Sparzwänge machen den Museen, egal ob staatlich, städtisch oder privat finanziert, zu schaffen. Viele Ausstellungen vom vergangenen Jahr laufen noch eine geraume Zeit. Und auch wenn die Häuser gezwungen sind, mehr aus dem eigenen Bestand zu entwickeln und die Ausstellungen länger laufen zu lassen, ist es überraschend, wie viele Ausstellungen und welch verschiedene Themen im Jahr 2026 zu sehen sind.
Alte Pinakothek

Das Beste kommt zu Schluss. Das könnte man über den Ausstellungsreigen in der Alten Pinakothek sagen. Denn deren wichtigste und größte Präsentation kommt erst Ende November und widmet sich einer ausgesprochen amourösen Beziehung. Im Mittelpunkt von „Liaisons françaises“ steht die französische Malerei in Bayern. Sie zeigt früh erworbene Gemälde von Claude Lorrain und Nicolas Poussin und Porträts, die französische Maler im Dienste der Wittelsbacher gefertigt haben. Dabei soll deutlich werden, welch wichtige Rolle Frankreich in der bayerischen Geschichte, in Politik und Kultur spielte. Neben herausragenden Werken aus dem Sammlungsbestand konnte die Pinakothek auch zahlreiche internationale Leihgaben holen (bis April 2027).
Bereits im März beginnt unter dem Titel „Stolzer Strauß und wütender Tiger“ eine Ausstellung bronzener Tierdarstellungen, mit der während der Sanierung der Neuen Pinakothek Werke aus deren Sammlungsbestand in der Alten Pinakothek zu Gast sind. Die kleine Schau macht deutlich, wie sich Tierskulpturen aus dem Kontext der Herrschersymbolik und der repräsentativen Denkmalkunst lösten, wie Darstellungen exotischer Tierarten die Entwicklung zoologischer Gärten und das Narrativ deutscher Kolonialgeschichte beeinflussten (bis Oktober 2026).
Archäologische Staatssammlung

Stonehenge – schon der Name versetzt manche Menschen in einen vibrierenden Zustand. Doch nicht den spirituellen und mythologischen Aspekten des berühmten prähistorischen Steinkreises im Südwesten Englands widmet sich die Ausstellung in der Archäologischen Staatssammlung, die ab 18. September zu sehen ist, sondern den damit verbundenen archäologischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Neuere Ausgrabungen und Analysen zeigen, dass seine Erbauer – frühe Bauern vor 5000 Jahren – Teil einer komplexen Kulturlandschaft waren. Die Entwicklung von Stonehenge gipfelte um 2500 v. Chr. in jener monumentalen Form, die bis heute fasziniert. Die Ausstellung „Stonehenge. Uralte Geheimnisse, neue Entdeckungen“ präsentiert etwa 600 Originalobjekte, Repliken und immersive Medieninstallationen und wird bis Ende August 2027 zu sehen sein.
Haus der Kunst

Wer bisher nicht wusste, wo sich in München der Surfspot No.1 befindet, weiß es spätestens, seit sich die Eisbachwelle nach einer sogenannten „Bachauskehr“ im vergangenen Jahr von einer stabilen Welle in sprudelndes Weißwasser verwandelte und damit jeden Wellenritt unmöglich machte. Und der eine oder die andere mag mitbekommen haben, dass die berühmte Welle neben einer Kunstinstitution liegt, die sehr viel älter ist und bis vor ein paar Jahren ungleich berühmter war: dem Haus der Kunst. Auch wegen des Hypes um die Welle sprudelt aus dem Jahresprogramm eine Ausstellung heraus, in der es nicht um Geröll und Gestein geht (das bei eben jener legendären Bachauskehr entfernt wurde), sondern um all die Dinge, die sich im Eisbach sonst noch so finden lassen. Wenig überraschend: massenhaft Smartphones, Uhren, Kopfhörer und Brillen. Was sonst noch so aus dem Eisbach gefischt wurde, erzählt Tao Schirrmacher mit seiner Sammlung „Lost ’n’ Drowned im Eisbach“, die vom 26. Juni bis Februar 2027 in der Archiv Galerie im Haus der Kunst zu sehen sein wird.
Kunsthalle München

