Ausstellung:Mit den einfachsten Mitteln

Ausstellung: Während eines Gastspiels in Regensburg 1967 posierte Marcel Marceau in der Pause für den Fotografen Hubertus Hierl. In nur drei Minuten enstand eine beeindruckende Bilderserie.

Während eines Gastspiels in Regensburg 1967 posierte Marcel Marceau in der Pause für den Fotografen Hubertus Hierl. In nur drei Minuten enstand eine beeindruckende Bilderserie.

(Foto: Hubertus Hierl)

Das Jüdische Gemeindezentrum in München ehrt Marcel Marceau zum 100. Geburstag - mit Fotografien von Hubertus Hierl.

Von Jürgen Moises

"Sie haben drei Minuten Zeit." Das sagte Marcel Marceau, als ihn Hubertus Hierl im Sommer 1967 in der Pause seines damaligen Auftritts in Regensburg fotografieren konnte. Eigentlich wollte Hierl den berühmten französischen Pantomimen schon vor der Vorstellung beim Schminken ablichten. Aber das durfte der 1940 in Regensburg geborene, heute in Landshut lebende Fotograf nicht.

Deswegen die Pause, in der Marcel Marceau Hierl eine kurze Privatvorstellung gab. Das heißt: Er stellte sich nicht einfach vor die Kamera, sondern machte in seiner legendären Rolle als "Bip" mit weiß geschminktem Gesicht, zerbeultem Seidenhut und roter Blume seine Posen. In kurzer Zeit waren zwei Filme voll, die Hierl einmal mit Weitwinkel und einmal mit normalem Objektiv, ohne Blitzlicht mit einem hochempfindlichen Film aufnahm.

Ein Teil dieser intensiven Schwarzweiß-Bilder erschien damals in einer Zeitung. Im Jahr 2008 brachte Hierl anlässlich des Todes von Marceau 2007 die gesamte Foto-Reihe, zu der auch bei der nachträglichen Autogramm-Stunde gemachte Bilder zählen, unter dem Titel "Marcel Marceau. Kunst der Stille" als Buch heraus. Mit genau diesem Titel ist nun auch eine Ausstellung im Jüdischen Gemeindezentrum in München zu sehen. Gezeigt wird dort wiederum eine Auswahl von Hierls Fotografien, und der Anlass ist diesmal der einhundertste Geburtstag von Marcel Marceau am 22. März. An diesem Tag wird im Gemeindezentrum auch noch der Film "Résistance" von Jonathan Jakubowicz zu sehen sein, der dafür 2020 den Friedenspreis des Deutschen Films - Die Brücke - bekam.

Als Mitglied der französischen Résistance half Marceau dabei, jüdische Kinder in die Schweiz zu schmuggeln

Ausstellung: Marcel Marceaus Vater wurde nach Auschwitz deportiert und ermordet, er selbst schloss sich der Résistance an.

Marcel Marceaus Vater wurde nach Auschwitz deportiert und ermordet, er selbst schloss sich der Résistance an.

(Foto: Hubertus Hierl)

Der Film verdankt seinen Titel der lange kaum bekannten Geschichte, dass Marcel Marceau zusammen mit seinem Bruder Simon im französischen Widerstand war. Dabei half er mit, jüdische Kinder in die Schweiz zu schmuggeln und damit vor den Nazis zu retten. Der Film erzählt das leider mit einigen Klischees. Aber die Darsteller überzeugen. Und die unglaubliche Geschichte ist einfach spannend.

Spannend war es auch, Hubertus Hierl bei der Ausstellungseröffnung berichten zu hören. Der "richtige Moment", der sei beim Fotografieren wichtig. Und davon hat Hierl bei der Session mit Marceau viele erwischt. Pablo Picasso konnte Hierl übrigens auch fotografieren. Im Jahr 1966, da entdeckte er ihn bei einem Stierkampf in Frankreich. Ein Zufall.

Neben Hierl war zur Eröffnung auch der Schauspieler und Schriftsteller Christian Berkel eingeladen. Der outete sich als großer Marceau-Fan. Mit acht Jahren habe er ihn in Paris zum ersten Mal gesehen. Er ließ "durch Gesten Räume und Figuren entstehen, mit den einfachsten Mitteln", so Berkel über den 1923 als Marcel Mangel geborenen Pantomimen, der in der Résistance-Zeit mit Marceau den Namen eines Generals unter Napoleon übernahm. Berkel las auch Texte vor. Einen über Marceaus Gastspiel 1951 in Berlin, mit dem sein Weltruhm begann. Danach folgten Ausschnitte aus zwei Interviews und einer aus Berkels kommendem Roman, in dem er seine erste Begegnung mit Marceau verarbeitet hat. Aus alldem trat der Humanismus von Marceau deutlich hervor. "Er liebte sein Publikum", hieß es an einer Stelle. Und das Publikum, es liebte ihn.

Marcel Marceau. Kunst der Stille, Fotografien von Hubertus Hierl, bis 30. März, Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18, Mo. bis Do., 12 - 19 Uhr

Zur SZ-Startseite

SZ PlusLiteratur
:Das Rätsel um Toni Ludwig

Ein unbekannter Autor hat unter dem Pseudonym Toni Ludwig einen Kunstkrimi geschrieben, der rund ums Schaezlerpalais spielt. Nun rätseln die Augsburger, welcher Kunst- und Küchenkenner der Stadt das Krimischreiben als neues Hobby entdeckt hat.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: