Enrique Jiménez und Anmar Fadhil sitzen im Büro am Institut für Assyriologie und Hethitologie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und beugen sich über ein Blatt Papier. Es ist voll geschrieben mit winzigen Schriftzeichen. Die beiden haben in Rot und Grün einige Stellen markiert, da gilt es noch etwas zu klären. „Wo ist der Satz mit den Hasen?“, fragt Jiménez und schiebt das Blatt seinem Kollegen und Freund hinüber. „Da“, antwortet der und deutet mit dem Finger auf eine Lücke im Text. Keilschrift, geschrieben vor 3000 Jahren in Mesopotamien. Die beiden Forscher, der eine Spanier, der andere Iraker, gehören zu den wenigen Menschen auf der Welt, die diese Schrift und Akkadisch, die Sprache, in der der Text verfasst ist, flüssig lesen können.
Vor Kurzem ließ eine ihrer Entdeckungen die Fachwelt aufhorchen. Aus 30 Fragmenten setzten sie einen Text zusammen, eine Hymne auf Babylon, die ein unbekannter Autor damals in eine Tontafel geritzt hatte.
Der Euphrat, der die Stadt durchfließt, den schuf Nudimmud, der Weisheit Herr/ Bewässert die Ebene, durchtränkt das Röhricht/ Ergießt seine Wasser in Lagune und Meer./ Auf seinen Feldern blüht es und grünt’s/ Es schillern die Auen vor frischem Getreide …
„Es ist jedes Mal wieder aufregend, einen Text zu entschlüsseln, den 3000 Jahre lang niemand mehr zu Gesicht bekam“, sagt Jiménez. „Und ist das nicht wunderschöne Poesie?“, Fadhil kommt beim Rezitieren ins Schwärmen.
Babylon, im heutigen Irak gelegen, war damals wohl die größte Stadt der Welt, eine kulturelle Metropole. Das berühmte Gilgamensch-Epos ist dort entstanden. Griechische Geschichtsschreiber schwärmten später von den „Hängenden Gärten der Semiramis“, einem der sieben Weltwunder der Antike.
In dieser Hochphase des Stadtstaats entstand auch die Hymne auf Babylon, die die beiden Assyriologen jetzt entzifferten. Und sie gibt Einblick in eine versunkene Welt. „Dieser Text ist spektakulär“, sagt Jiménez, „denn er erzählt von der Gesellschaft der damaligen Zeit.“ Von Männern und Frauen, von Waisenkindern, Hebammen und dem Respekt gegenüber Ausländern. Von Vielsprachigkeit und Religionsfreiheit. Der Autor preist den Gott Marduk und den Tempel der Götter, der damals noch nicht so groß und prächtig war wie später, als die Juden vom „Turmbau zu Babel“ sprachen, um die vermeintliche Dekadenz der Babylonier anzuprangern.

„Durch diese Klassiker der Literatur verstehen wir die damalige Zivilisation“, sagt Jiménez. „Genauso wie wir mit Goethe und Schiller die deutsche Geschichte begreifen.“ Und dabei entdecken die Wissenschaftler durchaus Parallelen: So wie Schülerinnen und Schüler heute die deutschen Klassiker büffeln müssen, wurde auch diese Hymne tausendfach kopiert und auf Tontäfelchen an Schulkinder verteilt. „Sie mussten sie auswendig lernen“, ist sich Jiménez sicher. Auch Parodien auf die Mächtigen gab es schon. Mit jedem neuen Fragment tauchen die Forscher tiefer in die Gedankenwelt der Menschen zwischen Euphrat und Tigris vor 3000 Jahren ein. Gedanken, die später das Alte Testament, die griechische und römische Literatur beeinflussten.
Zeichen für Zeichen, Wort für Wort haben die beiden übersetzt, Lücken ergänzt, Satz- und Sinnzusammenhänge erschlossen. Eine Sisyphusarbeit, könnte man meinen. Doch nicht für die Assyriologen. Je länger man ihnen zuhört, wie sie sich die Bälle zuwerfen, gegenseitig ihre Schilderungen ergänzen, vom Suchen und Finden erzählen, desto mehr überträgt sich ihre Begeisterung.
Die Tontafeln stammen aus der antiken Bibliothek von Sippar, nahe des heutigen Bagdad. Einer Legende nach soll Noah, bevor er in die Arche stieg, sämtliche Schriften der mesopotamischen Literatur dort vergraben haben, um sie vor der Sintflut zu retten.
Die Bibliothek entdeckten Forscher der Universität Bagdad erst 1986. „Dann folgten der Krieg mit Iran, das jahrelange Embargo und die Isolation des Landes, die amerikanische Invasion 2003, der Terror des Islamischen Staats – die Forschung kam weitgehend zum Erliegen“, erzählen die Wissenschaftler. Doch die Zusammenarbeit zwischen der Universität Bagdad und der LMU mache jetzt große Fortschritte. Auch die Bayerische Akademie der Wissenschaften ist beteiligt. Jedes Jahr kommen Nachwuchswissenschaftler aus Bagdad nach München.
Den entscheidenden Durchbruch brachte die Künstliche Intelligenz. „Electronic Babylonian Literature“ heißt das Projekt, das der Spanier ins Leben rief, als er 2017 mit einem Forschungspreis der Humboldt-Stiftung aus Madrid nach München kam. Er entwickelte gemeinsam mit Computerlinguisten eine Datenbank, in die alle gefundenen Fragmente als Bilddateien eingespeist werden. Dann trainierte er einen Algorithmus, der die Textstellen vergleichen kann. Dafür musste er dem Programm erst das akkadische Lexikon beibringen, „und alle möglichen Lesarten, die diese Sprache beinhaltet“.

