Es ist schon eine Gemeinheit, dass ausgerechnet diese Frau für den schlimmsten Stau des Jahres steht. Wenn gar nichts mehr geht in München, wenn man festklebt in einer Wüste aus Feinstaub, heißem Asphalt und Blech, inmitten einer Phalanx des motorisierten Stillstands, wo befindet man sich dann? Richtig: Im Umfeld eines monströsen Bauwerks, das den Namen Luise Kiesselbach trägt, Pendlern und Durchreisenden allerdings eher als Vorhof zur Hölle bekannt ist.
Ach, Luise Kiesselbach. Womit hat sie diesen Tunnel nur verdient? Als Reformerin kümmerte sie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts um die Armen in München, sie kämpfte als Münchner Stadträtin für Frauenrechte und verteidigte die junge Demokratie, wo sie nur konnte. Wenn überhaupt, dann steht Luise Kiesselbach für Fortschritt und Mut und keineswegs für Stillstand und Frust. Hätte man ihr nicht einen schattigen Platz in Isarnähe zuweisen können? Oder eine verkehrsberuhigte Seitenstraße mit ein paar Parkbänken in Schwabing? Irgendeinen Ort ohne Lärm, Stress und SUV-Panik?
Verkehrsplaner haben für das aktuelle Tunneldesaster in Sendling-Westpark natürlich beschwichtigende Namen, sie können alles ganz rational erklären: Es handele sich um „abschließende Instandsetzungsarbeiten in Fahrtrichtung Norden“, eine notwendige Maßnahme nach einem Lkw-Brand im Jahr 2024, spätestens Anfang August soll der Spuk im Luise-Kiesselbach-Tunnel vorbei sein. Bedeutet: Läuft alles nach Plan, also gar nicht!
Spaßvögel und Berufsgrantler müssen gerade nur das Signalwort „Mittlerer Ring“ aufsagen, schon johlt das Publikum, aber mehr gequält als fröhlich. Selbst der ADAC, der sonst das Autofahren in den schönsten Farben malt, wirkt angefasst: Die Stadt erlebe „einen der schwierigsten Baustellen-Sommer der vergangenen Jahre“, von der Fürstenrieder Straße über die Landshuter Allee bis zum Föhringer Ring reiche der urbane Bremsstreifen. Man schlägt drei Kreuze, wenn man das Glück hat, das zähe Treiben vom Fahrrad aus beobachten zu können.
Was hätte jetzt die lebenskluge Luise Kiesselbach gemacht, in diesem Sommer 2026? Sie wäre auf keinen Fall ins Automobil gestiegen, sondern hätte sich in den Park am Luise-Kiesselbach-Platz gesetzt. Der ist bedeutend schöner als der Tunnel, seit die Autos eine Etage tiefer fahren, wenn sie denn fahren. Im ehemaligen Toiletten- und Kioskhäuschen für die Trambahn gibt es jetzt ein neues Stadtviertellokal, das „Backsteinchen“. Dort kann man im Liegestuhl entspannen, während tief unten, in den Eingeweiden des Platzes, die Hölle los ist.

