Festspiel-Premiere:Wenn man vom Teufel singt

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Festspiel-Premiere: War da der Teufel am Werk? Massenszene mit "besessenen Nonnen" in der Neuinszenierung der Penderecki-Oper "Die Teufel von Loudun", die bei den Festspielen an der Bayerischen Staatsoper Premiere hat.

War da der Teufel am Werk? Massenszene mit "besessenen Nonnen" in der Neuinszenierung der Penderecki-Oper "Die Teufel von Loudun", die bei den Festspielen an der Bayerischen Staatsoper Premiere hat.

(Foto: Winfried Hösl)

Sex, Satanswahn, politische Intrige - nach 52 Jahren kehrt Krzysztof Pendereckis einstiges Skandalwerk "Die Teufel von Loudun" in einer Neuinszenierung von Simon Stone an die Bayerische Staatsoper zurück.

Von Jutta Czeguhn, München

Der November 1970 ist für das Münchner Opernpublikum nicht gerade eine Zeit des Easy Listening. Bei der "Modernen Woche", so heißt damals eine Reihe mit neuem Musiktheater, wird den Herrschaften im Nationaltheater einiges abverlangt. In sehr konzentrierter Dosis, zu ministeriell gesponserten Vorzugspreisen zwischen 2,50 und 20 Mark. Es gibt sieben Darbietungen, unter anderem Bernd Alois Zimmermanns "Die Soldaten" und Alban Bergs "Lulu". Und dann ist da noch dieses Opernwerk, dem ein mediales Skandalgewitter vorausfegte: Krzysztof Pendereckis Oper "Die Teufel von Loudun", die Stuttgarter Staatsoper kommt damit für ein zweitägiges Gastspiel an die Isar. Man ist also gewarnt, denn nicht nur im Schwabenländle haben sie sich höllisch aufgeregt über Satanswahn, Exorzismus, sexuelle Massenhysterie, barbusige Nonnen.

Knapp 52 Jahre später stehen die "Teufel" wieder auf dem Münchner Spielplan, erstmals als Eigeninszenierung zum Start der Opernfestspiele (Premiere 27. Juni). Penderecki, einer der bedeutendsten Komponisten der Nachkriegszeit, ist 2020 gestorben, im Alter von 86 Jahren. Sein populärstes Opernwerk, an dem ein paar Spinnweben kleben, gehört längst zum Kanon, in München hat man es seit jenen Tagen im November 1970 nicht mehr gehört. Nackerte und Orgien auf der Bühne garantieren heute zwar immer noch Buhs (unlängst bei "Les Troyens"), allerdings wohl eher, weil penetrant servierter Fleischsalat recht abgestanden wirkt. Und die Katholische Kirche? Die produziert ihre eigenen Skandale, die sich nicht mal das perverseste Dramaturgenhirn ausdenken könnte. Regisseur Simon Stone und Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski jedenfalls scheinen einen Heidenspaß an Pendereckis Teufelswerk zu haben. Bei der Premierenmatinee zu ihrer Neuinszenierung plauderten die beiden so launig, dass es fürs Publikum die reine Versuchung war.

Festspiel-Premiere: Eine Teufelsaustreibung scheint da angezeigt: (v.l.) Vater Mignon (Ulrich Reß) und Vater Barré (Martin Winkler) beim Verhör von Priorin Jeanne (Ausrine Stundyte), aus der "fremde Stimmen" sprechen. Laut Erzbischöflichem Ordinariat München-Freising gibt es übrigens auch heute noch Anfragen nach Exorzismen. In den vergangenen zehn Jahren seien jedoch keine unter Zutun der Erzdiözese erfolgt.

Eine Teufelsaustreibung scheint da angezeigt: (v.l.) Vater Mignon (Ulrich Reß) und Vater Barré (Martin Winkler) beim Verhör von Priorin Jeanne (Ausrine Stundyte), aus der "fremde Stimmen" sprechen. Laut Erzbischöflichem Ordinariat München-Freising gibt es übrigens auch heute noch Anfragen nach Exorzismen. In den vergangenen zehn Jahren seien jedoch keine unter Zutun der Erzdiözese erfolgt.

(Foto: Winfried Hösl)

Dem Werk liegt ein wahrer Fall zugrunde, der 1633/34 ganz Europa in Wallung brachte: In der kleinen französischen Stadt Loudun hat sich der Ortsgeistliche Grandier den Grant des allmächtigen Kardinals Richelieu zugezogen. Da fügt es sich perfekt, dass die Nonnen eines Ursulinenklosters ihn beschuldigen, sie verhext und zur Unzucht angestiftet zu haben. Für Grandier, einen notorischen homme de femmes, führt der Weg direktemang auf den Scheiterhaufen. Was für ein Stoff! Ein Amalgam aus politischer Intrige, Sex und Horror. Zumal gut dokumentiert in den "Memoiren einer Besessenen" (1642) von Jeanne des Anges, der buckeligen Priorin der Ursulinen, die den smarten Priester wohl aus verschmähter Liebe ans Messer lieferte.

Viele Literaten haben sich da draufgeworfen, unter anderen Aldous Huxley (1952) und der Dramatiker John Whiting (1961), bei denen sich der junge Tonkünstler Penderecki für sein Libretto bediente (in der deutschen Übersetzung von Erich Fried). Die Uraufführung seiner "Teufel von Loudun" war 1969 an der Hamburgischen Staatsoper. Die Kritik fand's nicht sonderlich revolutionär: "musikalischer Dünnschiss" (NDR), "Begleitmusik für Sprechtheater" (Spiegel). Die Katholische Kirche wenigstens schäumte verlässlich, dabei war hier ein Tiefgläubiger am Werk, der viel später seinem alten Freund Karol Wojtyła so etwas wie ein Requiem schreiben würde.