Seither fliegen die babylonischen Verse zwischen München und Bagdad hin und her. „Wenn einer von uns nicht weiter weiß, hat der andere eine Idee“, sagt Fadhil. „Früher saßen Forscher Jahrzehnte im Museum, haben Zeichen um Zeichen auf Papier nachgezeichnet, Tonscherbe um Tonscherbe verglichen. Sie wurden ihr Leben lang nicht fertig. Jetzt brauchen wir nur Sekunden, um Textstellen zu finden, die zusammengehören.“ Jiménez lacht: „Unsere Vorgänger würden sich im Grab umdrehen, wenn sie sähen, wie leicht das jetzt geht.“

Über die Jahre gemeinsamer Arbeit wurden Jiménez und Fadhil Freunde. „Wir haben beide ein südliches Temperament“, sagt der eine, „und den gleichen Sinn für Humor“, meint der andere. Kennen lernten sie sich in Heidelberg. Jiménez hatte Griechisch, Latein und Hebräisch in Madrid studiert, dann aber sein Interesse an der Assyriologie entdeckt. „Platon kennt jeder. Aber die sumerischen oder akkadischen Texte sind jedes Mal Neuland.“ 2013 wurde er an der Complutense Universität in Madrid mit einer Arbeit über „Das Bild der Winde in der babylonischen Literatur“ promoviert. In Yale und Heidelberg war er zu Forschungsaufenthalten. An der LMU hat er die Professur für Altorientalische Literaturen.
Fadhil kam schon als Kind nach Heidelberg, denn sein Vater war auch Assyriologe und mehrmals zu Forschungszwecken in Deutschland. Fadhil trat in seine Fußstapfen und ist heute Leiter der Archäologischen Abteilung der Universität Bagdad. Wenn er nach München kommt, sitzt er von früh bis nachts in der Bibliothek. „Ich muss die Zeit nutzen. Denn solche tollen Bedingungen wie ihr hier haben wir in Bagdad nicht.“ Im Sommer, wenn die Temperaturen monatelang 40 Grad oder mehr erreichen, schließt die Universität am Nachmittag, erzählt er. Oft gibt es nur vier Stunden Strom am Tag. „Dann muss man Strom von privaten Anbietern kaufen, damit man zu Hause wenigstens ein Zimmer kühlen kann. Da sitzen dann alle zusammen. Konzentriert arbeiten ist da schwierig.“ Trotzdem sei Bagdad eine tolle Stadt. „Ich liebe Bagdad“, sagt auch Jiménez, „die Menschen sind so offen und herzlich. Aber ohne Siesta hält man es nicht aus. Es ist wie in Spanien: Nachts sind alle auf der Straße.“
Eins habe ihm Fadhil voraus: Er spreche als Iraker genauso gerne in Metaphern wie die alten Babylonier. „In Bagdad sagt keiner einfach: Guten Tag. Da heißt es: Ich wünsche dir ein Erhellen des Morgens“, der Spanier lacht. „Und niemand fragt: Wie geht's? So ein unpersönliches Neutrum“, erklärt Fadhil. „Wir fragen: Welche Farbe hast du heute?“ Der Teint sage doch viel mehr über das Wohlbefinden.
Er legt das Blatt mit den Hasen und den Wölfen zur Seite. Es gehört zu einem neuen Text, den sie gerade entziffern. Ein paar Lücken müssen sie noch schließen. Was wollte der Autor wohl damit sagen, wenn er schrieb: „Einst, wenn die Welt sich umkehrt, werden die Hasen die Wölfe vertreiben. … Und der kleine Vogel wird den Adler verjagen.“ Eine Vision für Frieden?
Jedenfalls gefällt ihnen diese Stelle besonders gut, da sind sie sich einig. „Und wir hoffen, dass wir auch in 30 oder 40 Jahren noch zusammen forschen dürfen“, sagt Jimenez. „Klar“, sagt Fadhil, „das machen wir.“