Zu einer echt haarigen Angelegenheit lädt die Kunsthalle am 20. März ein. Die neue Ausstellung trägt den fast schon genialen Titel „Haar – Macht – Lust“, weil er alles umreißt, womit sich die Schau beschäftigt. Weil Haare in ihrer kunstvoll aufgebrezelten Form zu vielen Zeiten als Macht- und Statussymbol galten, die die Herrschenden vom einfachen Volk unterschieden, den langhaarigen Rebellen der Nachkriegszeit vom Spießbürger. Aber auch weil Haare, wenn man sie berührt, durchaus wie ein Aphrodisiakum wirken können. Die Kunsthalle will anhand zahlreicher Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Videoarbeiten, Schmuckstücke, Möbel, Designobjekte und Couture-Kreationen von Schönheit und Begehren, Macht und Ohnmacht, von Anpassung und Rebellion erzählen (bis Anfang Oktober).
Lenbachhaus

Aktuell wird im Lenbachhaus wieder einmal die Präsentation des Blauen Reiters umgekrempelt, um vom 10. März an altbekannte und heiß geliebte Ikonen der Künstlervereinigung in neuen Bezügen zu präsentieren. Dieser neue Blick geht nicht nur über den Tellerrand, sondern gleich „Über die Welt hinaus“, so der Titel, der auf ein Zitat von Else Lasker-Schüler von 1911 zurückgeht. Bedeutende Neuzugänge der Sammlung des Lenbachhauses wie die großformatigen abstrakten Kompositionen von Wilhelm Morgner oder sozialkritische Werke von Emmy Klinker und Albert Bloch sind dabei erstmals zu sehen. Mit über 150 Arbeiten will die Ausstellung die bedeutende Bewegungen der europäischen Avantgarde neu beleuchten und zeigen, wie aktuell ihre Fragen nach Emanzipation, ästhetischer Praxis und gattungsübergreifenden Innovationen noch heute sind.

„Ein Ferngespräch. Szenen aus der Weimarer Republik“ heißt die in diesem Jahr wohl größte Sonderschau des Lenbachhauses, die am 12. Mai eröffnet (zu sehen bis 27. September). Die 1920er-Jahre waren nicht nur die „Golden Twenties“, sie waren auch eine Zeit der Hyperinflation und der Weltwirtschaftskrise, in der viele Menschen verarmten, Kriegsversehrte, Arbeiterinnen, Arbeitslose und Veilchenverkäufer das Straßenbild prägten. Die Künstlerin Käte Hoch malte ihren Freund Erich Müller-Kamp telefonierend am Schreibtisch. Ein Ferngespräch, so riet Kurt Tucholsky sarkastisch, solle möglichst „deutlich und dialektfrei“ geführt werden, damit die Überwachungsbeamten dem Gesagten auch gut folgen könnten. In der Ausstellung geht es um solche konkreten Geschichten und Details, um die Geschichte der Weimarer Zeit zu begreifen.
Museum Brandhorst

Zu einer historisch-kritischen Selbstbefragung lädt das Museum Brandhorst vom 14. Mai an ein. „Carrying“, so heißt die Ausstellung, beschäftigt sich mit der Frage, wer wie welche Geschichten und die damit verbundene Geschichte erzählt. Der Ausgangspunkt liegt im Areal selbst, das einst als „Türkenkaserne“ bekannt war. Der Name des 1826 errichteten Militärkomplexes geht auf Kriegsgefangene zurück, die Ende des 17. Jahrhunderts aus dem Osmanischen Reich zur Zwangsarbeit nach Bayern gebracht wurden. Noch heute künden die Türkenstraße oder das Türkentor von dieser Vergangenheit. Über architektonische Interventionen, Performances, Malereien sowie Sound- und Filmarbeiten werden verschiedene Künstlerinnen und Künstler die Verschränkung von militärischer und kultureller Macht hinterfragen (bis 8. November).
Pinakothek der Moderne

Mit einem gemeinsamen Blick in den Spiegel starten die vier Museen unter dem Dach der Pinakothek der Moderne (Sammlung Moderne Kunst, Staatliche Graphische Sammlung München, Architekturmuseum der TUM und Die Neue Sammlung – The Design Museum) Mitte Februar in das Ausstellungsjahr. In „Reflexion“ geht es um Spiegel, Licht und Transparenz in der Kunst, der Architektur und dem Design von den 1960er-Jahren bis heute. Der Begriff der Reflexion wird dabei wörtlich und sinnbildlich verstanden: vom Spiegelbild zwischen Ideal und Realität über den Spiegel als Symbol der Eitelkeit bis hin zum Spiegel der Erkenntnis. Diese Selbstbefragung anhand von Architekturen, Designobjekten und Kunstwerken mit leuchtenden, transparenten oder spiegelnden Oberflächen und Materialien verspricht ein hübsches Spiel mit Rollen und Klischees zu werden in unserer immer stärker auf das eigene Bild konzentrierten Welt. Denn dass die Besucherinnen und Besucher dabei im Spiegel der Ausstellung stehen werden, versteht sich von selbst (bis Ende Mai).
Architekturmuseum

Einem hochaktuellen Thema widmet sich die wichtigste Ausstellung des Architekturmuseums in der Pinakothek der Moderne in diesem Jahr: der globalen Versorgung der Menschheit mit Nahrung. „Convivium – Nahrungssysteme am Limit“ heißt die Schau, die am 23. April startet (bis Oktober 2026). Wir alle wissen, wie Klimawandel, Überkonsum und exzessive Verschwendung von Lebensmitteln die globalen Systeme der Nahrungsproduktion immer mehr an ihre Grenzen bringen. Meere sind überfischt, Ackerböden sind ausgelaugt und erodieren, Landstriche verwüsten, weil der Regen ausbleibt. Anhand von zwölf Beispielen stellt die Ausstellung Produktion, Verarbeitung und Vertrieb von Nahrung in den Mittelpunkt. Da geht es um die Bedeutung des Bodens für die Nahrung, um technologisch hochgerüstete Gewächshäuser, den Wettkampf um Milch und Fleisch in den Kuhställen, die Auswirkungen der industrialisierten Lachszucht, aber auch um Chancen von Indoor-Aquakulturen und die Bedeutung der lokalen Fischerei in Portugal. Kein klassisches Ausstellungsthema, aber ein wichtiges.
Designmuseum

Die Neue Sammlung setzt ihr Jubiläumsprogramm zum 100-jährigen Bestehen mit mehreren Ausstellungen fort. Unter anderem widmet sie sich von Mitte Juli an in der Paternosterhalle dem Biodesign von Maartje Dros und Eric Klarenbeek. Ihr Studio Klarenbeek & Dros hat weltweit erstmals lebendes Myzel, die Wurzelstruktur von Pilzen, in 3D gedruckt. Entstanden sind Möbel, Glas- und Textilobjekte, Wandstrukturen und Arbeiten für den öffentlichen Raum mit einem negativen Kohlenstoff-Fußabdruck. Bekannt wurde Klarenbeek & Dros auch durch die Zusammenarbeit mit dem Modelabel Iris van Herpen. Sie entwarfen das „Vegan Dress“ aus 3D gedrucktem Material, das 2022 auf der Paris Fashion Week gezeigt wurde, um ein Statement für nachhaltige Mode zu setzen.
Graphische Sammlung

Mit der am 5. Februar eröffnenden Ausstellung „Daniel Grüttner – Out of the Web“ geht die Staatliche Graphische Sammlung München der Frage nach dem Stellenwert der Zeichenkunst im 21. Jahrhundert nach. Das Projekt bildet den Auftakt zu drei aufeinanderfolgenden Ausstellungen in diesem Jahr, die das Verhältnis von Malerei und Zeichnung innerhalb eines Werks diskutieren (bis 3. Mai).
Moderne Kunst

