Vom Kolonialismus zum Kapitalismus. Diese Entwicklung hat Nigeria seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1960 gemacht. Das Ganze war verbunden mit Gewalt und schmerzhaften Erfahrungen. Und auch heute wirkt die britische Kolonialzeit noch in Vielem nach. Ein Beispiel ist der Zinnabbau, der seine Hochphase in den Vierzigerjahren unter britischer Herrschaft hatte. Mitte der Achtziger brach der Zinn-Markt ein. Und heute sind es wie etwa im Jos-Plateau in Zentral-Nigeria meist selbständige Minenarbeiter, die oft illegal, ohne passende Ausrüstung und in der Hoffnung nach Reichtum nach Zinn suchen.
Im Film „Plateau“ von Karimah Ashadu stehen diese Minenarbeiter im Zentrum. Und auch in der gleichnamigen Installation, die aktuell am Münchner Marienplatz zu sehen ist.
Das heißt, wenn man sie bemerkt. Und nicht wie viele Passanten am Eröffnungsabend daran vorbeiläuft. Denn wie das bei den Schattenseiten des Kapitalismus ist: Man muss sie sehen wollen. Innehalten. Und auch auf die Rückseite der Dinge blicken.
Die „Dinge“, das sind in diesem Fall elf Pfeiler in der kleinen Ladenpassage, links vom Rathaus, an denen elf Vitrinen und in denen elf Monitore angebracht sind. Die Vitrinen sind nicht neu. Die meisten stammen aus den Fünfzigerjahren. Zuletzt wurden darin angrenzende Geschäfte oder die Champions League beworben. Jetzt wurden sie frisch restauriert, im Auftrag des Teams von Public Art München, welches dieses neue Kunstformat im öffentlichen Raum bespielt. Das soll zwei bis drei Mal im Jahr passieren. Der erste Wechsel findet Mitte Mai statt.

Der Anstoß, die Vitrinen neu zu nutzen, kam vom Kommunalreferat. Und die Entscheidung, für die Premiere Karimah Ashadu einzuladen, war laut Daniel Bürkner von Public Art München recht schnell klar. Tatsächlich ist ihnen damit auch ein kleiner Coup gelungen.
Denn die 1985 in London geborene Videokünstlerin, die aktuell in Hamburg und Lagos lebt, ist auf dem internationalen Kunstmarkt keine Unbekannte. Ihre Filme wurden im Museum of Modern Art und in der Tate-Gallery gezeigt, im vergangenen Jahr wurde sie mit dem Silbernen Löwen der Biennale di Venezia ausgezeichnet. Und gelungen ist Daniel Bürkner dieser „Coup“ deswegen, weil eine Arbeit von Ashadu bereits 2017 bei der Film- und Medienkunst-Reihe „Frameless“ zu sehen war, an der Bürkner damals mitwirkte.
Auch bei dem Video im Jahr 2017 ging es um Arbeiter in Nigeria. Und in Interviews sagt Ashadu auch immer wieder, dass sie sich für Industrie und Ökonomie besonders interessiere. Weil diese ein Land und seine Bewohner entscheidend prägten. Wobei sie Arbeit, speziell auch in Nigeria, durchaus positiv als ein Moment der Unabhängigkeit versteht. Die dunklen Seiten der Minenarbeit, die ökologischen und die Gesundheitsschäden, spart sie in ihrem 30-minütigen Video „Plateau“ aber wie gesagt nicht aus. Auch in der Installation sind sie zumindest zu erahnen. Für diese hat sie den Film weitgehend chronologisch in Sequenzen zerlegt. Das heißt: In elf Bilder, die jeden Tag wechseln. Wie ein extremer Slow-Motion-Film, der sich dann nach einer Woche wiederholt.

Auf diesen Bildern sieht man arbeitende Menschen, die Landschaft oder nur Kakteen. Sehr ambivalent sind dabei etwa zwei Bilder, auf denen ein Arbeiter im Wasser treibt. Eine Ambivalenz, die, so Ashadu, gewollt ist. An einigen Vitrinen gibt es auf dem Plexiglas vor den Bildern zudem Zitate aus dem Video wie „They left behind impoverished landowners ...“, die von postkolonialen Problemen erzählen.
Für den gesamten Kontext empfiehlt sich ein Besuch am 31. Oktober um 20 Uhr im Haus der Kunst. Dort wird es ein Gespräch mit Karimah Ashadu geben sowie ein Screening des Videos „Plateau“. Und ansonsten heißt es: Augen offen halten am Marienplatz, wo von Mitte Mai an Christine Sun-Kim und Thomas Mader in den Vitrinen eine Arbeit zeigen, die sich mit Gebärdensprache auseinandersetzt.
Karimah Ashadu: Plateau, bis Mitte Mai, Passage am Marienplatz, Marienplatz 1, www.publicartmuenchen.de

