Olympia 1972:Das Spiel geht weiter

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Olympia 1972: Mindestens zwei Fremdsprachen sollten sie beherrschen und ein freundliches Wesen haben: Knapp 1600 Hostessen begleiteten die Olympischen Spiele.

Mindestens zwei Fremdsprachen sollten sie beherrschen und ein freundliches Wesen haben: Knapp 1600 Hostessen begleiteten die Olympischen Spiele.

(Foto: BSB/Bildarchiv/Georg Fruhstorfer)

Eine Ausstellung in der Bayerischen Staatsbibliothek blickt auf Olympia 72 als gesellschaftliches, politisches und kulturelles Ereignis zurück - und das in teilweise noch nie gezeigten Bildern.

Von Jürgen Moises

Heiter sollten sie sein und ein neues, buntes, offenes und demokratisches Deutschland zeigen. Woran man sich bei den Olympischen Spielen im Jahr 1972 in München aber in erster Linie erinnert, das ist das Attentat der palästinensischen Terrorgruppe "Schwarzer September". Elf israelische Sportler und ein deutscher Polizist fielen diesem zum Opfer, fünf der acht Terroristen kamen ebenfalls nicht lebend davon. Und auch wenn es am Tag darauf "The Games must go on" hieß, war danach nichts mehr wie zuvor. Aber nicht nur dieses dunkle Ereignis hat die Stadt München verändert. Sie war in wenigen Jahren zur modernen Großstadt mutiert, hatte nicht nur neue touristische Sehenswürdigkeiten, sondern auch zwei U-Bahnen, eine S-Bahn und neue Ringstraßen bekommen. Und das ist auch etwas, das zum Erbe von Olympia gehört.

Was ebenfalls geblieben ist, das sind: das Hellblau, Grün, Silber, Weiß, Gelb und Orange. Die Farben, die der für das Design der Spiele zuständige Otto "Otl" Aicher damals gewählt hatte und an die sich viele Zeitzeugen noch erinnern. In der Bayerischen Staatsbibliothek kann man diese Farben nun wiedersehen. Sie prägen das Farbkonzept der Ausstellung "Olympia 72 in Bildern" und die zugehörigen Plakate und Fahnen.

Womit die Bibliothek neben 50 Jahre Olympische Spiele in München auch Otl Aicher ehrt. Der wäre am 13. Mai 100 Jahre alt geworden. Ein Doppel-Jubiläum also, für das die Ausstellung auf die Olympischen Spiele als ein gesellschaftliches, politisches und kulturelles Ereignis zurückblickt. Für alle kommenden Veranstaltungen zu 50 Jahre Olympia ist sie eine hervorragende Einführung.

Der Anspruch war, ein demokratisches und geläutertes Deutschland zu präsentieren

Denn hier bekommt man in Form von rund 140 teilweise noch nie gezeigten Bildern aus der riesigen Foto-Sammlung der Staatsbibliothek und vereinzelten Objekten aus Privatbesitz noch einmal alle wesentlichen Aspekte, Entwicklungen und Folgen dieses Events gebündelt, das wie kaum ein anderes die bayerische Hauptstadt geprägt hat. Nur der Sport kommt hier kaum vor. Aber das ist gut so.

Der steht an anderen Orten im Mittelpunkt. Stattdessen steht hier der erwähnte Anspruch im Zentrum, ein neues, demokratisches und geläutertes Deutschland zu präsentieren. Und ein Olympia, das den olympischen Spielen von 1936 in Berlin diametral entgegen steht. Geschildert wird das in insgesamt fünf Ausstellungsmodulen: "Stadtentwicklung"; "Vom Oberwiesenfeld zum Olympiagelände"; "Design, Kultur und Medien"; "Das Attentat" und "Nachleben".

Olympia 1972: Schilder mit der Aufschrift: "Dieser Rasen darf betreten werden!" signalisierten neue Offenheit statt Steifheit. Dieses Paar kam der Aufforderung gerne nach.

Schilder mit der Aufschrift: "Dieser Rasen darf betreten werden!" signalisierten neue Offenheit statt Steifheit. Dieses Paar kam der Aufforderung gerne nach.

(Foto: BSB/Bildarchiv/Karsten de Riese)

Was die damalige Stadtentwicklung betrifft, da kann man schon mal die Entdeckung machen, dass auch die Münchner Politik olympisch schnell sein kann. Denn was die Stadt unter Hans-Jochen Vogel nach der Wahl im Jahr 1966 zum kommenden olympischen Austragungsort in nur sechs Jahren an Infrastruktur geschaffen hat, das war ursprünglich für einen Zeitraum von 30 Jahren geplant. Dazu gehörten wie schon erwähnt die U 3, U 6, die S-Bahn zwischen Haupt- und Ostbahnhof und neue Ringstraßen wie der Mittlere Ring.

