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Fernwärme und Fernkälte:München buddelt fürs Klima

Entlang der Metzgerzeile am Viktualienmarkt verlegen die Stadtwerke seit Juni zwei Leitungen untereinander.

(Foto: 01.09.2020)

Die vielen Baustellen erhitzen zwar die Gemüter - doch die Stadt hofft, mit den neuen Energieleitungen die Kohlendioxid-Emissionen erheblich zu senken.

Von Andreas Schubert

Das Ziel ist ein hehres: Bis zum Jahr 2035 will die Stadt klimaneutral werden. Einen beträchtlichen Anteil daran haben die Stadtwerke (SWM) als Energieversorger. Und die arbeiten mit Hochdruck daran. So bauen die SWM das Netz an Fernwärme und Fernkälte in der Stadt kontinuierlich aus. Das bedeutet aber auch, dass im ganzen Stadtgebiet immer wieder Straßen aufgerissen werden müssen, was für Umleitungen und Absperrungen sorgt und den Verkehr teilweise erheblich einschränkt.

Die aktuellen Baustellen sind auf der Homepage der Stadt München einzeln aufgelistet. Wer als Suchbegriff Stadtwerke eingibt, landet hier derzeit 54 Treffer. Derzeit graben die SWM für Kälte- oder Wärmeleitungen, Strom-, Wasser- und Gasleitungen. Vor allem für die Fernkälte buddeln die SWM derzeit viel.

Dass die Bauarbeiten auch zu Problemen führen können, ist vor allem am Viktualienmarkt zu beobachten. Dort, direkt vor der Metzgerzeile, wird seit Juni eine Fernkälteleitung verlegt. Genauer genommen sind es zwei, eine für die Anlieferung des kalten Wassers zu Gebäuden in der Innenstadt, eine für die Rückführung des Wassers zur Kältezentrale. Weil an dieser Stelle sehr wenig Platz ist, werden die Leitungen untereinander verlegt.

Den noch verbliebenen knappen Straßenraum müssen sich Radler und Fußgänger teilen. Doch was vorher eine für Radler geöffnete Fußgängerzone war, ist nun unterteilt in Radweg und Gehweg - und wer den Radweg zu Fuß quert, lebt gefährlich. Wie aus der Stadtverwaltung zu hören ist, hat diese Lösung schon zu zahlreichen Beschwerden geführt.

Für Radfahrer ist die Verbindung wichtig - für Fußgänger derzeit gefährlich

Dem für die Verkehrssteuerung zuständigen Kreisverwaltungsreferat (KVR) ist das Problem bewusst. Bereits in den ersten Planungsgesprächen für die Baustelle sei die Führung der Fahrradfahrer und Fußgänger das Kernthema gewesen. Aber: Am Viktualienmarkt sei die einzige Radquerung der Altstadt für den Radverkehr, die nicht unterbrochen oder sinnvoll umgeleitet werden könne, teilt die Behörde mit. Aufgrund der engen Platzverhältnisse und den Erfordernissen der Baustelle und auch der Markstandbetreiber gebe es am Viktualienmarkt keine verkehrliche Lösung, die als wirklich optimal zu bezeichnen sei.

Das KVR ist nach eigenen Angaben aber zusammen mit den SWM, der Baufirma und der Polizei immer wieder an Ort und Stelle, um die Situation zu kontrollieren und die aktuelle Baustellenbeschilderung anzupassen. Grundsätzlich, so das KVR, seien hier aber alle Verkehrsteilnehmer gefordert, die Grundregel des Straßenverkehrs zu berücksichtigen und aufeinander Rücksicht zu nehmen.

Das große Kältenetz

Fernkälte dient dem Klimaschutz und funktioniert wie ein Kühlschrank: Wasser wird zentral abgekühlt und über eine Rohrleitung an die Kunden geliefert. Dort nimmt es Abwärme aus der Gebäudeklimatisierung auf. Anschließend wird es über eine zweite, parallel verlaufende Leitung wieder Kälteerzeugung zugeführt, wieder abgekühlt und den Kunden erneut zur Verfügung gestellt. Aktuell läuft eine umfangreiche Maßnahme zur Anbindung des Fernkälte-Innenstadtnetzes an die künftige Fernkältestation am Heizkraftwerk Süd. Dort entsteht bis Ende 2021 eine große Fernkältezentrale, für deren Betrieb die Energie aus der dortigen Geothermie- und Kraftwärmekopplungsanlage genutzt werden kann. Im Endausbau (circa 2029) sollen dort dann rund 36 Megawatt Kälteleistung zur Verfügung stehen. Damit deckt die Anlage das prognostizierte Fernkälte-Kundenpotenzial der kommenden Jahre für die Münchner Innenstadt ab. Zum Vergleich: Eine Klimaanlage für ein Bürogebäude hat zwischen 100 und 500 Kilowatt. Die Stadtwerke (SWM) nutzen zur Kälteerzeugung auch Grundwasser und unterirdisch verlaufende Stadtbäche. Diese kühlen direkt oder werden zur Rückkühlung zentraler Kälteanlagen genutzt. Dies birgt theoretisch die Gefahr, dass sich die Bäche aufheizen und so für Fische zu warm werden. Doch die SWM versichern, dass es sich bei der Fernkälte um ein geschlossenes System handle, und es deswegen keinen Eingriff in die Wasserökologie gebe. Seit 2011 betreiben die SWM ein etwa 14 Kilometer langes Fernkältenetz in der Münchner Innenstadt. In den Untergeschossen des Stachusbauwerks befinden sich zwei Kältezentralen, eine weitere am Odeonsplatz. Am Stachus tragen zudem neun große Eisspeicher dazu bei, aktuell nicht genutzte Kälte für Verbrauchsspitzen am Folgetag bereitzustellen. Mehr als 75 Hotels, Bürogebäude und Warenhäuser sind im Zentrum an die Fernkälte angeschlossen, weitere werden folgen. Allein im Münchner Innenstadtbereich liege das Kältepotenzial bei mindestens 150 Megawatt, schätzt die SWM. Mit Fernkälte könne die dafür benötigte Energie wesentlich klimaverträglicher zur Verfügung gestellt werden - so würden schätzungsweise rund 25 000 Tonnen CO₂ pro Jahr eingespart. schub

Auch an anderen Stellen wird es eng, wenn auch weniger problematisch: Die rund fünf Kilometer lange Kälte-Transportleitung wird vom Heizkraftwerk in der Schäftlarnstraße durch die Lagerhaus-, die Dreimühlen-, die Reifenstuelstraße und Thalkirchner Straße zur Zenettistraße verlaufen, weiter durch Tumblinger- und die Kapuzinerstraße zur Lindwurmstraße, via Kaiser-Ludwig-Platz durch die Herzog-Heinrich- und die Paul-Heyse-Straße zur Schwanthalerstraße und durch diese bis zum Anschluss ans Innenstadtnetz am Stachus.

Oft fließt der Verkehr nur noch in eine Richtung - und Parkplätze fehlen

An mehreren Stellen kann der Verkehr nur in eine Richtung fließen. In der Schwanthalerstraße, der Herzog-Heinrich-Straße und einem Abschnitt der Kapuzinerstraße gelten bereits Einbahnregelungen. Anfang nächsten Jahres gilt dies auch für die Thalkirchner Straße. Dass dadurch auch Parkplätze wegfallen, ist für Anwohner in dicht besiedelten Gegenden wie der Isarvorstadt ein Ärgernis. So sind in der Reifenstuel- und Dreimühlenstraße bis Dezember etwa 70 Parkplätze weggefallen - in einer Gegend mit extrem hohen Parkdruck. Doch einen Ersatz konnten die Stadt und die SWM hier nicht schaffen.

Es gäbe da noch die Firma Lidl, die eine große Parkfläche im Dreimühlenviertel hält. Die Anwohner könnten sie nutzen, zum Beispiel nachts. Das Unternehmen habe eine Freigabe für die Allgemeinheit jedoch abgelehnt, so ist es aus dem KVR zu hören. Dort hat man für die Ablehnung sogar Verständnis: "Die Eigentümer hätten dann auch zur Nachtzeit die Verkehrssicherungspflicht für diese Flächen, was haftungs- und versicherungsrechtlich für diese problematisch sein kann", schreibt die Behörde.

Die Fernkältearbeiten dauern noch bis mindestens Herbst nächsten Jahres an. Was für Verkehrsteilnehmer stressig ist, kommt allerdings dem Klima zugute: Nach Angaben der SWM wird der CO₂-Ausstoß, den vorher Klimaanlagen verursachten, durch die neue Leitung um 70 Prozent reduziert.

© SZ vom 07.09.2020/infu
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