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Kultur in München:Ein Schotterparkplatz als Autokino

Bis vor einigen Monaten wirkten Autokinos wie ein Relikt der Fünfzigerjahre. Jetzt sind sie schwer gefragt.

(Foto: Robert Haas)

Die Freifläche vor der Kulturhalle Zenith ist jetzt ein Pop-up-Autokino. Die Resonanz beim Publikum ist gut - bald könnten dort auch Konzerte stattfinden.

Mittwochabend, 20 Uhr in München Freimann: Normalerweise pilgern hier Konzertbesucher von der U-Bahn zum Zenith, jetzt reihen sich die Autos vor dem Pop-up-Autokino auf dem Parkplatz der geschlossenen Konzerthalle. Ganz vorne stehen Paula Fischer und Roya Burgstaller, die heute Geburtstag hat. "Ich habe sie eingeladen, was soll man denn sonst gerade machen? Feiern gehen kann man ja gerade nicht", sagt Paula lachend. Und damit der Abend trotzdem zu etwas Besonderem wird, hat sie heute Papas Oldtimer aus der Garage gefahren. Für ein Autokino-Erlebnis mit Open-Air-Feeling ist das Verdeck des Cabriolets auch schon heruntergefahren. Die richtige UKW-Frequenz stellen sie soeben ein - da laufen gerade noch Fünfzigerjahre-Hits und machen die Autokino-Atmosphäre für die jungen Oldtimerfahrerinnen aus Vaterstetten komplett.

Ein Mitarbeiter scannt derweilen die Tickets, die es ausschließlich online zu kaufen gibt, kontaktlos durch die geschlossenen Autoscheiben. Den großen Schotterparkplatz des Zenith haben die Veranstalter durch Einbahnstraßen organisiert. Nach dem Startsignal, das der Mitarbeiter an der Pforte auf sein Funkgerät bekommt, fährt die Kolonne in einem großen Bogen vor die Kinoleinwand, wo jedes Auto von den Mundschutz tragenden Mitarbeitern auf seinen Platz gelotst wird. Alle kontaktlosen Vorgänge sowie das Ein- und Ausfahren funktioniere sehr gut, meint Simon Pirron, einer der beiden Initiatoren des Kinos. "Bei der letzten ausverkauften Vorstellung waren alle 200 Autos innerhalb von 20 Minuten von Platz."

An diesem Mittwochabend sind nicht ganz so viele da. 50 Online-Tickets seien für heute verkauft worden. "Donnerstags bis Sonntags ist mehr los", sagt Veronika Faistbauer - sie hatte die zündende Idee für das Projekt. Der Zwischenstand eine Woche nach der Premiere: Zwei ausverkaufte Abende und "unglaubliche Resonanz", wie es Pirron beschreibt. "Die Leute erleben hier das erste Mal wieder ein Gemeinschaftsgefühl und gehen mit leuchtenden Augen wieder raus - das fühlt sich echt gut an." Sie seien nämlich nicht nur Kino, sondern eben auch Event, bei dem die Besucher etwas erleben.

Kaum auf dem Stellplatz angekommen, gehen die Motoren und Lichter aus, die Sitze werden zurückgestellt und die mitgebrachten Snacks ausgepackt. Bei Paula Fischer und Roya Burgstaller gibt es Pizza, Schokolade und einen Piccolo - "ein richtiges Geburtstagspicknick eben", ruft Paula und fügt hinzu: "Wenn es jetzt noch Popcorn gäbe, wäre es perfekt!" Das durfte in der ersten Woche des Pop-up-Autokinos noch nicht verkauft werden, jetzt aber gibt es grünes Licht von den Behörden. Spätestens zur Highlight-Vorstellung von "La La Land" im Originalton am kommenden Montag, 1. Juni, dürfte also mit einem Snack- und Getränkeverkauf am Drive-by-Schalter gerechnet werden. Und wie geplant, wird ein Euro pro Popcorn-Tüte an Münchner Kinos und Kulturstätten gespendet, denn das sei schließlich ein zentraler Ausgangspunkt des Projekts gewesen, so Pirron: "Veronika und ich haben uns am Anfang die Frage gestellt, wie wir in dieser Zeit Kino wieder möglich machen und dabei andere, noch geschlossene unterstützen können."

Wie das bayerische Kabinett diese Woche bekannt machte, dürfen aber auch diese vom 15. Juni an wieder unter Auflagen öffnen. Mit denen sind viele Kinobetreiber in Bayern aber unzufrieden: Kritisiert wurde unter anderem die starre Obergrenze von maximal 50 Besuchern, die das Geschäft unrentabel mache und, dass Zuschauer, anders als in der Kirche oder in der Gastronomie, auch auf ihren Plätzen und während der Filmvorführung Mundschutz tragen müssen. Deshalb schlugen die Kinos in und um München jetzt ein Alternativkonzept vor, das einen zweistufigen Beginn vorsieht - auch deshalb, weil der Eröffnungstermin Mitte Juni zu kurzfristig sei, um Hygienemaßnahmen umzusetzen sowie alle Vorbereitungen zu treffen. Filmneustarts gebe es zum 15. Juni auch noch nicht. So wolle man Mitte Juni vorsichtig starten und erst vom 2. Juli an in den regulären Spielbetrieb übergehen.

"Im Sommer ist Autokino aber sowieso schöner", meint die im Oldtimer sitzende Roya Burgstaller. Erst im Herbst hätten die beiden Freundinnen wieder vor, ins normale Kino zu gehen. Um 21.15 Uhr ertönt Simon Pirrons Stimme durch die Autolautsprecher. Er wolle mit seinem Teamkollegen Fabian Halbig, den man auch als Filmschauspieler und Schlagzeuger der Band Killerpilze kennt, "einmal Hallo sagen bevor der Film losgeht" und einige Worte zu seinem Team und ihrem Herzensprojekt verlieren. Dann aber fallen die ersten Projektorstrahlen auf die 130 Quadratmeter große Leinwand und zeigen Trailer von Filmen, die man diesen Sommer noch auf dem Zenith-Gelände sehen wird. Auf eine gute Filmauswahl legt das junge Team aus Filmschaffenden großen Wert. "Je aktueller die Filme sind, desto besser laufen sie", so Pirron. Eine "persönliche Note" sei ihnen aber trotzdem wichtig und deshalb laufen eben auch immer wieder Klassiker wie "Grease", "Dirty Dancing" oder "Pulp Fiction".

Neue Ideen und Pläne haben sie für ihr Pop-up-Autokino auch. So sollen schon bald Konzertfilme das Programm erweitern. Richtige Konzerte wolle man zwar auch machen, dafür fehlt allerdings noch die Genehmigung. "Wir haben aber schon super viele Anfragen", erzählt Pirron, dessen Team gut mit der Münchner Hip-Hop-Szene vernetzt sei. Während der Vorspann läuft, färbt sich der Himmel rosarot, und der Mond beginnt über der Leinwand zu leuchten, ehe sich Sebastian Bezzel alias Franz Eberhofer in "Winterkartoffelknödel" an neue Mordermittlungen macht. Gelächter ist an diesem milden Autokino-Abend also programmiert - Sternschnuppenerlebnis inklusive.

© SZ vom 30.05.2020/lfr
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