Nachhaltiges Bauen:Weg von der Häuser-Wegwerfgesellschaft

Das fordert der Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau, Norbert Gebbeken. Mit alternativen Materialien, Recycling von Schutt und Sanierung statt Abriss könnte ein gigantischer Beitrag für den Klimaschutz geleistet werden.

Von Jakob Wetzel

Ansätze gebe es schon, sagt Norbert Gebbeken. Zum Beispiel im Münchner Osten: Auf dem Gelände der früheren Prinz-Eugen-Kaserne ist gerade erst Deutschlands größte Holzbausiedlung fertig geworden. 570 Wohnungen sind dort entstanden, in acht Gebäuden, die aus mal mehr, mal weniger nachwachsenden Baustoffen bestehen. Und überhaupt der Holzbau: Nur zwei Kilometer Luftlinie entfernt, an der Richard-Strauss-Straße, baut sich die Bayerische Versorgungskammer ihre neue Zentrale, unter anderem einen Turm mit knapp 100 Metern Höhe. Die Rede ist von Holz-Hybrid-Bauweise, also einem Verbund von Beton und Holz. Derzeit herrsche geradezu ein Wettbewerb darum, wer das weltweit höchste Holzhaus errichte, sagt Gebbeken. Bislang liege der Rekord bei etwas über 80 Metern. Aber bei solchen Ansätzen dürfe es nicht bleiben.

Norbert Gebbeken ist Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau, und er nimmt seine Branche in die Pflicht für mehr Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Zwölf Forderungen hat er formuliert, sie richten sich an Ingenieure und Architekten sowie vor allem an Bauherren und den Gesetzgeber. Denn auch wenn hauptsächlich über die Verkehrswende und erneuerbare Energien diskutiert werde, sei die Baubranche für 35 bis 50 Prozent der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich, sagt Gebbeken. Das Bauen spiele eine gigantische Rolle für den Klimaschutz. Was umgekehrt heißt: Es liegt noch viel im Argen.

Es sind viele kleine Punkte, an denen in Gebbekens Augen anzusetzen wäre. Wenn er über Münchens Dächer blicke, sehe er viele ungenutzte Flachdächer ohne Grün, ohne Solaranlagen, sagt er. Es fehle zum Beispiel auch ein Kataster über sämtliche brachliegenden Flächen, auch die in Privatbesitz. Die Stadt müsse flexibler geplant werden, und sie sei nicht grün genug, dafür sei nach wie vor zu viel oberirdische Fläche für den Verkehr reserviert. Doch vor allem fordert Gebbeken, grundsätzlich umzudenken: weg von der Häuser-Wegwerfgesellschaft und hin zu einem sparsameren Umgang mit Bauwerken.

Das bedeutet zum einen, in Kreisläufen zu denken, also zum Bauen nachwachsende Rohstoffe zu nutzen und den Bauschutt möglichst komplett wiederzuverwenden. Und es heißt zum anderen, nicht nur die Energie in den Blick zu nehmen, die ein Bauwerk im Betrieb verschlingt, sondern auch die sogenannte Graue Energie, die unsichtbar in ihm steckt, weil sie zu seinem Bau nötig war und zu seinem Abriss und zur Entsorgung der Teile noch nötig sein wird. Dem Architekten Werner Sobek zufolge, einem der Initiatoren der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, geht es dabei meist um mehr Energie als ein Haus in der Zeit seiner Nutzung verbraucht. Wer diese Energie sparen will, muss mehr sanieren und darf weniger abreißen.

Die Bayerische Ingenieurekammer-Bau verfolgt dieses Ziel nicht erst jetzt, und sie ist mit dieser Forderung auch nicht alleine. Stadtplaner, Architekten und Ingenieure haben Manifeste verabschiedet, es gibt die Architects for Future, die sich für den Klimaschutz einsetzen, und auch der Bund Deutscher Architekten forderte 2019 in seinem Positionspapier "Das Haus der Erde" unter anderem eine "Kultur des Pflegens und Reparierens" anstelle von Abriss und Neubau. Im Grunde sei das Wesentliche bereits in der 1972 veröffentlichten Studie des Club of Rome "Die Grenzen des Wachstums" enthalten, sagt Gebbeken, die habe er als Student gelesen. "Aber für die Umsetzung brauchen wir Druck." Und so selbstbewusst die Staatsregierung auch auftrete: In den Nachbarländern, in Tirol, Vorarlberg, in Baden-Württemberg werde schon deutlich öfter mit nachwachsenden Rohstoffen gebaut, sagt Gebbeken. Der Freistaat Bayern hinke hinterher.

