SZ-Serie: Münchens Bäume, Teil 2„Wir müssen die Bäume vor uns selbst schützen“

Lesezeit: 3 Min.

Florentine Schiemenz vor einem Baum im Garten an der Lindenschmitstraße.
Florentine Schiemenz vor einem Baum im Garten an der Lindenschmitstraße. Florian Peljak

Florentine Schiemenz ist Baumschutzbeauftragte im Bezirksausschuss Sendling. Sie misst jedem Baum einen großen Wert zu - und wünscht sich das auch von Behörden.

Von Bernd Kastner und Sebastian Krass

SZ bei Google bevorzugen

Was ein Baum für sie bedeutet? Kurz zögert Florentine Schiemenz, dann sagt sie: „Ein Baum hat für mich ein Selbstrecht.“ Sie wisse, dass viele Menschen diese Einstellung nicht verstünden und nicht teilten, aber egal. „Ich halte es für nicht vertretbar, wie Menschen auf die Idee kommen, über Leben und Tod eines Baumes zu entscheiden.“

Florentine Schiemenz, 49, ist Baumschutzbeauftragte im Bezirksausschuss Sendling. Weil in Untersendling eine viel diskutierte Baustelle starten soll, im Garten der Lindenschmitstraße 25, weil Schiemenz die Hausbewohner unterstützt, die sich für die alten Bäume dort einsetzen, ist sie in der Baumschutz-Szene Münchens bekannt geworden. Kürzlich sprach sie bei einer Demo in der Königinstraße am Englischen Garten, auch da zugunsten bedrohter Bäume.

„Ich bin ein ökologisches Wesen“, sagt sie. Alle Lebewesen seien voneinander abhängig, „alle Lebensräume hängen miteinander zusammen“. Warum, fragt sie, maße sich der Mensch an, „über andere Lebewesen und Arten zu entscheiden?“

Früher, erinnert sie sich, hätten sich viele angegriffen gefühlt, wenn sie einfach nur erwähnt habe, dass sie ihr Auto abgeschafft habe und aufs so geliebte Snowboarden verzichte. Inzwischen erlebe sie diese Reaktion kaum mehr, woraus sie folgert, dass sich im Denken vieler Menschen etwas geändert habe. Das Wissen über Klimawandel, Artensterben und bedrohte Biodiversität wirke langsam. „Ermutigend“ sei das.

Im Bezirksausschuss, sagt sie, wüssten alle um ihre Einstellung. In das Gremium kam sie erst Anfang 2025, als Nachrückerin für die ÖDP; im März wurde sie wiedergewählt. Den Job als Baumschutzbeauftragte habe sie vermutlich auch deshalb bekommen, weil er nicht sonderlich beliebt sei. Schiemenz sagt, sie habe sich erst zurechtfinden müssen im unübersichtlichen Feld zwischen Baum und Bauantrag.

Hier Anwohner, die Bäume erhalten, dort Bauträger, die fällen wollen; hier der Bezirksausschuss mit sehr begrenzten Rechten im Baumschutz, dort die Stadtverwaltung als maßgeblichem Akteur. Und darüber Gesetze und Regeln von Stadt, Bund und Europa. Sie versuche oft, aufgeregten Bürgern, die um einen bestimmten Baum bangen, Konstellation und Vorgaben darzulegen. Gerne bringe sie diese mit den Baumexperten beim Bund Naturschutz (BN) und dem Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) in Kontakt. So bilde sich nach und nach ein Netzwerk von Baumfreunden.

Sie selbst hat einen ungewöhnlichen beruflichen Werdegang hinter sich, als Kunstpädagogin, als Bäckermeisterin, als Personalreferentin und Changemanagerin. Das Wissen um Bäume eigne sie sich ehrenamtlich an, sie arbeite mit Fachleuten beim BN zusammen und schaue sich jeden Baum, der auf die Tagesordnung des BA komme und gefällt werden solle, selbst an und frage nach: Warum soll er weg? Was ist dort geplant?