Festspiel-Premiere: Normalerweise hält sich Regisseur Simon Stone sehr ungern an die Regieanweisungen der Komponisten, bei seiner Inszenierung der "Teufel von Loudun" hat es ihm Krzysztof Penderecki nicht leicht gemacht.

Normalerweise hält sich Regisseur Simon Stone sehr ungern an die Regieanweisungen der Komponisten, bei seiner Inszenierung der "Teufel von Loudun" hat es ihm Krzysztof Penderecki nicht leicht gemacht.

(Foto: Winfried Hösl)

Eine NDR-Verfilmung der Hamburger Inszenierung (YouTube) wirkt heute mit ihrer Sechzigerjahre-Ästhetik befremdlich, unerträglich klischeehaft ist die Darstellung der Nonnen als sexuell frustrierte Hysterikerinnen. Für Simon Stone, Jahrgang 1984, geht es in dieser Oper aber genau darum, um die Angst der Männer, nicht nur der Kleriker, vor der weiblichen Sexualität. Auch heute werde der Frauenkörper als Waffe missbraucht, im Krieg und auch im Netz, wo inszenierte Shitstorms die Scheiterhaufen entfachen. Weggesperrt im Kloster sind Jeanne und die Ursulinen für ihn Opfer, die benutzt werden, um Grandier zu zerstören. Opfer, die zu Henkern werden.

Nicht nur inhaltlich, auch szenisch ist Stone also enorm gefordert, denn Pendereckis Musik gibt rasant schnelle Schnitte vor. Manche der Szenen sind nur eine Minute lang. Weshalb er sich von seinem Bühnenbildner Bob Cousins einen weißen Wunder-Kubus hat bauen lassen, der alles sein wird: Kirche, Gefängnis, Stadtplatz. Oper kommt hier der Filmmusik schon sehr nahe. Hollywood hat sich gern bedient bei Penderecki, besonders das Horrorgenre. Klangfetzen und Tonbüschel aus "Loudun" hört man in William Friedkins "Der Exorzist" (1973); auch in Kubricks "Shining" (1980) und später in "Twin Peaks" sorgen Pendereckis kreischende Violinen für Unbehagen.

Festspiel-Premiere: Krzysztof Penderecki hat bedeutende Musikwerke hinterlassen und einen Wald mit 1500 Baumarten in seinem Arboretum im polnischen Lusławice; er starb am 29. März 2020 im Alter von 86 Jahren.

Krzysztof Penderecki hat bedeutende Musikwerke hinterlassen und einen Wald mit 1500 Baumarten in seinem Arboretum im polnischen Lusławice; er starb am 29. März 2020 im Alter von 86 Jahren.

(Foto: Diego Azubel/dpa)

Schon in den Sechzigerjahren hatte der Pole der Avantgardisten- Kameradschaft in Darmstadt oder Donaueschingen den Rücken zugewandt, um fortan, munter eklektisch, sein eigenes Ding zu machen. So hört man in den "Teufeln" neben stechend dissonanten Akkord-Clustern auch spätromantische Harmonik, Gregorianik, Sprechgesang. Knapp zwei Stunden "Höllenspektakel" verspricht Vladimir Jurowski, der die Oper ("eines meiner Lieblingswerke") in Dresden erstmals dirigierte, da war er Ende 20. Die Proben seien aufreibend gewesen für ihn und das Staatsorchester, das aufhören musste, sich gegen das Material zu sträuben. Zudem ist im Graben großes Stühlerücken angesagt, anstelle der üblichen Gruppen mit 1. und 2. Violinen gibt es zwanzig eigene, individuelle Stimmen, alle sitzen auf der linken Seite, die Bläser rechts, unter anderem vier Saxofone, sechs Hörner, vier Posaunen, zwei Tuben und jede Menge Schlagwerk, eine E-Gitarre, ein Klavier, das ebenso wie die Harfe mit allen möglichen Werkzeugen traktiert wird, zudem noch ein Harmonium, eine Orgel, zwei Chöre. Großes, wildes Klangbesteck.

Als in München 1970 der Vorhang für die "Teufel" fiel, gab es laut SZ-Kritiker "Buhrufe von ungewöhnlichem Ingrimm", die am Ende aber in "zu Orkanstärke angewachsenen Beifallskundgebungen" untergingen. Die satanische Oper, damals hat sie den Münchnern wohl irgendwie gefallen.

"Die Teufel von Loudun", Premiere 27. Juni, 19 Uhr, Bayerische Staatsoper, weitere Vorstellungen im Juni und Juli, Infos unter wwww.staatsoper.de

Die Bayerische Staatsoper meldet eine Umbesetzung: Wolfgang Koch, der die Partie des Grandier singen sollte, muss die Premiere leider krankheitsbedingt absagen. Die Oper Die Teufel von Loudun wurde seit der Uraufführung erst wenige Male aufgeführt, was die Auswahl an Sängern, die die Rolle in ihrem Repertoire bereits erarbeitet haben, schwierig gestaltet hat und zu einer außergewöhnlichen Lösung geführt hat: Robert Dölle, aus dem Ensemble des Residenztheaters, wird die Partie des Grandier szenisch darstellen. Jordan Shanahan singt die Partie von der Seite der Bühne.

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