Positivbeispiele gibt es trotzdem, auch in München. Zum Beispiel in Freimann, wo unter anderem auf dem Gelände der früheren Bayernkaserne etwa 5500 Wohnungen entstehen sollen. In einem Modellprojekt will die Stadt dort den Schutt der Kasernengebäude recyceln. 600 000 Tonnen Baumaterial wolle man vor Ort wiederverwenden, heißt es - das entspricht der Hälfte des insgesamt anfallenden Schutts und etwa einem Sechstel dessen, was für die Neubauten gebraucht wird. Zudem soll das 93 000 Lkw-Fahrten überflüssig machen. Im selben Projekt forscht die Hochschule München an Recycling-Beton, der komplett aus wiederverwendetem Material besteht. Bereits im April soll daraus ein Musterraum errichtet werden. Und erst in der vergangenen Woche regte die SPD im Stadtrat an, ein Kataster für in Gebäuden verwendete Baustoffe anzulegen, um Schutt in Materiallager zu verwandeln.

Die Stadt München hat sich vorgenommen, bis 2035 klimaneutral zu werden; um dieses Ziel auch beim Bauen zu erreichen, führt die Stadt viele einzelne Beispiele an. Die Begrünung von Flachdächern sei auch für private Bauherren oft schon Vorschrift, heißt es etwa vom Planungsreferat. Erhaltenswerte Gebäude versuche man bereits in Neubaupläne einzubinden, so etwa im Kreativquartier südlich des Olympiaparks. Es seien auch schon weitere Holzbausiedlungen wie im Prinz-Eugen-Park geplant. Im Gebäudebestand der Stadt seien aktuell bereits mehr als 200 Holzbauten, teilt das Baureferat mit. Speziell neue Kitas und Jugendfreizeitheime sollten als Holzbauten errichtet werden. Und wenn die Stadt selber baue, dann übererfülle sie die gesetzlichen Energiesparvorgaben bereits um 25 Prozent.

Man wolle künftig bei allen Abbruch- und Bauprojekten der Stadt eine Kreislaufwirtschaft herstellen, heißt es vom Kommunalreferat. Einige Bauwerke nutze man auch schon flexibel, etwa das Parkhaus an der Occamstraße 20 in Schwabing: Hier dürfe die benachbarte Grundschule die Dachfläche als Sportplatz verwenden. Und das neue Mobilitätsreferat verweist beispielhaft auf das ebenfalls neue Parkhaus unter dem Thomas-Wimmer-Ring - wobei das Referat nicht einfach von einem Parkhaus spricht, sondern von einem "Mobilitätshotspot", weil es dort auch Stationen für Leihräder und E-Scooter gibt: Das Ziel ist, Autos zumindest aus der Altstadt herauszuhalten.

Positivbeispiele gibt es auch von privater Seite. An der Wamslerstraße in Trudering-Riem etwa baute die Schwaiger-Gruppe eine alte Sektkellerei in ein Bürogebäude um, statt sie abzureißen. Unvergessen ist auch, wie Aktivisten 2013 in einer Guerilla-Aktion mit prominenter Unterstützung eine Wohnung in einem städtischen Haus an der Müllerstraße 6 sanierten, das die Stadt eigentlich als unsanierbar abreißen wollte. Auch damals ging es um Nachhaltigkeit - auch wenn mehr der Ärger über die Gentrifizierung im Vordergrund stand als der Klimaschutz. Es war der erste Schritt zum heutigen Bellevue di Monaco, einem Kulturzentrum mit Wohnungen für Geflüchtete. Doch es sind Einzelbeispiele. Standard ist weiterhin der Abriss, ob auf der Schwanthalerhöhe, wo unlängst das alte Hacker-Pschorr-Bräuhaus abgebrochen worden ist, oder auch im Arabellapark, wo ab 2026 das Arabellahaus abgerissen und neu errichtet werden soll. Eine Sanierung ist dort laut Eigentümer wegen der schlechten Bausubstanz unmöglich.

Man könne tatsächlich nicht immer sanieren, deshalb müsse man immer den Einzelfall sehen, sagt auch Norbert Gebbeken. Doch das Grundproblem sei: Sanieren ist oft zwar möglich, aber deutlich teurer als ein Abriss mit Neubau. Bisher baue daher nur der klimabewusst, der das unbedingt wolle - und der es sich leisten könne. Um das zu ändern, müsse man einen Preis einführen für die Graue Energie in Gebäuden, meint Gebbeken. Und man müsse langfristig denken, ein neues Bewusstsein schaffen und Modellprojekte errichten, Fünf-Sterne-Hotels aus Lehm zum Beispiel oder Mustersiedlungen ohne Individualverkehr. "Das geht nicht in zehn Jahren. Aber vielleicht schaffen wir es in 50."

© SZ vom 22.03.2021/vewo
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