Ein Europa der offenen Grenzen. Das war nicht nur ein Traum, sondern einige Jahre lang Realität. Die Schlagworte dazu hießen „Schengen I“ und „Schengen II“. Diese europäischen Übereinkommen führten dazu, dass von 1985 bis 2008 Stück für Stück die Schlagbäume an den insgesamt neun Ländergrenzen von Deutschland verschwanden.
Wobei man konkretisieren muss: Die Grenzen verschwanden in Europa nur im Inneren. Gleichzeitig wurde es an den Außengrenzen zur Festung ausgebaut. Mit den bekannten tödlichen Konsequenzen. Trotzdem war „Nach der Grenze“ für Silke Markefka und Nikolai Vogel ursprünglich ein positives Projekt, als sie 2008 loszogen, um das Verschwinden der Grenzanlagen zu dokumentieren. Dass sich diese heute wieder so einige zurückwünschen, das konnten sie damals ja nicht ahnen.
„Wir dachten, der Nationalismus nimmt ab. Jetzt kommt er mit voller Gewalt wieder.“ So fasst denn auch Vogel die heutige Situation zusammen, als er mit Markefka durch die Ausstellung „Nach der Grenze“ im Muffatwerk führt.
Vogel ist Schriftsteller und Bildender Künstler. Markefka ist Malerin. Und gemeinsam haben die beiden Münchner von Juli 2008 bis Juli 2009 insgesamt 22 Grenzübergänge von Deutschland zu den Nachbarländen aufgesucht. „Mindestens zwei pro Land“ sollten es sein, erzählt Vogel, der damals dort mit analogen Aufzeichnungsgeräten die Geräusche an der Grenze aufnahm. Er sprach außerdem seine unmittelbaren Beobachtungen in ein Diktiergerät. Markefka machte vor Ort Skizzen und arbeitete diese später zu Gemälden aus.
Um eine wissenschaftliche oder historische Dokumentation ging es den beiden nicht, sondern eher um eine „emotionale“. Und so erinnert sich Markefka heute daran, dass sich die meisten Grenzorte „komisch anfühlten“. Es waren „deprimierende Orte“, sagt sie, „das war alles so verlassen.“ Das aber oft zur Freude der Natur, die sich, so erinnert sie sich auch, vieles schon wieder „zurückerobert“ hatte.
Ansonsten gab es da leere Gebäude, Ruinen, manches war schon abgerissen. Anderes wurde umfunktioniert zu einem „Eis-Center“, einem Grill-Haus, einer Wohnung. In einer Ruine lebten Schwalben. Mit den Menschen redeten Vogel und Markefka eher wenig. Gespräche aufzunehmen, gehörte nicht zum Projekt. Was sie überraschte, war, dass sich auch kaum jemand für sie interessierte.

Gut, der eine oder andere Polizist oder Zöllner sprach sie dann doch an. Wobei sich letzterer mehr für den Kulturbeutel von Vogel als für seine Aufnahmegeräte im Koffer interessierte. Diese, vom kleinen Diktiergerät über Kassettenrekorder bis zur Revox-Bandmaschine, die mit langsamer Bandgeschwindigkeit sehr lange aufnehmen kann, sind übrigens mit ausgestellt. Am 23. November um 15 Uhr wird Vogel eine Performance damit aufführen.
Im selben Raum sind auch die von Vogel eingesprochenen, bearbeiteten und nochmal neu aufgenommenen Texte zu hören, die insgesamt vier Stunden dauern. Auf dem Boden ist die deutsche Landesgrenze aufgeklebt. Und auf einer Seite gibt es eine Posterwand mit 31 Schnappschüssen von damals. Einige der Motive kann man im zweiten Ausstellungsraum wiedersehen.
Dort hängen 31 Gemälde von Markefka an Schnüren von der Decke. Auf diesen sind, meist fragmentarisch, verschiedenste Motive zu sehen. Ein Auto auf der Straße, an einem Wald, der sich in Nichts auflöst. Eine blaue Dachkonstruktion, die sich auf einem der Fotos wiederfindet. Eine Kapelle, ein Parkplatz, mehrere Wappen, eine Treppe und andere architektonische Details. Wie bei den Texten wirkt vieles assoziativ.
Ziel sei auch hier, so formuliert es Vogel, die eigenen Erinnerungen der Betrachter „hochzuholen“. Und auch zu zeigen, wie „surreal“ solche Grenzorte eigentlich sind. Mit ihrer zum Teil ganz eigenen Architektur, die ja nie zum Bleiben, sondern nur zum Passieren bestimmt ist. Wobei dort aber oft sehr folgenreich über die Rechte von Menschen bestimmt wird.

Welches Motiv, welches Aufnahmegerät zu welchem Ort gehört, lässt sich mithilfe von Nummern und einer Legende erkunden. Zur Vertiefung gibt es zudem am 26. November um 20 Uhr einen Talk, an dem unter anderem die Direktoren der Kunsthalle München und des Institut français Roger Diederen und Michael Schischke teilnehmen. Und es gibt eine Publikation, die bei der Finissage am 30. November vorgestellt wird.
Am selben Tag findet übrigens ab 16 Uhr mit „Invisible Borders“ eine Performance von Anna McCarthy auf dem Odeonsplatz statt, bei der „Grenzkontrollen“ simuliert werden. Da geht es um die „aktuelle Migrationspolitik“, die nun auch bei „Nach der Grenze“ mit hineinwirkt. Bei einem Projekt über verschwundene Grenzen, oder wie es jetzt heißt: über den „Verlust einer Utopie“.
Silke Markefka und Nikolai Vogel: „Nach der Grenze“, bis 30. November, Muffatwerk, Zellstraße 4, München, www.nikolaivogel.com