Bewohner der Lindenschmitstraße 25 wehren sich gegen die Fällung von Bäumen im Innenhof, die drei Häusern weichen sollen.
Bewohner der Lindenschmitstraße 25 wehren sich gegen die Fällung von Bäumen im Innenhof, die drei Häusern weichen sollen. Foto: Robert Haas

Im Falle der Lindenschmitstraße habe das Miteinander diverser Akteure gewirkt, erzählt Schiemenz. Ein Gericht hat die vorgesehene Fällung von fünf teils alten Bäumen im Garten vorerst gestoppt. Das Hauptsacheverfahren aber läuft. Wann das Gericht eine Entscheidung trifft und ob sie pro oder contra Fällung ausfällt, ist offen. Besiegelt sei der Erhalt also noch nicht, betont Schiemenz.

Es gab in den vergangenen Monaten einen zweiten vergleichbar aufsehenerregenden Fall: An der Königinstraße 24, wo Schiemenz auf der Demo auftrat, hatte der Eigentümer bei der Stadt eine Fällgenehmigung für drei Eschen erlangt. Auch gegen diesen Bescheid gab es eine Klage. Und auch hier stoppten Richter die Fällung vorläufig. Gerade erst Mitte Mai hat die zuständige Kammer ein neues Baumgutachten in Auftrag gegeben. Bisherige Expertisen waren zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Auch hier ist eine Gerichtsentscheidung noch nicht absehbar.

Die zwei Etappensiege basieren jeweils vor allem auf Verbandsklagen des Vereins „Wildes Bayern“. So sehr sie sich darüber freue, so befremdlich finde sie, dass der Erhalt wertvoller Bäume von ehrenamtlichem Engagement abhänge. Der Wert dieser Gewächse, für die Umgebung wie fürs Klima, müsse viel stärker als bisher ins Handeln der Verwaltung implementiert werden.

Überhaupt, die Verwaltung. Diese beschäftige sie sehr, sagt Florentine Schiemenz, verbunden mit der Frage, welchen Ermessensspielraum eine Behörde habe: „Wenn es ihn gibt, erwarte ich von der Verwaltung, dass sie ihn maximal zugunsten der Klimaziele nutzt.“ Die Liste der städtischen und staatlichen Behörden, die sich um Bäume kümmern, ist lang: Klima-, Bau-, Planungs-, Mobilitätsreferat, Wasserwirtschaftsamt, Bauämter.

Sie wünsche sich auch, sagt Schiemenz, dass die Menschen in den Ämtern mehr miteinander sprechen, sich austauschen, um noch mehr zur lernenden Organisation zu werden, im Sinne der Klimaresilienz. Vom neuen grünen Oberbürgermeister Dominik Krause erwarte sie, dass er sich auf politischer Ebene auch genau dafür einsetze: für den amtlichen Spielraum zugunsten der Bäume.

Bäume machen die Stadt in Hitzesommern erträglicher

Krause hat 50 000 neue Wohnungen versprochen, und die brauchen viel Platz. Also werden zwei Ziele künftig wohl noch stärker kollidieren, Wohnen und Klimaresilienz. Schiemenz appelliert an die Verwaltung, sensibler mit Bäumen umzugehen. Sie machten die Stadt für kommende Generationen auch in Hitzesommern erträglicher. „Wenn ich keinen Planeten mehr habe, der bewohnbar ist, brauche ich auch keine Wohnungen mehr.“

Man spürt, wie Florentine Schiemenz innerlich pendelt. Hier ihre Überzeugung – pro Baum, pro Natur, pro Klima. Dort das Wissen, dass es nötig und sinnvoll ist, auf andere zuzugehen, ihre Positionen anzuerkennen und immer wieder für Kompromisse zu werben, auch im Bezirksausschuss. Dort fühle sie sich sehr wohl, erlebe ein angenehmes Klima, über Parteigrenzen hinweg. „Große Wertschätzung“ erfahre sie für ihr Engagement für den Baumschutz.

Baumschutz? Über diesen Begriff stolpere sie immer wieder. „Wir müssen die Bäume vor uns selbst schützen“, sagt Florentine Schiemenz, das sei doch paradox. Sie spreche lieber von Verantwortung. Die habe jeder Mensch, für andere Menschen, und auch für Bäume.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Naturschutz
:Mal Freund, mal Feind – die Münchner und ihre Bäume

Bäume bewegen Menschen – deswegen sind sie immer wieder Streitthema. Woran entzünden sich Konflikte? Und warum verschwinden immer mehr, obwohl fleißig gepflanzt wird?

Von Bernd Kastner

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: