Allein der Name Maria unterscheide ihn von anderen, die auf Oskar hören und mit Graf unterschreiben. Ein Freund hatte dem Schriftsteller zur Namenserweiterung geraten, um Verwechslungen zu vermeiden, als er, gerade mal 17 Jahre alt, erste eigene Texte veröffentlichen konnte. Doch es ist nicht nur der Name, der ihn unverwechselbar machte. Graf stach auch durch seine Körpergröße und zunehmende Leibesfülle aus der Menge hervor.
Und was er hinterlassen hat, ist ohnehin kennzeichnend für den Mann aus Berg am Starnberger See, der fast 30 Jahre im Exil in den USA verbrachte: Texte mit Feinfühligkeit und Offenheit formuliert, wie man sie einem so laut wirkenden Menschen kaum zutrauen würde. Vor allem aber spricht aus ihnen eine politische Haltung sowie eine Lust an der Sprache, am Erinnern und am Denken.

Kapp-Putsch 1920:Im Frühling blüht der Hass
Vor hundert Jahren scheitert der von Teilen der Reichswehr unterstützte rechtsextreme Kapp-Putsch am Widerstand der Bevölkerung. Der Umsturzversuch zeigt die Schwäche der jungen Demokratie.
Um all dies zu entdecken, muss man Oskar Maria Graf lesen. Das kann einem keine noch so klug konzipierte Ausstellung abnehmen. Wohl aber kann sie Interesse wecken für den Autor und seine Ära. Und sie kann den Blick dafür schärfen.
Die aktuelle Schau im Eingangsbereich der Universitätsbibliothek der LMU hat gar den Anspruch, einen "neuen Blick" auf Graf zu werfen. Dies betonte der ehemalige Vorsitzende der Graf-Gesellschaft, Ulrich Dittmann, am Abend der Vernissage, und so lautet letztlich auch der Titel der Ausstellung, die Fotografie, Malerei und Illustration in Verbindung mit Graf in den Fokus rückt. Dies ist tatsächlich ein bislang nicht so ausführlich beleuchteter Aspekt. Die Ausstellung ist im Rahmen eines Seminars am Institut für Germanistik unter Waldemar Fromm entstanden - mit viel Engagement der Studentinnen und Studenten und unter Mithilfe von Laura Mokrohs.
Sie war eine der Kuratorinnen der Graf-Ausstellung im Münchner Literaturhaus vor drei Jahren. Während ihrer Recherche hat sie die Gemälde des Malers Karl Wähmann zusammengeführt, die Graf in unterschiedlichen Posen und Stilarten zeigen. Gemalt wurden sie schon vor 1930, während vieler Besuche auf dem Land bei den Wähmanns. Damals schon konnte Graf mit seinen feinen Antennen für die politische Lage München nur noch schwer ertragen. Die Idee hinter diesem Projekt war hinterfotzig: Man wollte die zwölf Porträts an einen der NSDAP nahestehenden Kunsthändler veräußern. Was die beiden Freunde von ihm und seinen Gesinnungsgenossen hielten, verrät die richtige Anordnung der Buchstaben in dem grünen Bild, eine grobe Beleidigung.
Graf war auch Träger eines Doktorhutes
Zu dem Verkauf kam es jedoch nie, und nur wenige Jahre später sollte Graf mit seiner Lebensgefährtin Mirjam Sachs nach Stationen in Österreich und der Tschechoslowakei in die USA emigrieren. New York wird bis zu seinem Tod 1967 sein Wohnort. Bilder von der Heimat und "was ich im Lauf der Zeiten lieb gewann", wie er schreibt, hängt er als Erinnerungsstütze an die Zimmerwände seiner Wohnung. Das waren Tolstoi, Goethe, Lincoln, Lenin und viele von ihm bewunderte Menschen mehr. Von seinem Schreibtisch aus konnte er auf ein Porträt seiner Mutter Therese blicken. Bereits 1937 begann er, ihre - und damit auch seine Lebensgeschichte niederzuschreiben. Es ist Grafs bekanntestes und wohl ergreifendstes Buch, das nicht nur tief in bayerische Seelen blicken lässt, sondern auch in die Psyche einer schwer arbeitenden, ihre Kinder liebende Frau.
"Das Leben meiner Mutter" ist 1940 zuerst auf Englisch erschienen. Es war Graf wohl von der ersten Ausgabe an wichtig, dass dem Leser ein Porträt seiner Mutter mitgeliefert wird. Darauf weist die Ausstellung explizit hin und schlägt gleichsam den Bogen von Grafs Mutter zum "einfachen" Volk, dem er sich stets sehr verbunden fühlte. Er, der so viel mehr von der Welt erfahren darf als die Bäckersfrau und Bäuerin, die seine Mutter war, negiert seine Herkunft nie. Im Gegenteil. Er spielt damit, wenn er sich in Lederhosen flegelt, Bierhumpen stemmt und sich in diesen Posen fotografieren lässt. Dass dies nur eine von vielen Facetten Grafs ist, lässt sich aus der gut reduzierten Ausstellung hinreichend erkennen.
Graf ist auch stolzer Träger eines Doktorhutes und wirkt mit Frauen an seiner Seite sehr charmant. Selbstinszenierung ist ihm nicht unangenehm, das wird ebenso deutlich aus den Gemälden, die in den Zwanzigerjahren entstehen. Graf sei damals so oft gemalt oder gezeichnet worden wie kein anderer Autor, schreibt Fromm im Text zur Vitrine, die er gestaltet hat.
Der Eingang der Unibibliothek bietet keinen Raum für moderne Ausstellungspädagogik oder Schnickschnack wie etwa Schubfächer. Deshalb stecken die Exponate thematisch aufbereitet in zwölf Vitrinen. Bücher, Briefe, Buchillustrationen und viele Abzüge von Fotografien sind zu finden, die in den Archiven der Monacensia oder der Münchner Staatsbibliothek lagern.
Themen sind beispielsweise Graf und seine Freundschaft mit dem Maler Georg Schrimpf, die "glückliche Zeit" im tschechischen Brünn, seine Jahre im New Yorker Exil und auch künstlerische Interpretationen seiner Texte, wie die der Grafikerin Susanne Theumer. Lässt man sich Zeit und die Augen wandern, kann man in den Kosmos eines kreativen Menschen eintauchen, der sich als Bayer verstand und Weltbürger war - und ein Geflüchteter. Zu anderen Zeiten wäre er womöglich lieber unterm weißblauen Himmel geblieben.
Verlängert bis 26. Juni, Mo. bis Fr. 9 bis 22 Uhr, Ausleihhalle der Universitätsbibliothek, Geschwister-Scholl-Platz 1

