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Ausstellung in der Hypo-Kunsthalle:Fadenfrohe Wunderwerke

In der Kunsthalle München sind Bildteppiche aus der Pariser Manufacture des Gobelins zu sehen.

Auf fast acht Metern Breite tut sich ein riesiges Landschaftstriptychon auf, die drei Hauptfelder von kräftigen Bildbändern mit einschlägigen Pflanzen und Tieren umrahmt: die Pyrenäen von Edmond Yarz aus der Serie Provinzen und Städte Frankreichs, 1917 entworfen, 1924 als Wandteppich hergestellt. Das Besondere sind aber nicht so sehr die Farben bei aller realistischen Pracht, sondern es ist die ungewöhnliche Wärme, die das gewaltige Bildwerk ausstrahlt. Auf diese Wärme wird man immer wieder in dieser hochattraktiven Ausstellung treffen, denn das zentrale Material dieser Kunstgebilde besteht aus Wollfäden, mit denen eben gewaltigste Bildformate gewebt werden.

Bildwirkereien, so der altdeutsche Begriff für das, was Tapisserie im Französischen bedeutet, haben immer schon etwas mit Repräsentation, mit kostbarer Dekoration und auch Feierlichkeit zu tun. Die Wirktechnik selbst gehört zu den ältesten Handwerkskünsten der Menschheit, wie etwa Grabbeigaben aus dem alten Ägypten belegen. Die Glanzzeiten erstreckten sich vom Mittelalter über die Renaissance bis ins Barock des Peter Paul Rubens, der einer der großen Entwerfer für Bildteppiche war. Nach der flandrischen Blüte übernahm mit der Gründung der Manufacture nationale des Gobelins in Paris Frankreich die Führung in diesem in der Herstellung sehr zeitaufwendigen Kunsthandwerk. Doch verloren die Bildwirkereien an Renommee und Wirkung mit dem unbedingten Siegeszug der Malerei als gewissermaßen Anführerin der Künste. Hinzu kam, dass Tapisserien eben besonders stark im Zusammenhang mit staatlicher Repräsentation stehen. Das gilt auch heute für die Einrichtung von französischen Regierungssitzen, Ministerien, Botschaften und Konsulaten, kurz: Bildteppiche machen einfach was her.

Hermann Göring hatte diesen Gobelin einst nach dem Einmarsch der Deutschen in Paris in der feinsten französischen Tapisserie in Auftrag gegeben, in einem Format, das seinem Größenwahn entsprach.

(Foto: Robert Haas)

Das zeigt nun die tolle Präsentation in der Hypo-Kunsthalle in allen Räumen und in allen Facetten dieser Handwerkskunst gerade im Zeichen der klassischen Moderne, bei Henri Matisse, Pablo Picasso oder Le Corbusier ebenso wie bei Joan Miró, Sonia Delaunay oder Hans Hartung. So wandert der vielleicht skeptische Betrachter, der zuerst an dekorativ-pathetischen Teppichschwulst und -kitsch denken mag, schon bald mit anderen Augen und Gedanken durch diese prachtvolle Schau, und ist, wenn er nicht blind in Vorurteilen steckt, tief beeindruckt, wie die Kunst der Tapisserie nach dem Ersten Weltkrieg in Frankreich eine ganz neuartige Blüte erreicht.

Auch Edmond Yarz' gewaltiger Pyrenäen-Dreiteiler in einem Stück wirkt da nicht bloß als patriotisch-heiles Landschaftspanorama, sondern eben auch als Wärme ausstrahlende Hommage an die Pyrenäen. Gewiss, das wuchtig vaterländische Pathos, mit dem Louis Anquetin 1921 "die Mobilmachung" in rubenshafter Saftigkeit konzipierte, die nun als über mehr als vier mal drei Meter Bildteppich, 1935 in der Manufacture de Beauvais gefertigt, die Wand bedeckt, stößt eher ab. Oder noch mehr der Gobelin nach Entwurf von Georges Desvallières mit einer heroisch erstrahlenden Frankreichallegorie 1918. Das will imponieren und bleibt doch flach, abgesehen von der Stofflichkeit, mit der auch solche thematisch wenig anrührenden Wirkereien so intensiv den Raum bestimmen.

Der Stoff aus dem das Träumen ist: Ein Besucher betrachtet den riesigen Wandteppich nach Edmond Yarz' "Die Pyrenäen".

