Money – „die dunkle Materie der Kultur“. So steht es geschrieben im Programmheft zu Host Club, der Tanzperformance von Yoshiko Wakis Ensemble „Bodytalk“. Was jetzt leicht kosmisch klingt, ist im Grunde ganz einfach: Ohne das Elementarteilchen Geld rotiert auf Dauer auch im schönen Sonnensystem der Künste nichts mehr. Nada. Stillstand.
Weshalb Tanztheatermacherin Yoshiko Waki ihr Publikum im Schwere Reiter in den Host Club einlädt (13. und 14. Februar). Ein Businessmodell aus ihrer japanischen Heimat, das vor allem in Tokios Rotlichtvierteln praktiziert wird, wo schneidige junge Männer teure Getränke und mehr anbieten, um den Umsatz des Ladens anzukurbeln. Irgendwie erschließt sich also, warum die Performance im Schwere Reiter erst für Zuschauer ab 16 Jahren freigegeben ist.
Was aber einen da genau erwartet? Der Untertitel „Last (Lust) Art Standing“ könnte eine Triggerwarnung sein. Auch, dass Waki mit Johann Kresnik und Christoph Schlingensief zusammengearbeitet hat. Und das Fazit der Kollegen von der Münsterschen Zeitung macht sowieso neugierig: „Bodytalk wären nicht Bodytalk, wenn sie sich auf pure Abbildung beschränken würden. Und wenn sie nicht Brüche einbauen würden. Mit zunehmendem Tanztempo kommt es zu immer mehr nackter Haut und eindeutigen Posen, bis das Ganze in einen Kampf aller gegen alle auszuarten droht.“
Und noch mal Schwere Reiter: Dort ist am 27. und 28. Februar mit Omar Rajeh ein echter „Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres“ zu Gast. Ein Ehrentitel par excellence, weil verliehen vom französischen Kulturministerium für seine Verdienste um den Tanz. Rajeh, den die Münchner schon von Arbeiten in der Muffathalle oder am Gärtnerplatztheater kennen, ist einer der eindrucksvollsten und einflussreichsten Choreografen des Nahen Ostens.

Im Libanon geboren, ausgebildet unter anderem in England an der Universität Surrey, gründete er 2002 in Beirut seine eigene Kompagnie namens Maquamat. Als unermüdlicher Netzwerker schuf Rajeh 2004 zudem die Beirut International Platform of Dance (BIPOD), mit der er dem zeitgenössischen Tanz in den arabischen Staaten zu mehr Sichtbarkeit verhelfen wollte. Als Mensch mit Visionen und Pragmatismus gelang ihm 2017 die Eröffnung der Citerne Beirut, eines innovativen Kulturzentrums. Auf Youtube kann man sich den unglaublich fixen Aufbau dieser Hallenkonstruktion ansehen, die allerdings nur gerade mal zwei Jahre stehen und leben durfte in dieser von wirtschaftlichen Katastrophen und politischem Chaos geprägten Stadt. Im August 2019 wurde sie wieder abgetragen, und Omar Rajeh verlegte sein Wirken nach Lyon, Frankreich.
„Welcome to my world“ heißt es nun im Schwere Reiter, wo Omar Rajeh, der selbst ein unglaublich mitreißender Tänzer ist, Einblick in seine choreografische Praxis und Körperarbeit gewährt. Begreift er den Körper doch als Zusammensetzung vieler Körper, in denen Schichten aus Erinnerung, Empfindung, Geschichte und Imagination miteinander in Beziehung treten. Wie schon im vergangenen Jahr beim Kunstfest Weimar, wo es eine interaktive Tanzperformance auf dem Theaterplatz gab, wird auch das Münchner Publikum an den beiden Abenden eher nicht still sitzen.

Weil das Bayerische Staatsballett für sein Februar-Programm wieder in der Mia-san-mia-Situation ist, mit dem Schild „Ausverkauft“ wedeln zu können, und die Kompagnie vom Gärtnerplatz erst im März und April einsteigt, lohnt einmal mehr der Blick in die Spielpläne der anderen bayerischen Staatstheater.
In Nürnberg beschwört der neue Ballettchef Richard Siegal mit Diaghilevs „Ballets Russes“ jene Geister, die den Tanz und eigentlich die Kunst an sich im frühen 20. Jahrhundert revolutionierten. Der kulturelle Hallraum ist hier enorm; man hört die großen Musiken von Igor Strawinsky, sieht die Kostüme von Pablo Picasso vor sich, den sinnlich charismatischen Vaslav Nijinsky, wie er sich in den Choreografien von Mikhail Fokine bewegt. Tumulte im Publikum, Saalschalten, Ohnmachtsanfälle. Tout Paris aus dem Häuschen.
Der Amerikaner Siegal wird aus seinem Kniefall vor dieser großen Epoche des Balletts natürlich etwas Neues entstehen lassen, sind doch mehr als hundert Jahre vergangen. Seine New Ballets Russes werden also den Geist der 2020er-Jahre atmen. Premiere ist am 21. Februar im Nürnberger Opernhaus.
Am Staatstheater Augsburg hat Choreograf Peter Chu ein Ballett zu Mozarts Requiem entwickelt. Ein erstaunliches Experiment ist das, denn zur Live-Musik der Augsburger Philharmoniker bewegen sich Solisten und Choristen und die Tänzer alle zusammen auf der Bühne. Vorstellungen gibt es am Standort Martini-Park am 12., 15., 20., 22. und 26. Februar.

