Süddeutsche Zeitung

Bab Al Yemen:Wie ein Urlaub im Orient

Das Lokal Bab Al Yemen in der Landwehrstraße bietet authentische arabische Gerichte mit vielen Küchenklassikern.

Von Marcelinus Sturm

Große Städte sehen an manchen Stellen so aus, als wären sie andere Städte. Wenn man gerne postkoloniale Vorurteile pflegt, könnte man den Münchner Hauptbahnhof von der Bayerstraße aus auch für irgendein Ministeriumsgebäude in Daressalam halten. Wegen der Fassade, die aussieht, als habe sie gerade einen Wüstensturm überstanden, worauf die kreuz und quer herumhängenden, schiefen Lamellenjalousien hindeuten. Schon mit etwas mehr Recht wird die Gegend um die Landwehr- und Schillerstraße herum "Klein-Istanbul" genannt. Türkische und arabische Supermärkte, Bars und Cafés liegen hier dicht nebeneinander, und seit Kurzem gibt es ziemlich am Anfang der Landwehrstraße ein jemenitisches Restaurant.

Bab Al Yemen heißt es, Tor zum Jemen, in großen goldenen Lettern steht es über dem Eingang. Man liest das mit gemischten Gefühlen; schließlich herrscht im Jemen seit acht Jahren ein grauenhafter Bürgerkrieg, die Vereinten Nationen sprechen von der "größten humanitären Katastrophe unserer Zeit". Das lässt vergessen, dass das Land am Südwestende der arabischen Halbinsel seit jeher berühmt ist für seine Küche und schon früh ein Zentrum des Gewürzhandels war. Dieser Ruf hilft auch dem Münchner Lokal: Ein Großteil der Gäste hier ist anscheinend arabischstämmig, viele Familien kehren hier ein, auch der eine oder andere Tourist aus dem Bahnhofsviertel findet sich hier. Besonders am Abend herrscht reger Betrieb, und als Fremder fühlt man sich hier sofort wie im Urlaub im Orient.

Die Service-Kräfte sehen aus, als würden sie sich gleich an den Tisch nebenan setzen, sie arbeiten in Freizeitkleidung. Aber sie sind so unaufdringlich freundlich und geduldig, wie man es sich in vielen Restaurants der Stadt nur wünschen würde. Es dauert nicht lange, bis sie vor einem stehen, die dünne Plastikfolie, die als Tischdecke dient, über die braune Resopaltischplatte streichen und die dicke Speisekarte überreichen. Und schon geht's los!

Der jemenitische Salat (6,00 Euro) ist hier nichts anderes als unser gemischter Salat, dazu gibt es allerdings noch Sahawiq, eine fruchtig-scharfe, aber sehr erfrischende Sauce aus Paprikaschoten, Tomaten, Knoblauch, Koriander und anderen Gewürzen. Die gibt es aber zu beinahe jedem Gericht, ohne sie gilt eine jemenitische Mahlzeit mutmaßlich als unvollständig. Fatousch (7,00), der arabische Brotsalat, ist ursprünglich eine Art Resteessen gewesen. Man hat dazu die nicht gegessenen Brotstücke einfach frittiert und mit grünem Salat, Tomaten, Zwiebeln und anderem vorhandenem Gemüse vermischt. Im Bab Al Yemen handelt es sich um besonders dünnes Brot, das nach dem Frittieren ein karamelliges Braun angenommen hat, es erinnert ein wenig an Cornflakes und macht den Salat schön knusprig.

Der Renner im Bab Al Yemen ist zweifelsohne das Hähnchen Mandi (13,50), ein veritabler Klassiker der arabischen Küche. Das Huhn wird dabei vor dem Braten über Holzkohle mit einer speziellen Mischung aus Olivenöl, Limettensaft und etlichen Gewürzen mariniert - wir schmeckten Kardamom, Kreuzkümmel, Paprika und Tomatenmark, Kurkuma, Koriander und Nelken heraus (ohne Gewähr). Das Mandi-Lamm (16,00) heißt ähnlich, schmeckt aber ganz anders und erinnert ein wenig an Ossobuco.

Überhaupt werden Lamm und Kalb gerne geschmort, die Vielfalt der verwendeten Gewürze macht meist den Unterschied aus. Sehr gut gefiel uns auch das Haneeth-Lamm (20,00), das mit einer anderen Gewürzmischung zubereitet wird, die länger auf das sehr langsam im Ofen gebackene Fleisch einwirken kann. Zu den meisten Gerichten gibt es Unmengen von Reis in der arabischen Langkorn-Version, oft verschieden eingefärbt mit Kurkuma oder Paprika und Tomate.

Saltah (13,00), ein weiterer Klassiker der jemenitischen Küche, ist auch optisch ein Hingucker. Das Gericht aus Rind- oder anderen Fleischstücken und diversen Gemüsesorten kommt im heißen Steintopf und brodelnd auf den Tisch, und man tut gut daran zu warten, bis sich der Dampf verzogen hat. Macht was her und schmeckt - gewürzt mit Koriander und Bockshornklee - einfach fantastisch. Dazu gibt es Maulawah-Brot (2,00), sehr ähnlich dem indischen Naan.

Überraschend für deutsche Esser, die ihre Kenntnisse der Orientküche über Yotam Ottolenghi und Haya Molcho gewonnen haben: Die arabische Version von Shakshuka (11,00) besteht nicht aus gestockten Eiern in Tomaten-Paprika-Sauce - es handelt sich vielmehr um eine Art Omelette mit Rührei. Aber zur kulinarischen Horizonterweiterung sind wir ja schließlich auch hier hergekommen. Und sind sehr überrascht, wie vielseitig die arabische Alltagsküche sein kann.

Das gilt auch für die Getränke. Mit der Weinkarte muss man immerhin nicht lange rumtun: Es gibt nämlich keinen Alkohol im Bab Al Yemen. Dafür den heißen, gut gesüßten jemenitischen Tee mit Milch und Kardamom (3,00). Und eine Reihe hervorragender frisch gepresster Säfte. Wir probierten den gehaltvollen und erstaunlich süßen Avocadosaft mit Milch (7,00), den Wassermelonensaft (6,00) und den sehr erfrischenden Zitronensaft mit viel klein gehackter Minze (6,00). Die nächste Hitzewelle kann kommen.

Restaurant Bab Al Yemen, Landwehrstraße 8, 80336 München, Telefon 0174/3559000, Öffnungszeiten: täglich 12 bis 23 Uhr.

Die SZ-Kostprobe

Die Restaurant-Kritik "Kostprobe" der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch Online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts - von München, Wissen bis zur Politik - schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen - um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

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