Die Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne wird Anfang Juli eine größere Ausstellung eröffnen: „Between and Beyond. Der erweiterte Bildraum“ zeigt Werke aus der eigenen Sammlung ab 1960, die zu ihrer Zeit den traditionellen Kunstbegriff infrage stellten. Beispielsweise Dan Flavin, der mit seinen Lichtinstallationen ein neues Raumerlebnis schuf, Fred Sandback, der gleichsam eine Vermessung des Raumes mit minimalistischsten Mitteln vornahm, Lucio Fontana, der die Leinwand durch seine Schlitztechnik zum Ereignisraum machte, oder Günther Uecker, dessen Nagelbilder in die Sphären der Flachware eindrangen. Aber auch Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler wie Roman Ondák, Wade Guyton, Rosemarie Trockel, Luc Tuymans und anderer werden unter dem Aspekt des erweiterten Bildraums vorgestellt (bis Ende August 2027).

Anfang Oktober widmet man sich unter dem Titel „Die Nacht berührt die Erde“ dem Kosmos des Malers Fritz Winter zwischen 1930 und 1940. Im Mittelpunkt steht die Frage: Wie gehen Zeitzeugenschaft und künstlerische Abstraktion in Zeiten von Diktatur und Krieg zusammen? Ausgebildet bei Klee und Kandinsky am Bauhaus in Dessau, fand Winter ab 1933 keine Ausstellungsmöglichkeiten mehr in Deutschland. Ab 1937 galt seine Kunst als entartet. Den Zweiten Weltkrieg erlebte er als Soldat an der Ostfront. Seine Erfahrungen als Soldat verarbeitete er in Hunderten Zeichnungen, in denen er sich auch mit der menschlichen Vernichtungsmaschinerie und der Zerstörung von Lebensräumen auseinandersetzte. Die 1944 entstandene Werkgruppe „Triebkräfte der Erde“ gilt als Metapher für die Überwindung des Nationalsozialismus. Anhand des neu zugänglich gemachten Nachlasses soll diese zentrale Werkphase von Fritz Winter aus Anlass seines 50. Todesjahres neu erzählt werden (bis Anfang Januar 2027).
Villa Stuck

Auch die Villa Stuck kann trotz Sparzwangs ein attraktives Programm bieten, wovon hier nur zwei Ausstellungen erwähnt seien. Die Künstlerin Ilit Azoulay hatte schon im Interim in der Goethestraße mit „Stopover“ ein aufwendig recherchiertes Projekt verwirklicht, in dem sie das Augenmerk auf die NS-Geschichte des Hauses an der Goethestraße lenkte, das einst als Zwangsunterkunft für verfolgte jüdische Personen diente. Ab 15. Mai konzentriert sie sich in der Ausstellung „No Single View“ auf die Menschen, die mit der Künstlervilla an der Prinzregentenstraße 60 verbunden waren. In einer Drei-Kanal-Installation erzählt Azoulay eine kaleidoskopartige Geschichte von Mary Stuck, der einzigen leiblichen Tochter des Künstlers (bis 18. Oktober).

Der Gegenwart verbunden ist die Ausstellung „Zehn Leben“ von Delschad Numan Khorschid und Jan-Hendrik Pelz, die ebenfalls am 15. Mai startet und bis 8. November läuft. Delschad Numan Khorschid, Ensemblemitglied des Münchner Residenztheaters, verarbeitet die traumatischen Erinnerungen an seine einsame Flucht als Kurde aus dem Irak nach Deutschland in Gemälden, Fotografien und Texten. Jan-Hendrik Pelz macht mit großformatigen, meist fotorealistischen Gemälden und Skulpturen auf migrantische Schicksale und die damit verbundenen Traumata aufmerksam. Das gemeinsame Projekt ist ein bewegender und kraftvoller Aufruf zu mehr Menschlichkeit, in dieser von oft unmenschlichen Migrationsdebatten geprägten Welt.