Aber auch neue Wohnanlagen wurden geschaffen, der Bau der Stachus-Passagen beschleunigt und das alles unter dem Signum "München wird moderner", wofür man in der Stadt mit Schildern warb. In der Ausstellung gibt es dazu Bilder von den Stadtratssitzungen und Bauarbeiten, aber auch ein Foto von einer Modenschau, die 1968 im U-Bahnhof Alte Heide bei dessen Eröffnung stattfand.

Olympia 1972: Der Kamerablick vom Olympiaturm auf die Spiele.

Der Kamerablick vom Olympiaturm auf die Spiele.

(Foto: BSB/Bildarchiv/Karsten de Riese)

Olympiastadion und -halle, die Schwimmhalle, Olympiaberg, -see und -dorf wurden auf dem Oberwiesenfeld errichtet. Architektur und Natur sollten sich zu einer harmonischen Einheit auf dem Gelände verbinden, das früher mal als Exerzierplatz, Kasernenstandort und Flugplatz diente. Ab 1945 wurden hier 2,2 Millionen Kubikmeter Kriegsschutt und Trümmer gelagert. Für das heute unter Denkmalschutz stehende Architekturensemble, zu dem das berühmte, von Günter Behnisch entworfene Acrylglas-Dach gehört, dienten antike Theaterbauten als Vorbild. Wie sich das alles Schritt für Schritt entwickelt hat, lässt sich wunderbar auf Flugaufnahmen von Max Prugger nachvollziehen. Dessen Fotoarchiv wurde 2019 angekauft und ist nur eines von vielen hauseigenen Archiven, die für die von Cornelia Jahn kuratierte Ausstellung als Fundus dienten.

Begleitet wurden die Spiele von einem umfangreichen Kulturprogramm

Das umfangreiche, heute weitgehend vergessene Kulturprogramm der Spiele wurde von Felicitas Timpe dokumentiert. Mehr als eine Million ihrer Fotos gehören heute der Bibliothek. Und wenn man liest, dass die Spiele damals von 63 Opern, 10 Ballettvorführungen, 30 Theaterstücken, 74 Konzerten und sechs Ausstellungen begleitet wurden, erkennt man erstaunt, dass Sport und Hochkultur sich keineswegs ausschließen müssen.

Auf den Fotografien von Timpe sind unter anderem John Cage und Karlheinz Stockhausen beim Bar-Gespräch und der bedeutende Moskauer Puppenspieler Sergei Obraszow zu sehen. Dazu passt auch, dass die Uniformen für das Personal - wie etwa die modernen, hellblauen Dirndl-Variationen für die rund 1600 Hostessen - von dem französischen Stardesigner André Courrèges entworfen wurden.

Olympia 1972: Am 5. September 1972 ermordete eine Terrorgruppe elf israelische Sportler. Hier zu sehen: Ilana Romano am Grab ihres Ehemanns Josef Romano.

Am 5. September 1972 ermordete eine Terrorgruppe elf israelische Sportler. Hier zu sehen: Ilana Romano am Grab ihres Ehemanns Josef Romano.

(Foto: BSB/STERN-Fotoarchiv/Fred Ihrt)

Was nicht vergessen ist, das ist das Attentat. Und die traurige Tatsache, dass dabei 27 Jahre nach der Shoa elf jüdische Menschen auf deutschem Boden ums Leben kamen. Die dramatischen Ereignisse, die vor Ort und weltweit vor den Fernsehern von Millionen Menschen verfolgt wurden, sind in der Ausstellung auf Bildern aus dem Stern-Fotoarchiv zu sehen. Das rund 15 Millionen Bilder umfassende Archiv ging 2019 in den Besitz der Staatsbibliothek über. Die laschen Sicherheitsvorkehrungen bei den Spielen und das teilweise dilettantische Vorgehen der überforderten Sicherheitsbehörden wurden später stark kritisiert.

Dass man an die Opfer erst seit 2017 in Form einer Gedenkstätte erinnert, das ist ebenfalls kein Ruhmesblatt. Das Olympische Komitee hat sogar erst 2021 bei den Sommerspielen in Tokio erstmals öffentlich durch eine offizielle Schweigeminute der damaligen Opfer gedacht. Jetzt, 50 Jahre später, gilt es, sich von Neuem an sie zu erinnern. Aber auch an viele andere, heute weitgehend vergessene oder verdrängte Dinge, die im Sommer 1972 die Stadt München verändert und geprägt haben.

Olympia 72 in Bildern, bis 4. Sep., Bayerische Staatsbibliothek, Ludwigstr. 16, www.bsb-ausstellungen.de

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