinzregententheater. M. Rittershaus

Die am innigsten ersehnte Wiederaufnahme der kommenden Spielzeit ist Händels „Semele“, in der Inszenierung von Claus Guth. Und die großartige Nachricht ist, dass diesmal (25. und 28. September, 2., 4. und 7. Oktober) nicht das kleine Prinzregententheater, sondern die Staatsoper bespielt wird. So werden 2101 Zuschauer dabei sein können, wenn Countertenor Jakub Józef Orliński nicht nur berückend schön singt, sondern auch atemberaubende Break-Dance-Akrobatik zeigt. Ebenfalls wieder dabei ist der amerikanische Baritenor Michael Spyres, der an der Met gerade sein Tristan-Debüt gegeben hat. Neu im Cast ist Mezzosopranistin Marina Viotti, die zudem im „Werther“ die Charlotte und die Rosina im „Barbier“ singt. Womöglich wird man die Schweizerin, deren Schwester Milena Hornistin im Staatsorchester ist, künftig öfter am Haus hören.

Spielzeit 2026/2027 an der Bayerischen Staatsoper, Infos unter www.staatsoper.de

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