Welches Märchen wäre geeigneter für ein Ballett als das von einem Mädchen, das heimlich einen Ball besucht und dort seinen Schuh verliert? Kein Wunder, dass Sergej Prokofjews „Cinderella“ zu den Ballettklassikern schlechthin gehört. Viel seltener getanzt dagegen wird die Version, die nun am Gärtnerplatztheater zu sehen sein wird: das „Aschenbrödel“ von Johann Strauss, dessen 200. Geburtstag die Musikwelt in diesem Herbst feiert.
Komponiert hat es der Walzerkönig für die Wiener Hofoper, die heutige Staatsoper, auf ein für das Entstehungsjahr 1898 hochaktuelles Libretto. Aschenbrödel oder, wie das Mädchen bei den Brüdern Grimm heißt, Aschenputtel ist darin Näherin in einem Modeatelier, der ballgebende Prinz ein reicher Warenhausbesitzer. Strauss wünschte sich ein realistisches Sujet, ermittelt wurde es von einer Wiener Wochenzeitschrift mittels eines öffentlichen Preisausschreibens, an dem sich über 700 Einsender beteiligten. Doch bald darauf verstarb Strauss und hinterließ sein einziges abendfüllendes Ballett unvollendet.

„Es ist immer etwas Besonderes, wenn das man letzte Werk eines Komponisten realisiert“, sagt Karl Alfred Schreiner, der Ballettdirektor des Gärtnerplatztheaters, über seine neue Choreografie. „Sich vorzustellen, was der Komponist selbst noch daraus gemacht hätte, reizt einfach das Vorstellungsvermögen.“
Gereizt, wenn nicht überreizt wird das Vorstellungsvermögen zunächst von der Geschichte des Werks selbst, so abenteuerlich wie die Versuche des Prinzen, das richtige Mädchen zum verlorenen Schuh wiederzufinden. Nach dem Tod des Komponisten erstellte Josef Bayer, der Leiter des Wiener Hofopernballetts, aus den fertigen Teilen und hinterlassenen Skizzen ein tanzbares Stück. Doch Gustav Mahler, seinerzeit Hofoperndirektor, setzte die Uraufführung kurzerhand ab, nachdem er ohnehin nicht allzu viel von Strauss gehalten hatte.

Ausgerechnet am preußischen Hof dagegen begeisterte man sich für den Wiener Walzer, weniger allerdings für das Libretto. Weshalb Bayer für die Uraufführung 1901 in Berlin die fertige Partitur in fast hundert kleine Schnipsel zerlegte und zur gewünschten neuen Geschichte zusammenbastelte. In dieser Fassung wurde sie unter anderem 1999 in einer legendären Aufführung an der Wiener Staatsoper getanzt, für die der Modemacher Christian Lacroix die Kostüme entwarf.
Nur wenig später erschien in der Neuen Johann Strauss Gesamtausgabe eine Rekonstruktion der Urfassung, für die der Herausgeber Michael Rot die Schnipsel wieder in die möglichst originale Reihenfolge gebracht hatte. Sie liegt als einzige auch auf CD vor, eingespielt vom ORF Radio-Symphonieorchester beim verdienstvollen Label CPO.
Doch Aschenbrödels Geschichte bliebe unvollständig, wenn sich nicht noch ein paar böse Stiefschwestern einmischten. Denn Michael Rot hatte bei seiner Rekonstruktion keinen Zugriff auf die originalen Partiturseiten und Skizzen von Strauss, die eigentlich in der Wienbibliothek im Wiener Rathaus hätten liegen müssen. Dahin gekommen waren sie 1939 als „Geschenk“, das die Nazis der jüdischen Schwiegertochter von Johann Strauss abgepresst hatten. Bei einer Suche nach NS-Raubkunst in den Archiven einige Jahrzehnte später stellte sich allerdings heraus, dass etwa ein Viertel der Seiten fehlte.
In der Wienbibliothek deklarierte man daraufhin lieber gleich das komplette Konvolut als „im Krieg verloren“. Schließlich ahnte man, wer die fehlenden Autografe hatte mitgehen lassen: ausgerechnet ein ehemaliger Leiter der Musiksammlung, den man ohnehin aus anderen Gründen entlassen hatte. Das sollte die Öffentlichkeit nicht erfahren, geschweige denn die österreichische Polizei. Bewegung in die Sache kam erst wieder, als der Dieb die wertvollen Autografe über einen Mittelsmann zum Kauf anbot, zuerst in Coburg, dann in Köln, womit er das deutsche Bundeskriminalamt auf den Plan rief. 2010 konnte die deutsche Polizei in einem Kölner Auktionshaus mehr als sechzig Manuskriptseiten beschlagnahmen und damit auch die restlichen ausfindig machen.
Die abenteuerliche Geschichte hat den Regisseur Axel Ranisch zu einer freien Stückkreation angeregt, die Ende dieses Monats an der Wiener Volksoper herauskommt, „Aschenbrödels Traum“. In Wien feiert man den 200. Geburtstag des Walzerkönigs momentan besonders ausgiebig. Am Münchner Gärtnerplatztheater dagegen darf Aschenbrödel vorerst weiterhin in der etablierten, nicht besonders originalen Fassung von Josef Bayer träumen.

Zu ihr hat Karl Alfred Schreiner „eine emotionale Verbindung“, wie er im Gespräch sagt. An der Wiener Produktion von 1999 hatte er noch selbst als Tänzer mitgewirkt. Das Libretto findet dennoch auch er „nicht besonders gut gealtert“, es gebe „schon 1898 ein Beispiel für missglückte Aktualisierungen“. Weshalb Schreiner es erneut aktualisieren will, indem er etwa das Männer- und Frauenbild dem der Gegenwart annähert. Und dafür gleich noch ein paar Stücke aus anderen Werken von Strauss einbaut. Schließlich habe ein unvollendetes Werk auch seine Vorteile: „Man fühlt sich nicht so schlecht, wenn man es ein wenig umstellt.“ Ob so herum ein Schuh draus wird? Ballettfans dürfen gespannt sein.

