Sie trägt eine Lederhose, ein locker sitzendes Shirt. Ihre Bewegungen sind verspielt, geschmeidig, dann mechanisch, aber immer mit größter Präzision ausgeführt. Irgendwann setzt sie sich hin, zieht ihr T-Shirt aus und cremt ihren entblößten Oberkörper mit Vaseline ein. Dann legt sie sich auf den Boden – in einen flüssigen Latexfleck. Ob mit Schock oder Faszination oder beidem: Die Besucherinnen und Besucher schauen Magdalena Forster gebannt zu, wie sie sich durch die Ausstellungsräume bewegt, folgen ihr auf Schritt und Tritt.
Mit zielgeradem Blick bahnt sie sich ihren Weg durch die Menge; schnell muss man ihr Platz machen. Die Tänzerin nimmt die Räume förmlich ein, hinterlässt buchstäblich Spuren.
Spätestens jetzt ist klar: Hier läuft nichts wie gewohnt. Doch das verwundert nicht. In der Lothringer 13 Halle gehört das Ungewöhnliche zum Programm. Auch die neue Ausstellung „Machinic Metabolism“, Teil des Ausstellungszyklus „Current I“ und Fortsetzung von „Anarchic Animism“, bricht mit gängigen Erwartungen. Mensch und Maschine werden nicht als Gegensätze präsentiert, sondern als ineinanderfließende Kräfte, die sich gegenseitig formen.

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Das wird auch in der Performance „Motherboards“ von Selma Selman deutlich, die auf einer Leinwand gezeigt wird. Da ist Selman in stylisher Sonnenbrille zu sehen, mit langem Zopf und schwarzem Mantel, wie sie Motherboards – das sind die Hauptplatinen eines Computers – zertrümmert. Im Hintergrund: ihre Familie in ähnlicher Kluft, die wie CIA-Agenten aussehen und das Gleiche tun. Doch was vordergründig cool wirkt, ist in Wahrheit eine bittere Lebensrealität.
Selman gehört als Romnja einer Minderheit an, die besonders von Armut und Diskriminierung betroffen ist. Ihre Familie gewinnt aus entsorgten Altmetallen und Elektroteilen Gold, aus dem sie dann unter anderem Ohrringe herstellt. Die Performance macht sichtbar, was der schnelllebige Technokapitalismus hinterlässt: Berge von Elektroschrott, während die Gewinne an anderer Stelle konzentriert bleiben. Doch Selmans Familie nutzt diesen Abfallstrom kreativ. Sie verwandelt Müll in Ressourcen und Schrott in eine Existenzgrundlage.
Um einen anderen „maschinischen Stoffwechsel“ geht es in der Installation von Christian Schwarz. Er hat die Kräne der ehemaligen Werkstatt, in der die Lothringer 13 Halle untergebracht ist, mit Motoren ausgestattet und sie über ein Netzwerk verbunden. Eine Kamera an der Decke zeichnet die Bewegungen der Besucherinnen und Besucher auf und speist die Daten in einen Programmcode, der die Bewegungen der Kräne bestimmt. Allerdings entscheidet der Algorithmus selbst, ob und wie er diese Informationen integriert. Schwarz schafft so ein System, das es den Kränen erlaubt, sich eine eigene Choreografie anzueignen und diese dynamisch weiterzuentwickeln – ein Metabolismus, bei dem eine Maschine menschliche Informationen aufnimmt, umwandelt und wieder ausgibt.
Wie schon zuvor macht die Ausstellung Diversität zu einem ihrer zentralen Elemente. Patrícia J. Reis, beispielsweise, die drei Massagestühle ausstellt, ist neben ihrer künstlerischen Arbeit Forscherin und Dozierende an Unis. Oder: Christian Schwarz (der mit den Kränen) ist auch Musiker in Punkbands. Auch die Veranstaltungen, die über den Ausstellungszeitraum hinweg stattfinden werden, könnten nicht vielfältiger sein. Da kommt mal eine renommierte Komponistin, mal eine Tätowiererin vorbei. Diese Vielfalt trage maßgeblich dazu bei, das Publikum zu diversifizieren, erklärt Kalas Liebfried, der seit diesem Jahr Leiter des städtischen Kunstraums ist.
Eindeutige Antworten auf die Fragen nach Mensch, Maschine und Technokapitalismus liefert die Ausstellung zwar nicht, dafür aber Perspektiven: Sie macht sichtbar, wie sehr die Bereiche in stoffwechselartigen Prozessen miteinander verflochten sind. Der größte Metabolismus ist dabei wohl die Ausstellung selbst: Bis zum Ausstellungsende im Dezember wird sie sich durch begleitende Veranstaltungen kontinuierlich wandeln. Wer also öfter kommt, wird die Ausstellung jedes Mal ein Stückchen verändert vorfinden.
Machinic Metabolism, Lothringer 13 Halle, Lothringer Straße 13, bis 28. Dezember 2025

