Ausstellung über Clubkultur in München:Doch der Boden klebt nicht

Clubkultur in Muenchen

Coole Musik und coole Leute gab es im Atomic Café, hier um 1999, fotografiert von Tina Weber.

(Foto: Tina Weber)

Das Atomic Café ist wieder da - zumindest in einer Ausstellung. Das Stadtmuseum widmet sich der Clubkultur in München und fragt nach deren Bedeutung für die Stadt.

Von Jürgen Moises

Für viele war es die Tür zu einer anderen, besseren Welt. Zu einem Ort, wo sie endlich sie selbst oder im Gegenteil jemand ganz anderes sein konnten. Wo es coole Musik und coole Leute gab, und keinen, der einem mit Vorschriften auf die Nerven ging. Ein Ort der Freiheit, die aber dann doch nicht grenzenlos und nicht für alle war. Denn an der Tür des Atomic Café, da gab es Türsteher. Die waren nicht so streng wie bei anderen Münchner Clubs, aber man musste trotzdem mit dem richtigen Gesicht, Aussehen oder Spruch an ihnen vorbei. Heute kommt jeder durch die Tür. Denn anstatt wie früher in der Neuturmstraße 5 steht sie nun im ersten Stock des Münchner Stadtmuseums. Als Exponat in einer Ausstellung, die sich historisch, soziokulturell und aus verschiedenen Perspektiven mit dem Münchner Nachtleben beschäftigt.

"Nachts. Clubkultur in München" heißt die Schau, in der man nicht nur durch die Tür des von einigen noch heute schwer vermissten Indie-Clubs gehen kann, der 2014 schließen musste. Nein, fast die komplette Einrichtung findet sich dort wieder. Und wer früher Stammgast im Atomic war, sollte sich auf einen nostalgischen Schauer einstellen. Wobei es kein Geheimnis war, dass dessen Betreiber ihre Einrichtung dem Stadtmuseum vermacht haben. Ein kleiner Teil war bereits in einer Ausstellung gelandet. Aber jetzt auch die Bar, Stühle, Lampen, die Wanddekoration, den Paillettenvorhang und sogar die Original-Bierkästen wieder zu sehen, das hat dann doch was Irritierendes. Fast so als hätte man etwas Privates oder gar "Heiliges" vom Dunkel ins Licht gerückt. "Holy Homes", "Heilige Heimaten" heißt eines der Kapitel, das den "Club als Wohnzimmer" verhandelt.

Zu erleben ist das Original-Interieur des Atomic Cafés

Der Unterschied: Der Boden klebt nicht. Es fehlen die Musik, der Lärm, der Alkohol, das was den Club eben zum Club macht. Etwas das seit Corona viele vermissen, und das natürlich auch diese Ausstellung nicht ersetzt. Die Kuratoren Ursula Eymold und Christoph Gürich, beide Leiter der "Sammlung Stadtkultur", haben es trotzdem versucht, indem sie ihre Schau als "performativen Streifzug" inszenieren anstatt nur chronologisch zu berichten. So ist der Aufbau dem Verlauf eines Clubbesuchs nachempfunden. Man wird zu Beginn mit Videos und Filmausschnitten eingeschwungen. In Vitrinen werden Flyer und Eintrittskarten präsentiert. Man tritt durch den Eingang des Atomic, wird vertraute Gesichter, Orte oder Situationen wiedersehen. Man kommt zu einer "Tanzfläche", einer Sound- und Videoinstallation, die Club-Atmosphäre recht eindrücklich simuliert, Tanzen aber dann doch nicht vorsieht. Und am Schluss landet man im Backstage-Raum, dessen Mobiliar ebenfalls aus dem Atomic Café stammt, mit vielen Konzertplakaten an den Wänden.

Dazwischen wird vom besonderen Licht, den Prinzipien des Ein- und Ausschlusses im Nachtleben erzählt. Man sieht Fotografien von Volker Derlath, die dieser in Achtziger- und Neunzigerjahre-Nächten gemacht hat. Gegenüber hängen Bilder von verschlossenen Clubs aus dem vergangenen Coronajahr. Es geht zurück bis in die Nachkriegsjahre, als amerikanische Musiker, GIs und "Radio Free Europe" den Jazz und Rock'n'Roll nach München brachten. Es geht um Tanz und Mode als Identifikationsmittel, auch die Musikproduktion wird thematisiert. Bekanntestes Beispiel: Giorgio Moroder, der mit seinen "Musicland Studios" Stars wie Donna Summer oder Freddy Mercury hierher lockte. Im Münchner Club "Old Mrs. Henderson" hat Mercury 1985 seinen 39. Geburtstag groß gefeiert und danach das Video zu "Living On My Own" dort gedreht. Eine Original-Einladungskarte zur der Geburtstagssause ist samt Kuvert in der Ausstellung zu sehen.

clubs in Muenchen

Legendär und schon Vergangenheit: das Ultraschall II um 2000.

(Foto: Marcus Zumbansen)

Weitere Raritäten: ein Eröffnungsplakat vom Blow Up, das damals, 1967, Deutschlands erste Großraumdisko war. Oder eine Eintrittskarte zu einem Konzert von John Mayall, der 1969 dort auftrat. Auch vom Flughafen Riem oder dem Kunstpark Ost gibt es Devotionalien wie einen orangenen Flokati-Stoff aus dem "Grünen Raum" im Ultraschall II. An viele Objekte ist das Stadtmuseum über einen Sammelaufruf gelangt. Der Anstoß, überhaupt das "Nachtleben" zu sammeln, wurde durch die Veranstaltungsreihe "Nachtmuseum" bewirkt, die in Kooperation mit den ehemaligen Machern des Clubs "Registratur" 2010 und 2011 dort stattfand. Plakate aus der Registratur bildeten auch den Grundstein für die Sammlung. Außerdem wurden damals erste Kontakte in die Szene geknüpft.

Für die Präsentation der Fotos und Objekte hat sich Gestalter Michael Hofer ein paar schöne Ideen ausgedacht. Wie etwa einen Bilderreigen aus dem Nachtleben, bei dem sich großformative Motive Op-Art-mäßig aus hunderten kleinen Fotos zusammensetzen. Es gibt künstlerische Arbeiten, die das Gezeigte überhöhen oder erweitern. Darunter eine Videoarbeit von Bagomir Doringer, der sich mit der Tanzfläche als Spiegel für politische Entwicklungen beschäftigt. Dass das Nachtleben politisch, die Clubkultur ein "sozialer Katalysator" ist: Das sind auch für die Kuratoren zentrale Thesen, die im umfangreichen Katalog vertieft werden. Dort wird nicht nur aus dem Nachtleben erzählt, sondern es werden auch Aspekte wie Kriminalprävention und "Queeres Nachtleben" verhandelt.

Wem gehört die Nacht, wem gehört die Stadt?

Muss man Dinge analysieren und kontextualisieren, die für andere einfach nur "geil" waren? Man muss nicht, aber man kann, und dass sie das zeigen, wollen die Kuratoren auch als Aufwertung der Clubkultur verstehen. Klar werden einige hier Orte und Ereignisse vermissen, die für sie selbst unheimlich wichtig waren. Das hat die Schau mit der in der Monacensia laufenden Ausstellung "Pop Punk Politik - Die 1980er Jahre in München" gemeinsam. Aber es soll hier nicht nur um Details, sondern auch um Grundsätzliches gehen. Wem gehört die Nacht, wem gehört die Stadt? Das sind Fragen, die die Schau nicht zuletzt vor dem Hintergrund von Corona verhandelt. Womit der Blick auch in die Zukunft geht, zu der ganz konkret eine am 24. Juli startende Konzertreihe mit Auftritten von Maxi Pongratz oder den Igitte Schwestern zählt. Die findet open air und nicht in den Clubs statt. Denn diese sind in München weiterhin geschlossen. Mit "offenem Ende", wie sich auch das letzte Kapitel nennt.

Nachts. Clubkultur in München, bis 1. Mai 2022, Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1

© SZ/arga/blö/chj
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