Cicchetti  & VinoEin Hauch Venedig in einem Münchner Keller

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Eine Auswahl an sechs unterschiedlichen Cicchetti gibt es für 12,90 Euro. Die Häppchen sind eine kleine Reise durch die Ideenwelt der Küche.
Eine Auswahl an sechs unterschiedlichen Cicchetti gibt es für 12,90 Euro. Die Häppchen sind eine kleine Reise durch die Ideenwelt der Küche.
Stephan Rumpf

Das Cicchetti & Vino in der Agnesstraße übersetzt die Kultur der venezianischen Bacari ziemlich überzeugend nach München: mit harmonisch gemixten Drinks, kreativen Häppchen und einer Weinkarte, die fast zu groß geraten ist.

Von Astrid Becker

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Der erste Blick fällt auf den Weinschrank. Flaschen reihen sich vom Boden bis fast zur Decke, als wäre man nicht in einem Kellerlokal in der Agnesstraße, sondern in einem Bacaro in Venedig. Dort gehören Weinregale so selbstverständlich zum Interieur wie die Cicchetti in der Auslage. Die kleinen Häppchen und das Glas Wein dazu sind in der Lagunenstadt untrennbar miteinander verbunden.

Genau diese Kultur wollten Alexandra Ehrlich und ihr Mann Gleb Khrushchenko nach München holen. Die beiden stammen aus der Ukraine, leben seit 2001 in Deutschland und entdeckten über Freunde im Veneto ein Venedig abseits von Markusplatz und Rialtobrücke: kleine Weinlokale, in denen man für ein Glas einkehrt, einen Happen isst – und meist länger bleibt als geplant. Seit November 2025 betreiben sie deshalb das Cicchetti & Vino.

Khrushchenko empfängt die Gäste mit ausgesuchter Freundlichkeit, nimmt Jacken und Mäntel ab, empfiehlt Weine und mixt Cocktails. Alexandra Ehrlich steht in der Küche. Ihre Leidenschaft gilt nicht nur dem Kochen, sondern auch dem Wein. Das zeigt sich vor allem an der fast etwas zu groß geratenen Flaschenweinkarte, die auf 14 Seiten eine beachtliche Auswahl versammelt, darunter etliche Flaschen kleinerer Winzer, die das Paar persönlich kennt und die man nicht an jeder Ecke bekommt.

Von der Azienda Vigne al Colle aus den Euganesischen Hügeln stammt etwa der naturtrübe „La Prima Volta Frizzante Ancestrale Sur Lies 2024“ für 25 Euro, ein trockener, leicht rauchiger Schaumwein mit feiner Perlage und Aromen von weißen Früchten und Brotkruste. Auffällig und anders als in Venedig: Es gibt zwar jede Menge italienische Weine, aber auch welche aus Frankreich oder Deutschland. Überschaubarer ist die Auswahl im Offenausschank, mit 0,2-Liter-Gläsern bis 12 Euro. Sie erleichtert den Einstieg, wirkt aber nicht ganz so spannend wie die ambitionierte Flaschenkarte.

Auch ein für ganz Italien typischer Negroni Sbagliato fehlt nicht, der „falsche Negroni“.
Auch ein für ganz Italien typischer Negroni Sbagliato fehlt nicht, der „falsche Negroni“.
Stephan Rumpf
Das Cicchetti & Vino befindet sich seit 2025 in einem Keller in der Agnestrasse, für laue Sommernächte gibt es aber auch Plätze im Freien.
Das Cicchetti & Vino befindet sich seit 2025 in einem Keller in der Agnestrasse, für laue Sommernächte gibt es aber auch Plätze im Freien.
Stephan Rumpf
Eine tiefgrüne Eigenkreation des Betreibers ist „Grüne Licht an der Frankreich-Italien-Grenze“ gemixt aus Papidoux Calvados VSOP, Marsala und Curaçao.
Eine tiefgrüne Eigenkreation des Betreibers ist „Grüne Licht an der Frankreich-Italien-Grenze“ gemixt aus Papidoux Calvados VSOP, Marsala und Curaçao.
Stephan Rumpf

An diesem Abend kommt erst einmal das „Grüne Licht an der Frankreich-Italien-Grenze“ auf den Tisch, eine tiefgrüne Eigenkreation des Betreibers für 9,50 Euro, gemixt aus Papidoux Calvados VSOP, Marsala und Curaçao. Das klingt erst einmal gewagt, ist aber fein austariert. Auch ein für ganz Italien typischer Negroni Sbagliato fehlt nicht, der „falsche Negroni“, bei dem Campari auf Vermouth Rubino und, anders als im echten Negroni, nicht auf Gin, sondern auf Prosecco trifft. Die Drinks sind durchweg stimmig gemixt, ohne unnötige Spielerei, und setzen den Ton des Abends womöglich verlässlicher als die ausufernde Weinauswahl.

Doch wie in den venezianischen Bacari sind die Getränke nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte heißt Cicchetti. Sechs Stück kosten 12,90 Euro und bieten eine kleine Reise durch die Ideenwelt der Küche. „Sarde e Limone“ verbindet Salzigkeit und Frische, „Peoci e Rabarbaro“ paart Muscheln mit der feinen Säure des eingelegten Rhabarbers, „Fragola e Basilico“ spielt mit scharf-salziger Erdbeere und Basilikum, „Mortadella mit Pesto“ schlägt einen aus Venedig vertrauten Ton an. Aber gerade die Mischung aus klassisch-italienischen Zutaten und unerwarteten Kombinationen macht den Reiz aus. Nicht jede Idee zündet dabei gleich stark. Manches wirkt eher neugierig komponiert als wirklich zwingend, etwa die mit Käse und Zitrone überbackenen Sardinen. Aber genau diese Lust am Ausprobieren hebt das Lokal, das für laue Sommerabende übrigens auch Tische im Freien hat, vom gefälligen Italien-Einerlei ab.

Natürlich liegt zwischen München und der Lagune noch immer eine Alpenkette. Doch das Cicchetti & Vino versucht gar nicht erst, Venedig nachzubauen. Es übernimmt vielmehr dessen schönste Idee: dass ein guter Abend mit einem Glas Wein oder einem Drink beginnt, mit ein paar kleinen Häppchen weitergeht – und oft viel später endet als geplant.

Cicchetti & Vino, Agnesstraße 2, Öffnungszeiten dienstags bis freitags, 17 bis 23 Uhr, samstags 17 bis 1 Uhr.

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