(Foto: Robert Haas)

Besonders fürchterlich sind aber jene Größenwahnsinnigkeiten, die die Nazi-Besatzer von der Manufacture des Goblins in den Vierzigerjahren verlangten. Der um keine mörderische Geschmacklosigkeit verlegene Göring wollte eine Wand seiner monströsen "Residenz" Carinhall bei Berlin mit einer Tapisserie "Die Erdkugel" dekorieren, die gleich 72, 2 Quadratmeter bedecken sollte. Der in jeder Hinsicht peinliche Entwurf stammt von Werner Peiner. Ähnliches gilt für Ribbentrops Außenministerium und einen dümmlich-faden Ochsenstreitwagen, der die "Fruchtbarkeit" symbolisieren soll, ebenfalls riesig.

Wirklich in Fahrt und Farbe aber kommt die Ausstellung, wenn Matisse, Picasso und Co. Regie führen. Das eher kleine luftige von Rot beherrschte Gemälde "Die Laute" von Matisse 1943 gemalt, erscheint nun als Bildteppich (1947 bis 1949) zuerst stofflich dicht, warm, aber aus der Entfernung doch wieder auch licht und leicht. Großartig ist André Massons herrlich bewegte Komposition "Verfolgung inmitten von Ausbrüchen und Keimungen", die er 1967 mit Öl und Sand auf die Leinwand bannte, 1969/70 als in der Bildfläche deutlich vergrößerte Wirkerei gelungen. Denn die Gobelin-Künstler haben das Sandige der Vorlage durch verschiedenste Webdichten suggestiv nachempfunden. Die Assoziation von Wüste als Hintergrund wirkt in Wolle und Seide unmittelbar.

"Die Fäden der Moderne" heißt die Schau, bei der es sich lohnt, ganz genau hinzusehen, wie die Besucherin unten.

(Foto: Robert Haas)

Dabei geht es nicht um sklavische Nachahmung, bei der der Ursprungsentwurf immer als unübertreffliches Original gilt, sondern die Wirkkünstler müssen eigene Erfindungskraft aufbringen, um die ins Große projizierten Bildflächen so zu gestalten, dass eben die Kraft des Entwurfes auch in der Teppichversion - im doppelten Sinn - wirken kann.

Bei Joan Mirós Entwurf "Komposition Nr. 2" von 1956 dreht er einen Stier, der nur mit einer weißen Linie umrissen ist, in die Senkrechte, im unteren Viertel leuchtet ein roter kreisrunder Fleck im insgesamt schwarzen Grund auf. Die Tapisserie von 1966 hat die direkte Wucht eines Plakats. Picasso hingegen konzipierte seine "Frauen bei ihrer Toilette" für eine großformatige Tapisserie 1937 als Papiercollage. Durch den Zweiten Weltkrieg und auch technische Umsetzungsschwierigkeiten musste das Projekt, an dem Picasso mitarbeitete, unterbrochen werden. Erst 30 Jahre später entdeckte André Malraux, der damalige Kulturminister, die Collage und regte die Verwirklichung an, die zwischen 1971 und 1977 geschah. Die Verblüffung ist groß, wenn man seinen Augen kaum trauen will, dass da nicht Papier, sondern Wollfäden auf die verschiedenste Art Papier vorgaukeln - ein Wunderwerk.

Victor Vasarelys Op-Art mit ihren Wahrnehmungstäuschungen eignet sich auch als Tapisserie blendend und trügerisch, selbst wenn man ganz dicht davorsteht und sieht, dass es sich um eine Teppichfläche handelt. Auch hier haben die Wirkkünstler, deren Namen so gut wie nie genannt werden, anders als beim Verhältnis Maler-Drucker, schier Unglaubliches geleistet, um diese Täuscheffekte perfekt in ihrem "Medium" umzusetzen.

Das gilt noch staunenswerter für Alain Séchas' "Eine Karte Japans" aus dem Jahr 2010, die die Künstler der Manufacture des Gobelins so wirkmächtig aus Wolle und Seide hingezaubert haben, als habe Séchas gerade mit pastosem Pinsel seine Farben drauf geworfen. Jedenfalls weiß jeder, der aus dieser farbenprächtigen, ungemein abwechslungsreichen und erhellenden Ausstellung kommt, dass die Kunst der Bildwirkerei große Gegenwart und Zukunft hat.

Die Fäden der Moderne. Matisse, Picasso, Miró ... und die französischen Gobelins, bis zum 8. März 2020, Hypo-Kunsthalle München, Theatinerstraße 8, www.kunsthalle-muc.de, Katalog Hirmer Verlag, München 2019, 216 Seiten