bedeckt München

München und der Bär:Lauf weg, solange es geht!

Der aus einem Kalksteinblock gehauene Korbiniansbär auf der Gebsattelbrücke in München.

Der aus einem Kalksteinblock gehauene Korbiniansbär auf der Gebsattelbrücke.

(Foto: Jan A. Staiger)

Ein neuer Bär geht um in Bayern, vermutlich sucht er ein passendes Revier. Man würde ihm gern München empfehlen, aber eigentlich ist die Stadt kein gutes Pflaster für ihn - ein Blick in die Geschichte.

Von Wolfgang Görl

Gut 13 Jahre nach Bruno, der im Spitzingseegebiet sein junges Leben lassen musste, hat wieder ein Bär die bayerische Grenze überschritten - ohne Genehmigung, ohne Ausweiskontrolle, also praktisch illegal. Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ist er in eine Fotofalle getappt. Seitdem gibt es ein Fahndungsbild, das den bayerischen Bärenabwehrkräften die Arbeit erleichtern würde, sollte die Staatsregierung zur Überzeugung gelangen, auch dieser Bär müsse standrechtlich erschossen werden. Wie schwierig Tiere zu identifizieren sind, war neulich im Landkreis Freising zu beobachten. Ein Taxifahrer rammte ein Wesen, bei dem bis heute nicht klar ist, ob es sich um einen Riesenhamster, ein Wildschwein oder einen Biber handelte. Nicht auszudenken, sollten die staatlichen Wildschützen statt des Bären einen Goldhamster erlegen - was nun wegen des Fotos halbwegs ausgeschlossen ist.

Ach Gott, gerne würde man den Bären in den Arm nehmen, mit ihm eine Flasche Met leeren und ihm zuflüstern: Lauf weg, solange es geht, in Bayern bist du deines Lebens nicht sicher! Und um ihn aller Illusionen zu berauben, hielte man dem Migrationsbären ein aktuelles Foto von Bruno vor die Nase. Ausgestopft steht er im Nymphenburger Museum "Mensch und Natur" vor Bienenstöcken, so als hätten ihn die Jäger seinerzeit beim Naschen ertappt, daneben eine Stellwand mit Zeitungen, die schildern, wie aus Bruno alias JJ1 ein Problembär wurde. Problembären sind eine neue zoologische Spezies, für die der Artenschutz vorübergehend außer Kraft gesetzt werden darf.

Experten sagen, dass der Bär, der sich jetzt in Bayern herumtreibt, wahrscheinlich auf der Suche nach einem passenden Revier ist. Tja, man würde ihm gern München empfehlen, aber eigentlich ist die Stadt auch kein gutes Pflaster für Braunbären. Nicht mal eine Gefährtin fände er hier, die Braunbärin Olga ist im Juni vergangenen Jahres im Tierpark Hellabrunn an Altersschwäche gestorben. Und die dortigen Eisbärinnen stehen nun mal nicht auf einen Kerl im braunen Pelz. Kirchenasyl wäre auch nicht ratsam, wie das Schicksal des Korbiniansbären zeigt, der in der Maxburgstraße als Bronzedenkmal verewigt ist. Zu Lebzeiten, so geht die Sage, hat dieser Bär das Lasttier des heiligen Korbinian gerissen, als dieser auf Pilgerreise nach Rom war. Korbinian, der Gründer des Bistums Freising, brachte den Bären zur Räson, belud ihn zur Strafe mit seinem Gepäck und zwang das Tier, die gesamte Bagage bis nach Rom zu tragen. Immerhin ließ er dort den Bären frei. Die Kirche ist mitunter doch barmherziger als die bayerische Staatsregierung.

Münchens berühmtester Bär neben Bruno steht in einer Vitrine im Literaturhaus. Er fletscht die Zähne, doch seine Haltung ist devot, zumal er dem Besucher eine Holzschale bittend entgegenhält. Wie Bruno ist er ausgestopft, und wie Bruno fiel er der Flinte eines Jägers zum Opfer, wahrscheinlich irgendwo in Sibirien vor 150 Jahren. Nach seinem Tod kam er als Hochzeitsgeschenk in die Beckergrube 52 in Lübeck, wo der Senator Thomas Heinrich Mann und seine Frau Julia lebten, die Eltern von Thomas Mann. Wie es den Bären in Lübeck erging, beschrieb Viktor Mann, der jüngste Sohn der Familie: "Da stand in der großen Diele zwischen den riesigen Mahagonischränken und der mächtigen Lübecker Truhe der ausgestopfte sibirische Braunbär aufrecht auf seinem schwarzen Sockel und hielt mit den scharf bewehrten Vordertatzen die dunkelrote russische Holzschale für die Visitenkarte."

Als die Witwe Julia Mann 1892 nach München zog, musste der Visitenkartenbär natürlich mit. Sohn Thomas erwarb in der neuen Heimat bald literarischen Ruhm, ebenso der Bär, der in den "Buddenbrooks" als Taufgeschenk fungiert. Thomas Mann nahm den Bären auch in seine Villa in der Poschinger Straße auf. Doch als der Schriftsteller 1933 gezwungen war, ins Exil zu gehen, trennten sich die Wege von Bär und Mann. Den heimatlosen Meister Petz ersteigerte der Geschäftsmann Josef Michael Matt und stellte ihn ins Schaufenster seines Lederwarengeschäfts in der Sendlinger Straße. Später war er dann in der Kreuzstraße zu bewundern, wo er zwischen Tüchern und Schwämmen im Laden von Matts Tochter Maria stand. Nach deren Tod endete seine Odyssee im Literaturhaus.

Ausgeweidet und ausgestopft kann ein Bär in München also durchaus zu Ehren gelangen. Lebende Bären sollten sich aber besser Richtung Berlin aufmachen, wo der Bär das Wappen ziert und pausenlos steppt. Seit Juni 1962 weist der Berliner Bär eingangs der Autobahn A 9 den Weg an die Spree. Um dort nicht unangenehm aufzufallen, könnte sich der bayerische Neubär einer der Wildschweinrotten anschließen, die den Grunewald heimsuchen. Niemand würde das merken.

© SZ vom 02.11.2019/mmo
Zur SZ-Startseite

Naturfotografie
:Die Geduld der Jäger

Ein Wald aus Aalen, orangefarbene Algen und ein Murmeltier, das unsanft aus seinem Winterschlaf gerissen wird: Das Natural History Museum in London hat die besten Natur-Fotos des Jahres ausgewählt.

Von Nora Ederer

Lesen Sie mehr zum Thema